Collien Fernandes, Elon Musk, Brad Pitt: wenn Kinder ihre Eltern verstossenDer Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern wird heute oft als Akt der Selbstfürsorge gefeiert. Familie ist kein Schicksal mehr, sondern eine Option: Man wählt sie bei Bedarf einfach ab.13.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDa war noch alles gut: Brad Pitt und Angelina Jolie 2014 mit ihren Kindern Knox, Vivienne, Shiloh und Pax (von links nach rechts) in Los Angeles.GC Images/GettyWas politisches Handeln im Kampf gegen digitalen sexuellen Missbrauch zur Folge haben sollte, wird zum Familiendrama, das die Öffentlichkeit eigentlich nichts angeht. Die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, sie «virtuell vergewaltigt» zu haben. Sie ging an die Medien, um Frauen zu ermutigen, nicht länger zu schweigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun hat die 14-jährige Tochter des sich bekämpfenden Paars den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen. Dies gab Fernandes am Wochenende auf Instagram bekannt.Damit kam sie einem RTL-Interview mit einer ehemaligen Nanny der Tochter zuvor. Die Nanny sagt darin anonym, die 14-Jährige leide darunter, dass Fernandes mit den Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen sei. Mutter und Tochter haben sich seit Wochen nicht mehr gesehen.Fernandes schreibt in ihrem Statement, der Kontaktabbruch sei nach einem Gespräch der Tochter mit Ulmen erfolgt: Er basiere auf «Lügen, die er kolportierte».Namenswechsel als symbolischer MordDie Dynamiken in diesem Beziehungskrieg bleiben Aussenstehenden verborgen. Was man sagen kann: Es ist ein radikaler Schritt einer 14-Jährigen, mit einem Elternteil zu brechen. Es geht um mehr als jugendliche Rebellion gegen die elterliche Autorität. Vielmehr scheint das Kind zwischen die Fronten zu geraten.Während die Minderjährige von der Anonymität halbwegs geschützt ist, gehen andere Kinder, die sich von ihren berühmten Eltern lossagen, mit der Trennung offensiver um. Meist sind sie im jungen Erwachsenenalter. Manche vollziehen den symbolischen Elternmord vor Publikum und demonstrieren so: Familie ist kein Schicksal mehr. Man wählt Familie, zu der man nun lieber Freunde zählt. Und man wählt sie ab.Transtochter bricht mit Elon MuskVivian Jenna Wilson, die Transtochter von Elon Musk, hat mit der Angleichung ihrer Geschlechtsidentität auch den Nachnamen Musk abgelegt. Sie wolle «in keiner Weise mehr mit meinem biologischen Vater verwandt sein», so ihre Begründung für den Schritt. Sie sprach von seiner Kälte und seinem «Narzissmus» in ihrer Kindheit. Seither hat er dem «woke mind virus» den Krieg erklärt, was sie nicht versöhnlicher stimmen dürfte.Die Ideologie hat auch Suri Noelle von ihrem Vater Tom Cruise entfremdet, der bei den Scientologen ist. Sie nennt sich nur noch nach dem zweiten Namen ihrer Mutter, der Schauspielerin Katie Holmes, und hat den Kontakt zu ihm abgebrochen.Alle sechs Kinder von Angelina Jolie und Brad Pitt möchten nicht mehr wie ihr Vater heissen. Shiloh, die erste leibliche Tochter, legte den Nachnamen Pitt vor zwei Jahren an ihrem 18. Geburtstag ab. Ihre jüngste Schwester Vivienne tat es ihr diesen Juli gleich, als sie volljährig wurde. Jolie trennte sich von Pitt, weil er wegen seines Alkohol- und Drogenkonsums angeblich seine Aggressionen nicht im Griff habe.Brooklyn Peltz Beckham nahm bereits bei der Hochzeit den Namen seiner Frau an. Anfang Jahr beschuldigte er seine Eltern David und Victoria Beckham auf Instagram, die Familie wie ein Unternehmen zu führen, sein Leben zu kontrollieren und seine Ehe zu sabotieren. Das lasse er sich nicht mehr gefallen, teilte er der Welt mit.Befreiung aus «toxischem» SystemWas für viele Eltern schmerzhaft ist und sie oft nicht nachvollziehen können, wird heute auf Social Media als Akt der Selbstbestimmung gefeiert. Man befreit sich aus einem «toxischen» System und von seinen Erzeugern oder meint es zumindest. Dafür gibt es Bewunderung.Kinder und Jugendliche geraten bei einer Scheidung in einen Loyalitätskonflikt, wie vermutlich im Fall Fernandes-Ulmen. Sie wenden sich von einer Partei – der Mutter oder dem Vater – ab, um die psychische Zerrissenheit auszuhalten.Der Bruch erwachsener Kinder mit ihrer Herkunft wirkt hingegen oft selbstgerecht. Sie sehen sich als Opfer und klagen ihre Eltern für Unzulänglichkeiten an, die sie nachhaltig geschädigt haben sollen oder ihnen «nicht guttun».Die Vorwurfshaltung hat etwas Narzisstisches, dafür wurde schon Prinz Harry kritisiert, als er sich vom britischen Königshaus abwandte. Nähe bedeutet auch, verletzt zu werden, da niemand unfehlbar ist. Die «New York Times» berichtete kürzlich von Millennials, die keine eigenen Kinder möchten, weil sie die Fehler der Eltern nicht wiederholen wollen.Ex-Eltern gibt es nichtWar es lange eine moralische Pflicht, seinen Eltern dankbar zu sein, so wird heute die Unverfügbarkeit der Eltern-Kind-Beziehung betont. Man kann seine Eltern nicht aussuchen, genauso wenig wie man gefragt wird, ob man geboren werden will.«Warum wir unseren Eltern nichts schulden», heisst ein Buch der Philosophin Barbara Bleisch. Eltern würden ihre Kinder nicht besitzen, sondern nur begleiten, um sie später in die Freiheit zu entlassen, schreibt sie. Die Eltern-Kind-Beziehung ist aber auch als einzige unkündbar. Niemand hat einen Ex-Vater oder eine Ex-Mutter.Man muss Familie nicht romantisieren. Frühe Erfahrungen können einen dauerhaft schädigen, die Befreiung aus einem lieblosen Zuhause ist überlebensnotwendig. Dennoch ist es ein Trugschluss, zu meinen, man könne die Bande durchschneiden und dann sei man «nicht mehr verwandt», wie es Musks Tochter sagt. Man ist geprägt.Die öffentlichen Selbstinszenierungen von Kindern, die sich von ihren Eltern trennen, beweisen es gerade: Dass man die Nichtbeziehung zu den Eltern so betont, verweist auf ihre Bedeutung. Man kann seine Eltern verstossen. Entkommen kann man ihnen nicht.Passend zum Artikel