Die Bücher sind schon eingeweicht. In einer grünen Plastiktonne mit Wasser liegen mehrere alte Bände, außerdem ein Architekturmodell, ein Gebäude mit Bäumen darum herum, und eine Tonkassette. Das Material wird für eine Notfallübung auf dem Gelände des Kunstdepots der Stadt Darmstadt gebraucht. Denn dabei soll trainiert werden, Bücher, Gemälde und andere Kulturgüter zu retten. Als Szenario wird für die Übung angenommen, dass bei Starkregen Wasser in das Depot eingedrungen ist und den Bestand durchnässt hat, wie Rebekka Friedrich, stellvertretende Leiterin des Kunstdepots, den Helfern erklärt, die im Halbkreis vor ihr stehen.Rund 30 Frauen und Männer haben sich freiwillig für die Übung am Mittwoch gemeldet. Sie sind in verschiedenen Museen und Kulturinstitutionen tätig, zum Beispiel im städtischen Institut Mathildenhöhe, im Landesmuseum in Darmstadt oder in der Universitäts- und Landesbibliothek der Technischen Universität. Diese Institutionen sind seit 2015 in einem Notfallverbund zusammengeschlossen und helfen sich gegenseitig, wenn in einem der Häuser ein Schaden eintritt.Im Licht der Stirnlampe werden Gemälde aus dem Depot geholt.Inga KlöberBei der Übung wird nicht nur die Handhabung der zu rettenden Bücher und Kunstobjekte, also Handgriffe zum Trocknen und Einpacken, eingeübt, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Kulturinstitutionen, wie Matthias Frankenstein sagt, der bei der Universitäts- und Landesbibliothek für die Bestandserhaltung verantwortlich ist.Auf dem Vorplatz des Kunstdepots steht in Gitterboxen alles bereit, was für den Rettungseinsatz gebraucht wird: Gummistiefel, weiße Overalls zum Schutz der Kleidung, Klebeband, Latexhandschuhe, Kabeltrommeln, Taschenlampen und Batterien, Sackkarren.Helfer werden für „Bergung“ und „Erstversorgung“ eingeteiltFriedrich teilt die Helfer in zwei Gruppen ein. Eines der Teams muss sich an die „Bergung“ der Objekte machen, das heißt, die Archivgüter aus dem Depot ins Freie bringen. Damit das realistisch zugeht, wird drinnen das Licht ausgeschaltet, sodass die Helfer sich mit Stirnlampen zurechtfinden müssen. Wie bei einem echten Einsatz muss jeder von ihnen einen Helm tragen.Das andere Team erledigt draußen auf dem Vorplatz die „Erstversorgung“. Das bedeutet, dort werden verschmutzte Kulturobjekte gesäubert und für den Transport verpackt. Denn für die eigentliche Rettung wird im Ernstfall das durchnässte Material in die Werkstatt eines Restaurators gebracht. Dort werden die Bücher eingefroren, um sie vor Schimmel zu schützen, damit wird Zeit gewonnen, wie Frankenstein erläutert. Beim Auftauen im Vakuum wird nach seinen Worten das Papier anschließend getrocknet.Hilfsgüter: Gummistiefel und weitere Hilfsmittel stehen für die Teilnehmer der Notfallübung im Kunstdepot Darmstadt bereit.Inga KlöberDoch bevor die Helfer mit der eigentlichen Arbeit beginnen können, muss eine Menge vorbereitet werden. Zuerst werden auf dem Pflaster vor dem Gebäude zwei Pavillonzelte als Schutz vor Sonne und Regen aufgebaut. Die Freiwilligen müssen ausprobieren, wie sie die Stangen der Zelte auseinanderschieben müssen, bis das schützende Dach aufgeklappt ist. In jedem der Zelte wird je eine Reihe aus drei Metalltischen zum Arbeiten platziert.Die meisten haben schon eine Warnweste übergezogen, als sie erfahren, dass sie einen Overall tragen müssen. Also müssen sie die Weste ausziehen, den weißen Anzug anziehen und dann die Weste wieder anziehen. An deren Farbe ist gleich erkennbar, wer für welche Aufgabe eingeteilt ist. Wer eine blaue Weste trägt, arbeitet in den Zelten. Das Bergungsteam hat orangefarbene Westen an.Schließlich werden, eineinhalb Stunden nach Beginn der Übung, die ersten Materialien zum Säubern und Verpacken nach draußen in die Zelte der Erstversorger gebracht. Onno Faller, Leiterin des Museums im Jagdschloss Kranichstein, liest für ihre Helferkollegen von einem laminierten Blatt in DIN-A3-Größe die Anleitung ab. Dort ist vermerkt, wie mit Büchern, Schallplatten und Objekten aus Keramik oder Glas, umgegangen werden muss.Waschstraße zu Übungszwecken: Eine Teilnehmerin säubert nass gewordene Gegenstände.Inga KlöberMaren Meyer, wissenschaftliche Volontärin beim Institut Mathildenhöhe, nimmt sich ein feuchtes Buch nach dem anderen vor und spült Vorder- und Rückseite ab. Dafür hält sie einen Brausekopf am Ende eines Wasserschlauchs in der Hand. Danach legt sie das Buch auf den Tisch und drückt sanft mit beiden Händen darauf, um Wasser herauszudrücken, bevor sie es an Kollegen weiterreicht, die es am Ende der Tischreihe in Folie wickeln. Ebenso verfährt die Helferin mit DVDs. Erst spült sie die Hülle ab, dann erhält die Scheibe eine Dusche aus dem Schlauch, bevor die Kollegin nebenan die DVD mit einem Tuch trockentupft. So geht nach langer Vorbereitung die Rettung der Kulturgüter flott von der Hand.