Rick Baker, der Maskenbildner hinter «Star Wars» und «Thriller», sagt: «Die Aufregung über KI wird sich legen»Bevor Computer die Filmwelt eroberten, liess Baker mit Latex, Silikon und Phantasie unglaubliche Kreaturen entstehen. Am Locarno Film Festival erzählt der siebenfache Oscar-Gewinner von seinen Anfängen, Konkurrenten und der Arbeit mit Michael Jackson.13.08.2026, 16.53 Uhr5 LeseminutenAm Mittwochabend nahm Rick Baker den «Vision Award» auf der Piazza Grande in Locarno entgegen.Jean-Christophe Bott / KeystoneVor dem Computer gab es einmal eine Zeit, als das Kino eine Bühne für geradezu magisch wirkendes Handwerk bot. Das Publikum staunte, wenn einem jungen Mann plötzlich aus dem ganzen Körper Haare sprossen und er sich in einen brüllenden Werwolf verwandelte. Es erschrak darüber, wenn ein besessenes Mädchen seinen Kopf um die eigene Achse rotieren liess. Oder lachte mit dem grünen Grinch, der Weihnachten abschaffen will. Und manchmal fragte es sich: Wie genau haben die das gemacht?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein solcher Tüftler, der mit Latex und Silikon die Phantasie beflügelt, ist Rick Baker, der prominenteste Maskenbildner Hollywoods. Sieben Oscars hat er in seiner Disziplin gewonnen, wirkte in unzähligen Genreklassikern von «Star Wars» über «The Exorcist» bis «Men in Black» mit. Dafür wurde er am Locarno Film Festival geehrt, mit einem Vision Award und überschwänglichem Lob des künstlerischen Leiters Giona Nazzaro: Baker sei ein «Vertreter der letzten analogen Revolution, ein Renaissancekünstler im Dienst des Kinos».«Für Genies halten sich ohnehin alle»Darauf antwortet der 75-Jährige bodenständig: «In Hollywood wird jeder zu einer Legende, der lange genug überlebt. Und für Genies halten sich ohnehin alle. Ich bin bloss ein Typ, der Glück hatte.» Unglaublich sei es, dass er für sein Hobby bezahlt und mit Preisen überhäuft worden sei.An mehreren Anlässen, mit Journalisten ebenso wie vor Fans, erzählt Baker im Tessin aus seinem Leben. Mit weissem Pferdeschwanz, Ohrring und in T-Shirts, die mit Zombies und Monstern bedruckt sind. Selbstironisch und voller ausführlicher Anekdoten: «Ich rede viel, das passiert eben, wenn man einem alten Mann ein Mikrofon hinhält.»Mit zehn Jahren wusste der junge Rick, dass er einmal nichts anderes tun wollte, als Menschen in etwas anderes zu verwandeln, Monster zu erschaffen. Oft sass er mit dem kreativ begabten Vater vor dem Fernseher und sah Horrorfilme. Zuvor hatte er Arzt werden wollen, konnte aber kein echtes Blut sehen. Also wurde er Doktor Frankenstein.Trotz seinem ungewöhnlichen Berufswunsch erhielt er die maximale Unterstützung der Eltern, die ihm ihr Schlafzimmer als Make-up-Studio zur Verfügung stellten. Geld war wenig da in der Familie, also musste der Junge für seine Materialien sparen oder nehmen, was die Küche hergab. «Rick Baker, Monstermaker», reimten die anderen Kinder in der Schule.Zu seinem ersten Job kam er 1970 mit zwanzig Jahren: das Kostüm für eine radioaktiv verstrahlte Kreatur namens Octaman. Ein Film, «für den selbst das Prädikat ‹B-Movie› noch grosszügig gewesen ist», sagt Baker. Chaotisch sei der Dreh gewesen, geprobt wurde nicht. In einer Szene purzelten die Darsteller durcheinander, einer brach sich die Hand.Von nun an folgte eine Reihe ähnlicher B-Movies. Doch der geschickte und gewiefte Baker wurde auch gerufen, wenn bei grösseren Produktionen Not am Mann war. Etwa 1973 bei «The Exorcist», als Regisseur William Friedkin mit der Arbeit des Maskenbildners Dick Smith, einer Legende der Branche, nicht zufrieden war. So verbrachte Baker fast den ganzen Dreh in Smith’ New Yorker Keller und bastelte. Auch George Lucas half er aus: Die Aliens aus der Cantina-Bar im ersten «Star Wars»-Film sind seine Kreationen.Die Neuverfilmung des Monsterklassikers «King Kong» (1976) von John Guillermin wurde kein Liebling der Kritiker.ImagoIn der Cantina-Bar-Szene in «Star Wars» hat Rick Baker selbst als Alien mit Teufelshörnern einen kleinen Auftritt.The Legacy Collection / ImagoFür das italienische Remake von «King Kong» schuf Baker 1976 das Kostüm des Riesenaffen und schlüpfte selbst hinein. Oft musste er stundenlang am Set auf seinen Auftritt warten. Doch der junge Mann bekam erfahrene Konkurrenz vor die Nase gesetzt: Der Maskenspezialist Carlo Rambaldi wollte einen gigantischen Roboter bauen, was aber nicht funktionierte. Als ein Journalist vom «Time»-Magazin für einen Setbesuch vorbeikam, hätten die Produzenten versucht, den Fehlschlag zu verschleiern und Bakers Arbeit herunterzuspielen, erzählt der Maskenbildner. Doch die Sache kam raus, Baker kündigte und wurde lediglich mit einer Erwähnung im Abspann bedacht.Erfolgreicher lief die Zusammenarbeit mit Regisseur John Landis. Ein verrückter, hyperaktiver Typ sei das gewesen, so Baker. Landis sei in sein Zimmer bei seinen Eltern gestürmt, habe dort die riesige Sammlung an Monsterfiguren bewundert und wild geflucht. Zusammen drehten sie 1981 den Hit «An American Werewolf in London»: Zwei Backpacker werden in Nordengland von einer Kreatur angegriffen, der eine stirbt, der andere wird zum Werwolf. Ein ebenso humorvolles wie spektakuläres Schreckensszenario, für das Baker seinen ersten Oscar erhielt.Der Fluch des Werwolfs trifft David (David Naughton) hart.ImagoIn einem seiner spektakulärsten Musikvideos tanzt Michael Jackson mit Zombies und Werwölfen.ImagoNach dem Erfolg des Horrorfilms meldete sich ein prominenter Fan: Michael Jackson. Der Musiker wollte seine Schauspielkünste beweisen und ein abgefahrenes Video für seinen Song «Thriller» drehen, eine Art Zombie-Musical. Der Superstar, dessen Konzerte Tausende elektrisierten, erwies sich als umgänglich, aber zugleich als extrem schüchtern: «Bei seinem ersten Besuch in meiner Werkstatt fragte er, wo das Bad sei, er musste sich erst einmal verstecken.»Irgendwann fühlte er sich als DinosaurierNicht alles lief reibungslos in seiner Laufbahn: «Ich habe mit vielen tollen Leuten zusammengearbeitet, aber auch mit einigen Arschlöchern.» 2015 beendete Baker seine Karriere, er habe sich im Zeitalter der computergenerierten Spezialeffekte wie ein Dinosaurier gefühlt. Zudem sei die Branche immer hektischer und unpersönlicher geworden: «Wenn man früher zu einem Top-Produzenten wie Dino De Laurentiis ins Büro kam, lautete seine Antwort auf alle Fragen zwar meistens ‹Nein!›, aber zumindest hatte er überhaupt ein offenes Ohr.»Inzwischen hat der Künstler seinen Frieden gemacht, freut sich für Kollegen, denen immer noch etwas gelingt, was das Publikum verblüfft. Grossartig habe er etwa die Arbeit von Mike Marino gefunden, der Colin Farrell in der Serie «The Penguin» in den fast unkenntlich vernarbten Schurken verwandelte. Den Einsatz von künstlicher Intelligenz sieht Baker hingegen mit gemischten Gefühlen: «Ich glaube, es wird ähnlich wie bei den Computereffekten: Erst sind alle begeistert, dann wird sich die Aufregung legen – und irgendwann wird alles gleich aussehen. Dann wird man wieder Künstler brauchen, die etwas Einzigartiges schaffen. Ich hoffe, dass es so kommt.»Mit «The Wolfman» schloss sich für Rick Baker 2011 ein Kreis: 30 Jahre nach seinem ersten Oscar erhielt er seinen letzten; wieder für eine Werwolf-Maske.ImagoPassend zum Artikel