Riesenstatuen in Polen und Armenien: Ist Kitsch ein Monument, das noch nicht alt genug ist?In Polen und Armenien lassen reiche Unternehmer gigantische Marien- und Jesus-Statuen errichten. Ist das Kunst – oder kann das weg?Elena Panagiotidis13.08.2026, 14.02 Uhr4 LeseminutenDie Dimensionen provozieren. Im polnischen Konotopie wird am 15. August eine 55 Meter hohe Marienfigur eingeweiht.Kuba Stezycki / ReutersWir neigen dazu, mit zweierlei Mass auf religiöse Monumentalität zu schauen. Ehrfürchtig bestaunen wir den Petersdom und fragen nur selten, ob Papst Julius II. sein Geld nicht sinnvoller hätte verwenden können. Die Sacré-Cœur gehört unhinterfragt zur Geschichte und zum Stadtbild von Paris. Doch wenn wir lesen, dass irgendwo auf der Welt ein reicher Geschäftsmann eine Maria in Monstergrösse in die Pampa setzt, fallen schnell Wertungen wie Kitsch und Grössenwahn.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Samstag feiern Katholiken weltweit Mariä Himmelfahrt. An diesem Tag wird im kleinen Dorf Konotopie in Polen eine riesige Marienstatue eingeweiht. Die über 40 Meter hohe Maria hockt auf einem Sockel in Form einer 15 Meter hohen Krone. Zum Festgottesdienst werden Tausende von Besuchern erwartet.300 Jahre soll die Maria von Konotopie haltenGestiftet hat die Figur Roman Karkosik. Der polnische Investor äussert sich nicht oft zu dem Projekt, er liess gegenüber der «Financial Times» nur wissen, dass er das Monument aus Dankbarkeit gegenüber Maria habe errichten lassen.Die Dimensionen provozieren. Laut dem Bildhauer Adam Jakub Matejkowski wollte der Stifter ausdrücklich, dass die Maria höher werde als die ebenfalls in Polen stehende Christusfigur von Swiebodzin. Die Baukosten betrugen rund 23 Millionen Euro. Und Karkosik soll verlangt haben, dass die Figur mindestens 300 Jahre halte.Was werden die Menschen im Jahr 2326 wohl über diese Marienstatue denken? Heute kann man die Statue mühelos für kitschig halten und sich an dem Rekordstreben stossen. Was genau hat ein 55 Meter hohes Marienbild mit Demut zu tun? Solche Fragen stellen sich die Menschen in der Umgebung durchaus. Ein Rentner sagte der Nachrichtenagentur DPA, ihm gefalle die Figur zwar, doch er hätte das Geld lieber für die Behandlung kranker Kinder ausgegeben.Als zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Rom der neue Petersdom gebaut wurde, gehörte er zu den ambitioniertesten Bauvorhaben jener Zeit. Finanziert unter anderem mit Einnahmen aus dem Ablasswesen. Martin Luther griff genau das im Jahr 1517 an. Er fragte, warum der Papst, der doch über grosse Reichtümer verfüge, St. Peter nicht aus seinem eigenen Geld errichte, statt mit dem Geld armer Gläubiger. Er vermutete gar, dass der Papst, wenn er wüsste, wie die Ablassprediger vorgingen, die Basilika lieber zu Asche werden liesse, als sie mit «Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe» zu bauen.Der Petersdom in Rom zieht jährlich Millionen von Touristen an.Marco Iacobucci / ImagoSowohl der polnische Rentner als auch Luther fragten: Muss so viel Geld in Stein, Beton und Monumentalität gesteckt werden, wenn Menschen Hilfe brauchen?Heute stellen wir die Frage beim Petersdom eher selten, wenn wir Michelangelos Kuppel oder die Pietà bestaunen.Wie sehr die Zeit unseren Blick verändert, zeigt auch die Sacré-Cœur. Die weisse Basilika gehört heute wie selbstverständlich zum Stadtbild von Paris, doch im späten 19. Jahrhundert galt sie vielen als politisches Machwerk katholischer Reaktion. Ihre Befürworter verstanden sie nach der Niederlage von 1870/71 als nationales Sühnewerk, ihre Gegner als Provokation. Besonders da die Kirche auf dem Montmartre, dem Schauplatz der Pariser Kommune, errichtet wurde. Der damalige Kulturkampf ist dem Bau heute nicht anzumerken.Zu einfach ist es deshalb, sakrale Monumentalbauten nur in die Kategorien Frömmigkeit oder Grössenwahn zu sortieren. Oft stecken mehrere Motivationen dahinter.Unweit der armenischen Hauptstadt entsteht ein Riesen-JesusDas zeigt ein zweites aktuelles Beispiel. Rund 30 Kilometer von Erewan entfernt lässt der armenische Unternehmer und Politiker Gagik Zarukjan eine gigantische Jesus-Statue errichten. Mitsamt Sockel soll sie 101 Meter hoch werden. Damit würde sie nicht nur den Cristo Redentor von Rio de Janeiro, sondern auch die Freiheitsstatue in New York überragen.Der Oligarch Zarukjan begründet sein Projekt ausdrücklich mit nationalen Motiven. Armenien sei die älteste christliche Nation der Welt, deshalb solle es auch die grösste Jesus-Statue der Welt besitzen. Das Monument soll zu einer Art religiöser Visitenkarte des Landes werden und Millionen von Besuchern anziehen.Doch ausgerechnet die Armenische Apostolische Kirche lehnt das Projekt ab. Die monumentale Christusfigur, so kritisiert sie, widerspreche der religiösen und der architektonischen Tradition Armeniens. Diese hätten sich über Jahrhunderte in Kirchen, Klöstern und den charakteristischen Kreuzsteinen ausgedrückt, nicht dagegen in kolossalen Figuren.Es streiten also Gläubige darüber, was überhaupt eine angemessene religiöse Ausdrucksform ist. Zarukjan selbst plant weitere Projekte wie eine riesige Arche Noah. Seine Vorhaben seien «heilig», er wolle sich damit «in der Geschichte verewigen». Er verbindet Glaube, Nation, Tourismusmarketing, Rekordstreben und persönliches Vermächtnis miteinander. Auch die Marienstatue in Konotopie soll den Tourismus fördern. Soziologen sprechen hier von «Place-making» durch Religion: Durch das private Kapital entsteht ein politischer und religiöser Ort auf der Landkarte. Schlagartig wird aus einem unbekannten Dorf mit knapp über hundert Einwohnern ein künftiges «Must-see auf der Liste der Pilgerfahrten».Doch war das früher anders?Früher entstanden Kathedralen über JahrzehnteAuch die grossen Sakralbauten, die wir heute oft aus kunstgeschichtlicher Sicht betrachten, waren zugleich Demonstrationen von Macht und Reichtum. Fürsten und Päpste liessen bauen, um ihren Rang sicherzustellen, und Heiligtümer waren nicht nur spirituelle Orte, sondern auch Pilgerzentren, Wirtschaftsfaktoren und Orte von politischer Symbolkraft.Allerdings brauchten der Petersdom oder gotische Kathedralen Generationen an Handwerkskunst bis zur Fertigstellung. Die modernen Megastatuen aus Stahlbeton sind in wenigen Monaten fertiggestellt und, wie im Fall von Polen, finanziert durch eine einzelne Person.Wir wissen nicht, ob die Maria von Konotopie eines Tages zum kulturellen Erbe Polens zählen wird. Der Faktor Zeit adelt ja nicht automatisch, und heute bewundern wir vor allem jene Bauwerke, die die Zeit überdauert haben. Was misslungen ist oder abgerissen wurde, geht vergessen. Die Grenze zwischen Grösse und Grössenwahn ist manchmal fliessend.Passend zum Artikel