SZ: Frau Koch, Sie wechselten von der Filmkarriere zum Beruf der Ärztin, moderierten als Expertin die Radiosendung „Gesundheitsgespräch“ und sind als Buchautorin erfolgreich. Eine Scheu vor Umbrüchen hatten Sie wohl nie?Marianne Koch: Stimmt! Dazu muss ich sagen: Mein Wunsch, Ärztin zu werden, der stand für mich schon als Kind felsenfest.Nur kamen Ihnen dann das Leben und die Schauspielerei dazwischen.Also angefangen mit meinem Medizinstudium hier in München habe ich schon sehr früh. Zur Einschreibung musste sogar meine Mutter mitkommen, weil ich noch nicht volljährig war. Ich hatte mit 17 Jahren mein Abitur bestanden!Das lag aber damals nicht am verkürzten achtjährigen Gymnasium …Nein, das hing mit den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit zusammen. Ich konnte eine Klasse überspringen und wurde dann zu einem sogenannten Notabitur zugelassen.Wie muss man sich Ihr damaliges Leben vorstellen?Wir hatten dahingehend Glück, dass wir in unserem eigenen Haus in Geiselgasteig lebten, meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich. Der erste Stock war vermietet, aber der Garten unten war ein Paradies für uns Kinder, meine Mutter baute dort auch Obst und Gemüse an. Was wichtig war, denn es herrschte Mangel an allem.Wie finanzierten Sie Ihr Studium?Ich hatte glücklicherweise aufgrund meiner guten Noten ein Stipendium bekommen. Damals gab es noch richtig hohe Studiengebühren an der Universität. Deshalb suchte ich mir einen Job für die Semesterferien. Jemand gab mir den Tipp, es bei der Bavaria zu versuchen. Die würden immer Aushilfen suchen. Und für mich war es auch vom Weg her der nächstliegende Betrieb.Bewarben Sie sich direkt als Schauspielerin?Auf gar keinen Fall, daran dachte ich gar nicht. Ich wurde im Kopierwerk eingestellt, reinigte die Filmrollen und beschriftete sie. Solche Tätigkeiten.Wie kamen Sie dann doch vor die Kamera?Eine Fotografin, die ich auf dem Gelände traf, erzählte mir davon, dass eine Besetzung für eine Rolle gesucht würde. „Du passt genau zu der Beschreibung, geh’ doch mal hin und stell dich vor!“, sagte sie zu mir.Und sie folgten ihrem Rat.Ja. Mit mir waren auch viele andere, sehr hübsche Schauspielerinnen dort, die eine professionelle Sprech-Ausbildung hatten. Das hatte ich gar nicht zu bieten, also rechnete ich mir keine großen Chancen aus.Als Studentin wurde Marianne Koch für den Film entdeckt. Ihre erste Rolle spielte sie mit 18 Jahren als Tochter von Rudolf Forster in dem Kinomelodram „Der Mann, der zweimal leben wollte“ (1950). privatAber es klappte dann doch?Erstaunlicherweise. Ich wurde nach dem ersten Casting gebeten, zu Probeaufnahmen wiederzukommen – und dann bekam ich tatsächlich 1950 die Rolle als Tochter von Rudolf Forster in „Der Mann, der zweimal leben wollte“.Was meinen Sie, warum gerade Sie die Rolle bekamen?Keine Ahnung. Rückblickend denke ich mir, weil ich gelassen war, heute würde man sagen „cool“. Ich wollte ja Ärztin und nicht Schauspielerin werden. Ich habe die Rollen und Texte schon ernst genommen, aber ich hatte immer eine gewisse Distanz zu meiner Situation als Schauspielerin.Die Rolle als Dorothea „Diddo“ Geiss in Helmut Käutners Film „Des Teufels General" im Jahr 1954 – hier mit Curd Jürgens – war Marianne Kochs Durchbruch. imago images/United ArchivesTrotzdem nahm Ihre Schauspielerinnen-Karriere richtig Fahrt auf. Sie spielten mit Curd Jürgens in Helmut Käutners „Des Teufels General“, mit O.W. Fischer in „Ludwig II.“Aber noch nicht in den ersten Jahren. Zunächst drehte ich nur in den Semesterferien. Doch dann wurden die Rollen interessanter und die Angebote zahlreicher, weshalb ich eine Entscheidung traf: Ich beschloss, für zwei oder drei Jahre mit dem Medizinstudium zu pausieren. Dass es einmal zwanzig Jahre werden würden, hätte ich niemals für möglich gehalten!1956 gingen Sie nach Hollywood. Wie haben Sie als junge Frau das Arbeitsumfeld in den Fünfziger- und Sechzigerjahren erlebt? Der Begriff „Me Too“ existierte noch nicht, aber gab es Belästigungen?Glücklicherweise ist mir das erspart geblieben. Es gab damals zwar Regisseure oder Produzenten, die einen Ruf hatten wie Donnerhall, auch in Deutschland. Ich nenne da jetzt keine Namen. Aber ich kann sagen: Mir ist nichts Derartiges passiert.Was meinen Sie, warum das so war?Ich galt als intellektuell, weil ich in den Drehpausen medizinische Bücher las, in fremden Städten in Museen ging statt für einen Schönheitsschlaf ins Hotel (lacht). Das war abschreckend.Gab es noch weitere Unterschiede zwischen Ihnen und Ihren Kolleginnen?Ich war nicht erpressbar. Weil eine Filmkarriere nicht mein oberstes Ziel war, konnte man mich nicht nötigen, gewisse Dinge zu tun, um eine Rolle zu bekommen. Entweder ich bekam eine Rolle, oder eben nicht. Dieses Selbstbewusstsein hatte ich von Anfang an.In Sergio Leones Western „Für eine Handvoll Dollar“ aus dem Jahr 1964 spielte Marianne Koch an der Seite von Clint Eastwood. imago stock&peopleUmgekehrt gefragt: Sie haben mit attraktiven Kollegen wie Gregory Peck und Clint Eastwood gedreht – haben Sie sich da auch schon mal verliebt?Nein. Also gerade Clint war ein interessanter Typ, sehr zurückhaltend, aber auch freundlich, mit einer starken Präsenz und dem festen Willen, später als Regisseur eigene Filme zu drehen. Es war eine tolle Erfahrung, mit ihm in „Für eine Handvoll Dollar“ zu spielen. Nur hatte ich früh geheiratet, noch als Studentin in München einen jungen Arzt. Ich liebte meinen Mann Gerhard, einige Jahre später bekamen wir unsere beiden wunderbaren Söhne, da war ich gegen diese Versuchungen immun.Kinder einer „bewundernswert emanzipierten Frau“: Marianne Koch mit ihrem Bruder Rudolf und Mutter Mathilde Aumüller vor ihrem Haus in Geiselgasteig. privatSie erwähnten vorhin Ihr Selbstbewusstsein. Was meinen Sie, woher das rührte?Ganz klar von unserer Mutter. Sie war eine für ihre Zeit bewundernswert emanzipierte Frau und vermittelte uns Kindern großes Zutrauen in die eigene Persönlichkeit. Sie wurde 1901 geboren und hatte in der Familie durchgesetzt, auch als Mädchen das Abitur machen zu dürfen – so wie ihre drei Brüder.Hat sie einen Beruf ergriffen?Sie arbeitete in München als Sekretärin in einer Firma. Parallel studierte sie Klavier an der Musikhochschule. Sie verliebte sich dann in einen jüdischen Arzt, der verheiratet war und Familie hatte. Trotzdem bekam sie mit ihm zwei Kinder, meinen zwei Jahre jüngeren Bruder und mich.Sicher damals keine einfache Situation, zudem die Nationalsozialisten an die Macht kamen.Mein Vater Rudolf Schindler war eine medizinische Koryphäe, konnte mit Frau und Kindern rechtzeitig nach Amerika emigrieren.Marianne Koch mit ihrem Stiefvater Rudolf Koch, den ihre Mutter Anfang der Dreißigerjahre heiratete und dessen Namen sie trägt. privatUnd Ihre Mutter?Sie heiratete einen anderen Mann, den Kaufmann Rudolf Koch, dessen Namen ich auch trage. Er war uns ein liebevoller Vater, erst als ich zwölf Jahre alt war, erzählte meine Mutter mir von unserem leiblichen Vater.War das gefährlich für sie?Es gab eine gefährliche Situation, als die Gestapo unser Haus durchsuchte. Ob wir denunziert worden waren, weiß ich nicht. Sie fanden jedenfalls nichts Belastendes, auch keine früheren Briefe vom Freund meiner Mutter.Hatten Sie zu Ihrem Vater Kontakt?Als ich in Hollywood war, suchte ich ihn in seiner Praxis in Los Angeles auf. Wir waren beide sehr aufgeregt, uns als Erwachsene kennenzulernen. Beschlossen dann aber, uns nicht wiederzusehen, aus Rücksicht auf seine Familie.Und Ihre Mutter?Er war ihre große Liebe. Die Ehe mit meinem Stiefvater wurde Ende der Dreißigerjahre geschieden, er ging nach Südwestafrika. Als die Frau meines leiblichen Vaters einige Jahre später starb, meldete er sich direkt bei meiner Mutter. Und bat sie, zu ihm nach Amerika zu kommen. Sie heirateten, lebten erst in Amerika und dann in München, in Geiselgasteig, bis zu seinem Tod.1971 dann der große Umbruch. Warum?Weil mir klar geworden war: wenn ich das jetzt mit dem Medizinstudium nicht weiterverfolge, wird daraus nichts mehr.„Hey, was will die Alte hier?“ hieß es schon mal, als Marianne Koch mit 41 Jahren in den Hörsaal der LMU zurückkehrte. 1973 setzte sie ihr Medizinstudium mit den klinischen Fächern fort. privatWar es merkwürdig, wieder im Hörsaal zu sitzen?Es war ganz toll. Erst einmal gab es schon Getuschel, man kannte mich ja aus Filmen. Ich hörte auch Bemerkungen wie „Hey, was will die Alte hier?“. Da war ich 41 Jahre alt.Aber Sie haben sich nicht beirren lassen?Nein. Und das Getuschel hörte auf, als die Kommilitonen merkten, dass es mir sehr ernst war mit meinem Studium. 1985, nach mehrjährigen Stationen an verschiedenen Kliniken war es dann so weit, ich war Internistin mit einer eigenen Praxis am Ostbahnhof. Zwölf Jahre lang.Warum gaben Sie die auf?Das war für mich damals ein wirklicher Schock. Das Gesundheitsministerium verbot Ärzten über 68 Jahre, weiter Kassenpatienten zu behandeln. Das war eine regelrechte Altersdiskriminierung.Sie hätten aber privat noch weiter behandeln dürfen?Ja. Aber das kam für mich nicht infrage. Ich liebte meine Kassenpatienten aus dem sogenannten „Glasscherbenviertel“, darunter auch viele Gastarbeiter, so nannte man sie damals. Mir lagen diese normalen, gestandenen Leute am Herzen.Marianne Koch ist auch als Medizinpublizistin erfolgreich: Hier 2004 bei einer Lesung aus ihrem Buch „Körperintelligenz“ in Ottobrunn. Schunk Claus/lksFür Sie hielt das Leben einen erneuten Umschwung bereit …Ja, durch die Anfrage von dtv, ein medizinisches Gesundheitsbuch zu schreiben. „Mein Gesundheitsbuch“. Darin erkläre ich den Körper und seine wichtigsten Funktionen und Krankheiten, grundlegendes Wissen eigentlich für jede und jeden.Dazu passte dann Ihre Tätigkeit als Expertin im „Gesundheitsgespräch“.Ich bin eine große Befürworterin der „sprechenden Medizin“. Die intensive Kommunikation zwischen Arzt und Patient halte ich für ein wesentliches Element. Die kommt heute oft zu kurz, und ich befürchte, dass das in Zukunft mit KI und Online-Arztbesuchen noch viel schlimmer wird. Dabei ist erwiesen, wie wichtig Empathie und ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis für Diagnose und Heilungsprozess sind.Das liegt Ihnen?Tatsächlich ja. Ich habe mich schon immer gut in andere Menschen hineindenken können. Genauso wie in Rollen. Vielleicht ist genau diese Fähigkeit auch das Bindeglied zwischen meinen Tätigkeiten als Schauspielerin und Ärztin.Warum hörten Sie im vergangenen September auf?Es war mein eigener Entschluss. Ich werde jetzt 95. Und in einer Sendung spontan auf Zuschaueranrufe mit medizinischen Problemen zu antworten, da hatte ich nach 25 Jahren die Sorge, das nicht mehr leisten zu können. Ich las und lese zwar nach wie vor die einschlägigen Fachmagazine. Trotzdem wollte ich lieber aufhören, solange alles noch funktionierte.
Hollywood-Star mit Praxis am Ostbahnhof: Ein Interview mit Marianne Koch über Umbrüche
Hollywood-Star Marianne Koch drehte mit Clint Eastwood und hatte als Ärztin eine Praxis am Ostbahnhof – ein Interview zu 95 Jahren Leben.






