„Wenn du dreimal 53 Punkte zusammen hast, dann hast du 159 Punkte“, rechnete Teamchef Gerben Wiersma zuletzt vor und präsentierte seine Schlussfolgerung gleich mit: „Dann hast du ein sehr starkes Team.“ Für die an diesem Donnerstag startende EM der Turnerinnen gab er als Ziel das Erreichen des Teamfinals und eine Platzierung unter den besten fünf Mannschaften Europas aus.Im vergangenen Jahr, bei der EM in Leipzig, hatten knapp 159 Punkte für die Silbermedaille im Teamfinale gereicht. Vier der fünf Turnerinnen des damaligen Teams sind in Zagreb wieder dabei. Darunter Karina Schönmaier, derzeitige Europameisterin am Sprung und im Mixed Wettbewerb, der nach seiner Premiere in Leipzig allerdings schon wieder aus dem Programm gestrichen wurde.Und Helen Kevric, der in Leipzig am Sprung die Patellasehne gerissen war und die nun ihr Comeback am Barren und Balken gibt. Der große Neubeginn im deutschen Team ist Pauline Schäfer-Betz vorbehalten: Die 29 Jahre alte Balken-Weltmeisterin von 2017 geht erstmals seit 2024 wieder international an den Start.„Weiterer Schritt in der Professionalisierung“Dreimal 53 Punkte also. 53 Punkte kommen durch einen guten Mehrkampf zusammen, also die Addition der Bewertungen an Sprung, Barren, Balken und Boden. Bei den Finals in Hannover vor gut zwei Wochen hatte nur die ebenfalls im Aufgebot stehende Silja Stöhr diese Marke überschritten. Das Format im Qualifikationsdurchgang folgt der Formel 5:4:3, sprich fünf Turnerinnen bilden das Team, vier gehen an jedes Gerät, die besten drei Wertungen pro Gerät bilden das Ergebnis.Im Teamfinale der besten Acht gilt: 5:3:3, kurzum alle Fehler – seien es kleine Wackler oder große Stürze – zählen. Hier sollen laut Wiersmas Berechnungen letztlich die 159 Punkte stehen. In der internen Qualifikation hatte er in diesem Jahr einige Neuerungen eingebracht, um die Stabilität der Turnerinnen stärker zu berücksichtigen.Auch wieder dabei: Pauline Schäfer-BetzdpaFür die Nominierung des Teams zeichnet der Niederländer seit gut vier Jahren verantwortlich. 2022 hatte er, inmitten des „Leistung mit Respekt“-Projekts des Deutschen Turner-Bundes (DTB), die Nachfolge der langjährigen Bundestrainerin Ulla Koch angetreten. Dass Wiersma, der seinen Lebensmittelpunkt weiterhin in den Niederlanden hat, seine Aufgabe anders definiert als seine Vorgängerin, machte er in diesem Frühjahr im Interview mit der F.A.Z. deutlich, als er seine Rolle als „Managing Director“, also Geschäftsführer, definierte. Dass sich seine Aufgaben mittlerweile deutlich verschoben haben, bestätigt der DTB.Bereits seit Beginn des Jahres habe „Tatjana Bachmayer neben ihrer Hauptarbeit als Trainerin in Chemnitz auch eine übergreifende Rolle im Nationalteam Gerätturnen weiblich der Seniorinnen“ übernommen, heißt es auf Anfrage der F.A.Z. Sie stehe nun „allen Turnerinnen und Trainer*innen im Nationalteam – egal von welchem Stützpunkt – als Ansprechpartnerin zur Verfügung“. Ihre Aufgabe sei es auch, „Bedürfnisse von Athletinnen möglichst frühzeitig wahrzunehmen“, außerdem übernehme sie bei Trainingslagern „konkrete übergreifende Aufgaben“, darunter solche zur Verbesserung der Schwierigkeits- und Ausführungsnoten. Auf die Frage, warum diese Aufgabenverschiebung stattgefunden habe, geht der DTB nicht ein. Man wolle damit „einen weiteren Schritt in der Professionalisierung gehen“, heißt es.Drei der fünf EM-Turnerinnen stammen aus der Trainingsgruppe von Tatjana Bachmayer und Anatol Aschurkow in Chemnitz, wo aktuell rund die Hälfte des gesamten Seniorenkaders trainiert. In Zagreb betreuen die beiden, wie schon zuletzt bei den Finals, auch die Stuttgarterin Helen Kevric. Sie hat sich, nachdem ihr Trainergespann Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti im Zuge der Missbrauchsvorwürfe am Stuttgarter Bundesstützpunkt Anfang 2025 entlassen worden war, auf keine neuen Trainer eingelassen. Sie wünsche sich einen Trainer, der „auf meinem Niveau mitarbeiten kann“, hatte Kevric bei den Finals gesagt. Auf die Frage, ob ein Wechsel nach Chemnitz eine Option sei, antwortete sie: „Nein, momentan nicht.“Für den Titel der Mehrkampf-Europameisterin, der an diesem Donnerstag vergeben wird, werden übrigens 53 Punkte nicht ausreichen. Favoritin hier ist laut Statistik die Russin Angelina Melnikova. Nachdem ihr Kroatien zunächst das Visum verweigert hatte, ist sie mittlerweile in Zagreb angekommen.