Kurz hinter der Rehhütte wird sie gemacht, die Zukunft der Landwirtschaft. Seit 1914 schon gehört die denkmalgeschützte Mühle in der pfälzischen Kleinstadt Limburgerhof zur BASF. Hier im Grünen, keine halbe Autostunde vom Stammsitz in Ludwigshafen entfernt, forscht der Chemiekonzern an neuen Substanzen gegen Unkraut und Schädlinge. Ruhig und wissenschaftlich geht es zu, Gewächshäuser und Versuchsfelder prägen das Bild. Die rauchenden Schlote des Hauptwerkes sind weit weg.Geht es nach den Vorstellungen des Vorstands, dann wird sich die Tochtergesellschaft bald noch weiter vom Stammhaus entfernen. Als eigenständiges Unternehmen ist es mit fast 10 Milliarden Euro Umsatz einer der größten Agrarchemiekonzerne der Welt und soll zumindest teilweise an der Börse in Frankfurt platziert werden. Pflanzenschutz und Chemie passen immer weniger zusammen. BASF hat andere Ziele.Livio Tedeschi, Jahrgang 1971, soll diesen Plan jetzt umsetzen. Er ist ein charmanter Italiener, schlank, agil, mit kurzen grauen Haaren und offenem Blick. Freundlich und zuvorkommend und ein bisschen aufgeregt ist er angesichts der Aufgaben, die ihn erwarten. Der promovierte Chemiker ist neu im Vorstand und seit 2022 bereits an der Spitze der Agrarsparte. Der Unternehmenssitz der künftigen BASF Agricultural Solutions SE auf 40 umzäunten Hektar gleicht schon heute eher einem geschützten Biotech-Campus als einem Chemiewerk, mit seinen von einem Park umringten alten Gebäuden, landwirtschaftlichen Hallen, Gewächshäusern und Versuchsfeldern. Tedeschi muss während des Gesprächs mit der F.A.Z. sogar die Fenster schließen, so laut zwitschern die Vögel draußen.Viele bekannte Chemiker waren auch MusikerLivio Tedeschi könnte auch mit Klavierspiel sein Geld verdienen, schließlich ist er ausgebildeter Konzertpianist. Aber beides auf professionelle Weise zu tun, sei eben nicht möglich, sagt er, schließlich habe er teils bis zu zehn Stunden am Tag geübt, sich dann aber für die Chemie entschieden. Die Musik ist seine Leidenschaft geblieben, sein Lieblingskomponist: Bach. Viele bekannte Chemiker seien auch Musiker gewesen. „Musik bringt Disziplin.“Tedeschi ist in Frosinone geboren, 75 Kilometer südlich von Rom. Der Vater Beamter, die Mutter Lehrerin. Dass er nach seinem Chemiestudium in Rom an der Universität in Aachen promovierte, war auch seiner Faszination für die deutsche Chemieindustrie geschuldet, sagt er. Nach einem Postdoc-Aufenthalt am Imperial College London hat er in der BASF einen klassischen Karriereweg hingelegt. Mit Stationen in Großbritannien und Amerika bis zum Eintritt in den Vorstand, 2026.Livio Tedeschi. BASF-Vorstandsmitglied und Leiter des Agricultural Solutions Management BoardsBASFUm im Bild zu bleiben: Disziplin wird er nun brauchen, auch um Misstöne zu vermeiden. Die Agrarchemie ist nicht nur seit 100 Jahren fester Bestandteil der BASF, sie hat auch das Selbstverständnis des Unternehmens geprägt. Das Haber-Bosch-Verfahren, erfunden vom deutschen Chemiker Fritz Haber und dem späteren BASF-Vorstandschef Carl Bosch – beide Nobelpreisträger –, hat Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Landwirtschaft revolutioniert.Erstmals war es gelungen, Ammoniak künstlich herzustellen und damit nicht nur Sprengstoff herzustellen, sondern den ersten Kunstdünger der Welt. Ohne Haber-Bosch könnte man die wachsende Weltbevölkerung nicht ernähren. Die Chemie als Retter der Welt, das ist bis heute Teil der DNA des Konzerns. Selbst wenn er schon lange keine Düngemittel mehr produziert.Werkskolonie und ForschungszentrumDie Gemeinde Limburgerhof mit ihren 11.000 Einwohnern würde es ohne den Konzern so nicht geben. Schon 1899, BASF galt mit 7000 Mitarbeitern schon als größte Chemiefabrik der Welt, kündigte der Vorstand den Bau einer Werkskolonie an. Dazu gehörten Wohnungen für mehr als 1000 Familien, samt Friedhof, Volksschule, Kapelle und Bahnanschluss ins Werk.1914 ließ Carl Bosch nach Erinnerung des ehemaligen Ortsbürgermeisters Peter Kern dort ein Fachwerkhaus bauen: „mit vier Laborräumen, drei Schreibzimmern, einer Gärtnerwohnung mit angebauter Drahthalle für Gefäßversuche sowie zwei Holzschuppen für Arbeitspferd und Gerät“ – die Grundlage für das Agrargeschäft war gelegt.Kritischer Blick im Gewächshaus. Automatisierungsanlage der BASF.BASFIn einem Epochenbruch, wie ihn die chemische Industrie derzeit erlebt, hilft Tradition allein aber nicht weiter. Der Konzernvorstand um den Vorsitzenden Markus Kamieth hat seine eigenen Schlüsse gezogen aus den fundamentalen Veränderungen, dem schleichenden Rückzug der Industrie aus Europa, den finanziellen Anforderungen der grünen Transformation, dem Vordringen der arabischen Ölkonzerne in die Chemie und der schieren Übermacht Chinas.In einem spektakulären Strategieschwenk hat er im Herbst 2024 Segmente mit einem Umsatz von mehr als 25 Milliarden Euro – bei Gesamterlösen von 69 Milliarden Euro – als nicht mehr zum Kerngeschäft gehörend deklariert. Sie sollen eigenständig geführt werden, im Zweifel verkauft, mit einem Partner zusammengebracht oder an der Börse platziert werden. Im Gegenzug will der Vorstand die Kerngeschäfte rund um Basischemikalien ausbauen, dort seine Rolle als Marktführer und die Größenvorteile nutzen, um aus dem erwarteten Ausleseprozess als Gewinner hervorzugehen. Die Idee ist, sich als einer der letzten großen Grundversorger der europäischen Industrie zu positionieren und damit wieder gutes Geld zu verdienen.Globale Nummer dreiUnter den Geschäften, die verselbständigt werden sollen, ist die Agrarsparte mit fast 10 Milliarden Euro Umsatz und 14.000 Beschäftigten die mit Abstand schwerste. Nur Bayer und Syngenta sind im internationalen Maßstab größer.Zudem ist das Agrargeschäft sehr profitabel: Fast zwei Milliarden Euro hat es 2025 zum operativen Konzerngewinn in Höhe von 6,6 Milliarden Euro beigesteuert. Die Trennung ist trotzdem beschlossene Sache. Agrarchemie passt nicht mehr ins Risikoprofil, zudem wird ihr Wert an der Börse im Konzernverbund nicht gewürdigt. Tatsächlich kommt BASF als größter Chemiekonzern der westlichen Welt auf eine Marktkapitalisierung von 45 Milliarden Euro. Dem eigenständigen Pflanzenschutzgeschäft allein trauen Analysten einen Wert von 20 bis zu 30 Milliarden Euro zu.Tedeschi will die Zahlen nicht kommentieren, auch keine Details zum Zeitplan nennen. Mitte 2027 soll das Geschäft fit sein für die Börse, weiter geht er nicht. Niemand weiß, ob die Kapitalmärkte dann mitspielen. Gerade erst hat Chem-China nach Informationen von Bloomberg den Börsengang für seine Schweizer Tochtergesellschaft Syngenta auf nächstes Jahr verschoben. Mit der BASF-Agrarsparte und Syngenta kämen dann gleich zwei der drei größten Pflanzenschutzhersteller der Welt an die Börse. Ob das so kommt, entscheidet allerdings die BASF-Muttergesellschaft, nicht die Tochter.Versuchsfelder mit Drohne. Agrarsparte der BASF in Limburgerhof.BASFTedeschis Aufgabe ist es, das Unternehmen bis dahin „Börsen-ready“ zu machen. Jetzt sei die bisher aufregendste Zeit in seinem Berufsleben, sagt er. In einem ersten Schritt muss er das Geschäft selbständig aufstellen und die Bande zum Mutterkonzern kappen. Alles muss neu sortiert werden: Steuern, Buchhaltung, Software, Grundstücke, Patente, Rechte. Er habe dabei als Chemiker eine steile Lernkurve hingelegt, heute mehr mit Bankern zu tun als mit Landwirten, sagt er. Was ihm lieber sei, mit Bankern zu sprechen oder mit Bauern? Tedeschi muss über die Frage lachen und versucht eine diplomatische Antwort. Ein bisschen fremdelt er noch mit dem öffentlichen Parkett.Die Zeiten für Pflanzenschutzhersteller sind nicht einfach. In Europa steht der Pflanzenschutz unter Generalverdacht, alte Mittel werden reihenweise vom Markt genommen, neue kaum noch zugelassen, immer mehr billige Generika kommen aus Asien. In Amerika drohen den Unternehmen zudem existenzielle Haftungsrisiken. Die Übernahme von Monsanto durch Bayer hat der Branche vor Augen geführt, was passieren kann, wenn Dinge aus dem Ruder laufen und die amerikanische Klageindustrie Fahrt aufnimmt. Die milliardenschweren Schadenersatzforderungen haben den Leverkusener Konkurrenten an den Rand seiner Leistungsfähigkeit gebracht.Zur Haftung und der strengeren Regulatorik in Europa kommt der globale Druck zur Nachhaltigkeit. Die Hersteller müssen sich umstellen, weg von klassischen chemischen Wirkstoffen hin zu biologischen Pflanzenschutzmitteln. Das Geschäft rückt immer weiter weg von der Chemie.Saatgut und Pflanzenschutz unter einem DachBASF positioniert sich in der neuen Welt als integrierter Anbieter mit einer Wertschöpfungskette vom Saatgut bis zur Endbehandlung. Als Chemiekonzern hatte das Unternehmen lange auf Saatgut verzichtet. Heute, sagt Tedeschi, fange der Schutz der Biodiversität beim Saatgut an. BASF hat für die Neuaufstellung die Umwälzungen der Branche genutzt: Für 7,4 Milliarden Euro kaufte der Konzern Saatgut- und Unkrautvernichtungsmittel von Bayer. Der Konkurrent musste die Unternehmensteile abgeben, um die Auflagen der Wettbewerbsbehörden in Zusammenhang mit der Monsanto-Übernahme zu erfüllen. Nach dem Kauf zog BASF allerdings vor Gericht, fühlte sich von Bayer hintergangen und zweifelte die Zahlen an. Eine Schadenersatzforderung über 1,7 Milliarden Euro prallte aber vor einem Schiedsgericht ab.Für Landwirte sind nach Einschätzung von Tedeschi heute mehrere Dinge wichtig: der Ertrag noch immer, klar, aber auch weniger CO₂-Ausstoß, weniger Wasserverbrauch, dazu bestimmte von der Lebensmittelindustrie gewollte Merkmale. Die Zukunft der Welternährung sieht er nicht in der vertikalen Landwirtschaft in Gebäuden oder Containern, „die traditionelle Landwirtschaft wird bleiben“.Der wachsende Einsatz von GPS-gesteuerten Landmaschinen könnte nach Ansicht von Fachleuten allerdings dazu führen, dass Landwirte künftig weniger Herbizide, Insektizide und Fungizide einsetzen müssen, der Markt also weniger als bisher über Volumen wächst. Die Hersteller müssen versuchen, mit Saatgut Geld zu verdienen oder mit besserer Effizienz die Preise für ihre Mittel zu treiben – und so zu wachsen. Um das zu erreichen, ist allerdings Hochtechnologieforschung nötig, keine Großchemie.In Limburgerhof prägen Gewächshäuser und Versuchsfelder das Bild. In den Glashallen werden an Fließbändern Setzlinge von Roboterarmen in Tausende blaue Töpfchen gedrückt, die passenden „Unkräuter“ gleich mit. Die Pflanzen werden unterschiedlich behandelt, dabei Klimazonen simuliert, im Anschluss das Ergebnis automatisch kontrolliert. Ob die Ergebnisse der Praxis standhalten, testet der Konzern im Anschluss auf den eigenen Versuchsfeldern gleich hinter den Gewächshäusern, kontrolliert und überwacht von Drohnen.Doch alles Forschen hilft nicht, wenn die EU nicht will. Die restriktive Zulassungspolitik ist für Tedeschi „ein Problem für die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Landwirte“. Die Subventionen für die Landwirtschaft sollten nach seinen Worten nicht einfach weiter so breit gestreut werden, sondern „auch an Investitionen in Innovationen geknüpft werden, etwa digitale Technologien“.In den letzten Jahren seien rund hundert Wirkstoffe in der EU zurückgenommen worden, nur vier neue zugelassen. Weil die Wirkstoffe immer weniger würden, würden Unkräuter immer schneller resistent. Einen Lichtblick aus Sicht des Konzerns immerhin hat es gegeben. Diesen Sommer hat die EU die Reform des Gentechnikrechts beschlossen und den Einsatz neuer genomischer Techniken wie der Genschere CRISPR für die Pflanzenzüchtung erleichtert. Die Entscheidung stärke das Vertrauen, dass Europa ein führender Standort für landwirtschaftliche Innovation bleiben und die Zukunft der Landwirtschaft mitgestalten wird, heißt es von BASF. Das bedeutet: Wir bleiben hier. Teile seiner Gentechnikforschung hatte der Konzern schon vor Jahren nach Amerika verlagert.Wer wie Livio Tedeschi einen der größten Agrarchemiekonzerne der Welt an die Börse führen soll, muss Optimismus verbreiten. Die Pipeline sei gut gefüllt, sagt er zum Abschluss. Ziel sei, jedes Jahr profitabel zu wachsen. Jede andere Botschaft käme an der Börse auch schlecht an.