Ein Brite entging dem Untergang der «Titan». Jetzt bereist er die acht entlegensten Orte der Erde. Einer fehlt ihm nochAndere sammeln Kunst oder Oldtimer. Chris Brown sammelt die unzugänglichsten Punkte der Erde. Dafür reist der ehemalige Unternehmer in Bürgerkriegsgebiete, chartert Eisbrecher und springt mitten im Pazifik ins Meer.Marc Zollinger13.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenChris Brown an Bord der «Le Commandant Charcot» auf dem Weg zum nördlichen Pol der Unzugänglichkeit. Der Hybrid-Eisbrecher der Reederei Ponant erreichte diesen Punkt im September 2024 als erstes Schiff überhaupt.Thibault GarnierChris Brown war einer der Ersten, die sich für das Abenteuer angemeldet hatten: acht Tage auf einem Expeditionsschiff, 700 Kilometer vor Neufundlands Küste, mitten im Nordatlantik. Ziel: ein Tauchgang, auf 3800 Meter Tiefe, zum Wrack der «Titanic». Für Chris Brown, der Bürgerkriegsgebiete durchquert und sich per Helikopter im Dschungel aussetzen lässt, schien die Fahrt in der «Titan» ein Zwischenspiel von gewagteren Vorhaben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch dann studierte der Ingenieur die Pläne des Tauchboots. Die Hülle bestand aus Kohlefaser, und diese ist anfällig für Delaminationsschäden. Zudem entdeckte er organisatorische Mängel. Der Nervenkitzel war da, das Risiko zu hoch. Chris Brown tat, was er sonst nie tat: Er machte einen Rückzieher.Am 18. Juni 2023 tauchte die «Titan» ab. An Bord: sein Freund Hamish Harding, britischer Milliardär und dreifacher Guinness-Rekordhalter, mit dem er in der Antarktis war. Eine Stunde und 45 Minuten nach dem Abtauchen brach der Kontakt ab.Vier Tage suchten amerikanische und kanadische Schiffe den Nordatlantik ab. Dann fanden sie Trümmer, 500 Meter vom Bug der «Titanic» entfernt. Das Tauchboot war implodiert. Alle fünf Insassen starben sofort.«Was geschehen ist, hat mich erschüttert», sagt Brown, «aber es hat auch den Glauben an meine eigene Entscheidungsfähigkeit gestärkt.»Das Tauchboot «Titan» vor seinem letzten Einsatz zum Wrack der «Titanic» im Juni 2023. Die Implosion, eine Stunde und 45 Minuten nach dem Abtauchen, tötete alle fünf Insassen, unter ihnen Browns Freund Hamish Harding, der wenige Monate zuvor mit Blue Origin ins All geflogen war.Oceangate / ImagoDas Leben riskiertDas Gespräch mit Chris Brown findet per Video-Call statt. Er trägt Bart, die Haare kurz, unter dem blauen Hemd zeichnet sich ein durchtrainierter Oberkörper ab. 64 Jahre alt ist er, Triathlet. Er sitzt im Büro. Steuern zahlen, E-Mails beantworten, Rechnungen begleichen. «The boring life», sagt er mit einem verkniffenen Lächeln.Wenn Brown von seinen Extremreisen erzählt, denkt man an Konfuzius: Der Weg ist das Ziel. Seine Ziele? Belanglos, könnte man als Uneingeweihter meinen.In Australien ein staubiges Stück roter Erde, in Afrika ein Dickicht, in der Antarktis ein Klumpen Eis. In Ozeanien lag das Ziel im Wasser, Tausende Kilometer von der nächsten Küste entfernt. Orte, die wie gesagt kaum der Rede wert scheinen. Doch der Weg dorthin ist es. Brown hat sein Leben riskiert und ein Vermögen dafür ausgegeben. Er nennt sie Orte der Unzugänglichkeit.Das Wort geht zurück auf eine Idee des Polarforschers Vilhjalmur Stefansson, der 1920 den Punkt beschrieb, der am weitesten von allen Zugangswegen entfernt liegt. Später wurde daraus ein geografischer Begriff: der Mittelpunkt des grössten Kreises innerhalb einer Fläche. Für jeden Kontinent, jedes Land, jedes Gebiet lässt sich ein solcher Punkt berechnen. Doch niemand kümmerte sich gross darum, bis Chris Brown sich festbiss.Die Idee kam ihm 2018, auf halbem Weg zum Everest. Er nahm an einem Anlass teil, den sich nur reiche Abenteurer ausdenken können, um ihre Langeweile zu vertreiben: ein Galadinner auf 6700 Metern Höhe, mit Gästen im Smoking und Abendkleid. Unter ihnen: Bergsteiger, die die Seven Summits abhaken wollten – die höchsten Berge der sieben Kontinente.«Very interesting!», dachte Mr. Brown. Er hatte gerade keine Reisepläne. Eine Liste mit herausragenden Orten, die es zu besuchen gilt, passte perfekt zu seinem Mantra: «What’s next?» Nichts begeistert ihn mehr, als Pläne zu schmieden. Die nächste Reise, das nächste irrwitzige Projekt, das ihm Adrenalin liefert.Doch reichen seine Fähigkeiten als Bergsteiger? Während er grübelte, fiel ihm die Antarktis ein. Dort war er mit Buzz Aldrin, dem zweiten Mann auf dem Mond. Chris Brown hatte viel Geld bezahlt, um den Astronauten zu begleiten. Auf dieser Reise hörte er zum ersten Mal von einem zweiten Pol neben dem Südpol. Er recherchierte und fand heraus, dass noch niemand alle acht Pole der Unzugänglichkeit besucht hatte.Chris Brown als erster Mensch am afrikanischen Pol der Unzugänglichkeit, im Dreiländereck zwischen Zentralafrika, dem Sudan und Kongo-Kinshasa. Die Region gilt seit Jahren als Rückzugsgebiet der ugandischen Rebellenmiliz LRA unter Joseph Kony.Cat VintonEine bewaffnete Eskorte sichert die Landepiste von Obo in der Republik Zentralafrika, nahe der Grenze zum Sudan und zu Kongo. Wegen der Bedrohung durch die LRA waren dort ab 2011 zeitweise auch amerikanische Spezialkräfte stationiert.Cat VintonNervenkitzel auch im SportSchon als Kind suchte Chris Brown das Abenteuer: im Steinbruch, auf Bäumen. Als Student reiste er nach Peru, obwohl alle davon abrieten. Es waren die achtziger Jahre, die Guerillabewegung Sendero Luminoso machte das Land unsicher.Danach suchte er sich einen Job, der Geld und Zeit für Reisen bot, und fand ihn: Als Ingenieur zog er für British Petroleum von einer Ölplattform zur nächsten. Oft lagen die Plattformen in Krisengebieten, was seinen Appetit auf Risiko stillte. Einmal wurde eine Anlage nahe der türkisch-syrischen Grenze von kurdischen Kämpfern beschossen.Brown erzählt solche Geschichten mit ironischer Distanz, begleitet von einem dezenten Lächeln. Auch mit 64 Jahren sucht er den Nervenkitzel: Triathlons, Skifahren auf extremen Hängen, Autorennen.Der nördliche Pol der Unzugänglichkeit vor dem Bug der «Le Commandant Charcot», mitten im arktischen Packeis. Der Punkt liegt rund 1000 Kilometer von der nächsten Küste entfernt und wurde erst 2024 zum ersten Mal von einem Schiff erreicht.Simika BestChris Brown, kaum sechzig Sekunden im Freien, mitten in einem antarktischen Sturm. Am südlichen Pol der Unzugänglichkeit herrscht mit minus 58,2 Grad Celsius die tiefste Jahresdurchschnittstemperatur der Erde.Chris Brown / Jam PressDie Lenin-Büste markiert die sowjetische Forschungsstation von 1958 am antarktischen Pol der Unzugänglichkeit. Amerikanische Forscher drehten den Kopf 1964 spasseshalber Richtung Washington, worauf die Sowjets eigens anreisten, um ihn wieder nach Moskau blicken zu lassen.Chris Brown / Jam PressEntlegene Pole2019 begann Brown seine Liste abzuarbeiten. Der erste Punkt: der Pol Nordamerikas. Mit seinem Sohn Axel flog er nach South Dakota, mietete einen Geländewagen und lief die letzten Meter zu Fuss.Zwei Jahre später folgte Afrika, ein gefährliches Unterfangen. Im Todesdreieck zwischen Zentralafrika, dem Sudan und Kongo-Kinshasa drohen Rebellen, Banditen und Krankheiten wie Ebola.Brown fand schliesslich einen Kontakt bei den Uno-Streitkräften, flog in den Süden des Sudans und charterte einen Helikopter. Mit schwer bewaffneten Soldaten kämpfte er sich durch den Dschungel, ermittelte die Koordinaten und verschwand wieder. «And then, get the hell out!», sagt er.Warum tut er sich das an? «Satisfaction», sagt Brown. Doch was ihn wirklich antreibt, weiss er nicht. «Ich muss nachdenken.» Er sei ein «bloke», ein Kerl. Und Kerle machen Listen und arbeiten sie ab. Immer extremer, immer riskanter. «Man braucht immer mehr Adrenalin!»Die Segeljacht «Hanse Explorer» auf dem Weg zu Point Nemo, dem ozeanischen Pol der Unzugänglichkeit im Südpazifik. Der Ort ist so abgelegen, dass die nächsten Menschen oft jene sind, die als Astronauten rund 400 Kilometer darüber vorbeifliegen.Adam WatsonChris und Mika Brown als erste Menschen, die bei Point Nemo schwimmen. Seit Jahrzehnten dient die Stelle als Friedhof für ausgediente Raumstationen wie Mir, die dort gezielt zum Absturz gebracht werden.Adam WatsonDas NiemandslandNach Australien und Südamerika nahm Brown Ozeanien in Angriff. Der Pol der Unzugänglichkeit liegt dort im Wasser: Point Nemo, 2688 Kilometer von der nächsten Küste entfernt. Brown charterte ein Expeditionsschiff, erreichte die Koordinaten und sprang mit seinem Sohn Mika ins kalte Wasser. Ein Albatros hielt ihn für Beute, liess sich aber vertreiben. «Von allen Begegnungen war das die gefährlichste», sagt Brown amüsiert.Feiern? Nie. «No celebration while still in motion!» Am Ziel denkt er nur: What’s next?Das letzte ZielSeit Brown den Pol am Nordpol besucht hat, fehlt nur noch Eurasien. Der Punkt liegt in Xinjiang, unter chinesischer Kontrolle, vermutlich in einem militärischen Sperrgebiet. Brown zögert, zu viele Fragen zu stellen. Zu gross ist die Angst, den Zugang für immer zu verlieren.Der Pol der Unzugänglichkeit ist, das weiss Brown selbst, nicht wirklich das Ziel. Er ist das, was Alfred Hitchcock einen McGuffin nannte: ein Element, das die Handlung vorantreibt, für sich genommen aber bedeutungslos ist. Im Film kann das ein geheimnisvoller Koffer sein. In Browns Leben ist es ein Klumpen Erde, ein Dickicht, ein Stück Wasser mitten im Nichts.Der letzte, leerste und absurdeste seiner McGuffins wartet nun in Xinjiang. Und das ist vielleicht der Grund, warum Brown zögert. Nicht aus Angst vor China. Sondern vor der Leere, die ihn überkommen wird, nachdem er die Liste voll hat.Die Pole der Unzugänglichkeit«Pole der Unzugänglichkeit» bezeichnen jene Punkte eines Kontinents oder Ozeans, die am weitesten von jeder Küste entfernt liegen. Der Begriff geht auf den kanadisch-isländischen Polarforscher Vilhjalmur Stefansson zurück, der 1920 zwischen dem Nordpol und dem am schwierigsten erreichbaren Punkt der Arktis unterschied. Später wurde die Idee mathematisch präzisiert. Für jede Landmasse lässt sich der Mittelpunkt des grössten Kreises berechnen, der keine Küstenlinie berührt, für jeden Ozean der Punkt, der am weitesten von jedem Land entfernt liegt.Chris Brown ist der erste Mensch, der sieben der acht Pole bereist hat. Ihm fehlt der eurasische Punkt. Dieser befindet sich in der Region Xinjiang im Nordwesten Chinas, nahe der Grenze zu Kasachstan in der Gurbantünggüt-Wüste. Er gilt als der am weitesten von jedem Ozean entfernte Punkt der Erde. Bis zur nächsten Meeresküste sind es über 2500 Kilometer.Die acht Pole nach Kontinent/OzeanNordamerika Nahe Allen, South Dakota (USA) 43.36° N, 101.97° WSüdamerika Nahe Arenápolis, Mato Grosso (Brasilien) 14.05° S, 56.85° WAfrika Nahe Obo (Zentralafrika) 5.65° N, 26.17° EEurasien Provinz Xinjiang (China), nahe der Grenze zu Kasachstan 46.28° N, 86.67° E (alternative Berechnung 2007: 44.29° N, 82.19° E)Australien Nahe Papunya, Northern Territory (Australien) 23.03° S, 132.17° EAntarktis Kemp Land 82.11° S, 55.03° EArktischer Ozean Treibendes Packeis, kein fester Punkt 85.80° N, 176.15° WPazifikPoint Nemo, Südpazifik, zwischen Neuseeland und Südamerika 48.88° S, 123.39° WPassend zum Artikel
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