«Die 13. AHV habe ich natürlich abgelehnt», sagt der 72-jährige Beizer der «Rheinfelder Bierhalle». Warum arbeiten manche Leute länger, als sie müssten?Ein Viertel aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bleibt über das Rentenalter hinaus im Beruf. Drei von ihnen sagen, was sie motiviert.13.08.2026, 05.00 Uhr8 LeseminutenViele Menschen arbeiten jahrzehntelang auf diesen einen Moment hin: die Pensionierung. Sie sehnen sich danach, endlich ihren Beruf hinter sich zu lassen. Weil er anstrengend ist, wenig erfüllend, langweilig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Andere ignorieren die Pensionierung einfach. Stellen am Abend den Wecker, stehen am Morgen auf, gehen zur Arbeit. Mit 65, mit 75 und auch noch mit 85 Jahren. Nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Während die Politik darüber diskutiert, wie die 13. AHV finanziert werden soll, weil die Menschen immer älter werden und das Rentenalter bei 65 Jahren bleibt, machen sie weiter.Drei Begegnungen mit Personen aus ganz unterschiedlichen Berufen, die auch jenseits von 65 noch lange nicht ans Aufhören denken.Walter Andreas Müller, 80, Schauspieler: «Ich habe fast vergessen, mich für die AHV anzumelden.»«Im Alter muss man zeigen, dass man noch weitermachen will», sagt der Schauspieler Walter Andreas Müller.«Diesen Sommer habe ich zum ersten Mal eine Bühnenpause. Es ist grässlich! Ich bin es gewohnt, immer in eine Produktion eingebunden zu sein. Der Ferienmodus ist seltsam für mich. Ich gehe zwar auf Reisen und spiele Golf, aber eigentlich sind meine Gedanken immer bei der Schauspielerei. Wenn ich eine Aufführung besuche, denke ich oft: Warum kann ich nicht selbst auf der Bühne stehen?Zum Glück beginnen im Oktober die Proben für das Musical ‹Sister Äct›, in dem ich Pfarrer Bischoff spiele. Es geht in die dritte Saison, ich habe bereits 170 Vorstellungen. Darum kenne ich meine Rolle und den Text schon, aber proben muss ich trotzdem. Ich merke, dass ich intensiver lernen muss als früher. Aber es funktioniert noch gut.Ich war immer ein aktiver Mensch. Schauspieler bin ich geworden, weil ich wusste, dass man sich in diesem Beruf nicht pensionieren lassen muss. Ich habe fast vergessen, mich für die AHV anzumelden. Für Theater, Filme und Musicals braucht es Darsteller jeden Alters.Mittlerweile stehe ich seit 57 Jahren auf der Bühne und bin süchtig danach. Der Applaus des Publikums und die strahlenden Gesichter sind unbezahlbar. Wenn ich nach einem Auftritt im Zug nach Hause fahre, sprechen mich oft Leute an, die mich spielen gesehen haben. Das finde ich schön.Im Alter muss man zeigen, dass man noch weitermachen will. Ein bisschen Humor hilft auch. Als ich 50 Jahre alt wurde, hatte auch meine Figur Hans Meier in ‹Fascht e Familie› Geburtstag. Er stürzte in eine Krise, weil er in einem neuen Stück einen alten Mann spielen sollte. Dabei wollte er die Rolle des jungen Liebhabers.Vielleicht habe ich es als Mann einfacher in der Schauspielerei. Kolleginnen in meinem Alter beklagen sich, dass es für sie schwieriger werde, Rollen zu erhalten. Mir kommt zugute, dass man mich oft für jünger hält. Ich könnte auch in die Rolle eines 60-Jährigen schlüpfen. Meine Arbeit hält mich fit. Nichts zu machen, ist das Schlimmste. Wenn man nur noch im Lehnstuhl sitzt, geht es abwärts.Das Älterwerden beschäftigt mich schon. Ich sehe meinem Vater ähnlich, wir waren einander sehr nahe. Er erkrankte an einer Demenz und starb mit 80 Jahren. Lange orientierte ich mich an dieser Zahl und rechnete damit, dass auch ich mit 80 Jahren sterben könnte.Einige Jahre lang dachte ich bei jedem Engagement, das ich annahm: Das ist jetzt wirklich meine letzte Rolle, danach höre ich auf. Aber dann wurde ich immer wieder für eine Produktion angefragt. Meinen 80. Geburtstag feierte ich auf der Bühne mit dem Stück ‹Dinner for WAM›. Und jetzt sage ich mir: Solange ich genug Energie habe und als Schauspieler gefragt bin, mache ich weiter.Heute ist der Tod nichts Schreckliches mehr für mich. Aber eigentlich habe ich gar keine Zeit zum Sterben.»Etwa ein Viertel der Schweizer Arbeitnehmer arbeitet wie Walter Andreas Müller über das Pensionsalter hinaus. Das zeigt eine Studie des Versicherers Swiss Life. Der Anteil stagniert jedoch seit Jahren, während in vielen anderen Industrieländern immer mehr Menschen auch nach der Pensionierung erwerbstätig bleiben.Das beschäftigt auch den Bundesrat. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP) kündigte im Mai an, das Arbeiten über 65 attraktiver machen zu wollen. Mit Anreizen wie einem längeren AHV-Aufschub und höheren Freibeträgen sollen mehr Seniorinnen und Senioren motiviert werden, länger im Berufsleben zu bleiben. Unter anderem damit soll die Finanzierung der AHV bis 2040 gesichert werden.Interessant ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Laut der Studie waren 30 Prozent der 66-jährigen Männer und 21 Prozent der 65-jährigen Frauen in der Schweiz zwischen 2018 und 2022 erwerbstätig.Nicht überall arbeiten die Schweizerinnen und Schweizer gleich häufig über das Referenzalter hinaus. In Kleinbetrieben wird mehr als doppelt so oft weitergearbeitet wie in Grossunternehmen. Zudem sind auffällig viele Seniorinnen und Senioren selbständig, etwa die Hälfte der über 65-Jährigen. Bei den 55- bis 59-Jährigen sind es lediglich 20 Prozent.Zur Gruppe der Selbständigen gehört auch Cécile Joho. Die Zürcherin arbeitet auch noch mit bald 90 Jahren als Coach.Cécile Joho, 89, Coach: «Ich konnte mir nie vorstellen, mich pensionieren zu lassen.»Cécile Joho arbeitet als Coach. Sie will so lange weitermachen, wie sie Freude daran hat.«Anfang März bin ich beim Spazieren am Zürichsee eine Treppenstufe hinuntergestürzt und habe mir den Oberschenkel gebrochen. Ein Splitterbruch. Der Chirurg empfahl mir nach der OP vier Wochen Reha und eine Auszeit von ein paar Monaten. Ich sagte: ‹Das geht nicht, ich habe keine Zeit. Ich will wieder arbeiten.› Da war er völlig baff.Im Februar werde ich 90 Jahre alt. Ich coache von Führungskräften über Sportler bis zu Studierenden ein ziemlich breites Spektrum. Ich unterstütze sie beim Stressmanagement und vermittle ihnen mit dem autogenen Training eine Entspannungsmethode.Ursprünglich war ich Lehrerin. Psychologie hat mich schon immer interessiert. Ich habe mich bei Ärzten im autogenen Training und Stressmanagement ausbilden lassen. Eigentlich wollte ich mich nie selbständig machen. Ich wollte einfach die Methode des autogenen Trainings verstehen und herausfinden, ob sie wirklich funktioniert. Nachdem ich die Ausbildung abgeschlossen hatte, kamen immer mehr Leute auf mich zu und baten mich, ihnen autogenes Training beizubringen. Sie sagten, ich sei so zufrieden und fidel – so möchten sie auch sein.Kurz darauf eröffnete ich mit einer Kollegin eine Praxis. Ich hatte sehr schnell zufriedene Klienten, die für mich Mundpropaganda machten. Bald schickten auch Ärzte Patienten zu mir – mit vegetativen Störungen, Schlafschwierigkeiten und ähnlichen Beschwerden.Ich habe zudem einige Führungskräfte davor bewahren können, nach der Pensionierung in ein Loch zu fallen. Eine gute Vorbereitung auf die Pensionierung ist essenziell und wird häufig vernachlässigt.Ich konnte mir nie vorstellen, mich pensionieren zu lassen. Mein Vater war Uhrmachermeister und arbeitete bis zu seinem Tod. Mein Mann machte nach der Pensionierung als Physiker noch eine verkürzte Uhrmacherlehre und übernahm die Werkstatt meines Vaters. So haben wir beide spannende Beschäftigungen.Heute arbeite ich nicht mehr so viel wie früher. Am Montag und Dienstag mache ich jeweils frei.Als ich kürzlich verunfallte, war das ein herber Rückschlag für mich. Ich lag im Spital und überlegte, was ich Positives aus der Situation machen könnte. Gewisse Ziele fielen von einem Tag auf den anderen ins Wasser, und ich musste mich auf ein einziges Ziel fokussieren, nämlich die lange Treppe zu meiner Praxis am Bellevue wieder zu meistern. Positives Visualisieren half mir dabei. Ich bin froh, dass ich seit Juni wieder arbeiten kann.Meine Arbeit gibt mir viel, weil ich sehe, wie Menschen sich trotz herausfordernden Lebensphasen positiv entwickeln. Und ich darf sie dabei unterstützen. Die vielen Begegnungen mit Menschen unterschiedlichen Alters und aus ganz verschiedenen Sparten sind für mich eine echte Bereicherung. Das hält mich im Kopf jung und fit.Ich habe mir keine Deadline gesetzt. Ich arbeite, solange ich kann und Freude daran habe.»Studien aus dem In- und Ausland zeigen: Wer freiwillig über das Pensionsalter hinaus arbeitet, ist oft zufriedener, fühlt sich weniger einsam und empfindet mehr Sinn im Alltag. Wer hingegen weiterarbeiten muss, etwa aus finanziellen Gründen, leidet häufiger unter Stress und psychischer Belastung. Körperlich hängt der Effekt stark davon ab, wie anstrengend der Beruf ist: Während längeres Arbeiten in wenig belastenden Berufen die Gesundheit fördert, steigt in körperlich anstrengenden Berufen das Risiko für chronische Beschwerden.Die Pensionierung ist für viele ein einschneidender Lebensabschnitt. Eine 2024 im Fachjournal «BMC Medicine» veröffentlichte europäische Studie zeigt, dass insbesondere Männer nach der Pensionierung häufig depressive Symptome entwickeln.Ob jemand weiterarbeitet, hängt zudem oft vom persönlichen Umfeld ab – arbeiten Partnerin oder Partner weiter, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man auch selbst im Berufsleben bleibt.So ist es auch beim Zürcher Wirt Walter Schöb. Er und seine Familie teilen sich die Arbeit in der «Rheinfelder Bierhalle».Walter Schöb, 72, Wirt der «Rheinfelder Bierhalle»: «Wenn ich abends Zeit für mich habe, reicht mir das.»Walter Schöb hat in jungen Jahren die «Rheinfelder Bierhalle» von seinen Eltern übernommen: «In die Ferien gehe ich nie.»«Meine Eltern führten die ‹Rheinfelder Bierhalle›, ich bin quasi hier aufgewachsen. Trotzdem war mein Weg zum Wirt nicht vorgezeichnet. Ich studierte Wirtschaft und arbeitete auf der Bank. Dann starb ganz unerwartet mein Vater an einem Herzinfarkt, er wurde nur 62 Jahre alt. Ich war 35. Das Restaurant hatte 25 Angestellte. Hätte ich sie alle einfach entlassen und zumachen sollen? Eben. Ausserdem war es stressig auf der Bank, ein Wechsel kam mir gerade recht.Mein Platz ist vorne an der Theke, da habe ich die Übersicht über alle Bestellungen und die Teller, die rausgehen. Momentan haben wir weniger Touristen als sonst, wahrscheinlich wegen des Iran-Kriegs, die Leute reisen weniger. Aber es läuft immer noch gut. Für die meisten Touristen ist die Schweiz sehr teuer, da sind sie froh, wenn sie bei uns günstig essen können.Die ‹Rheinfelder Bierhalle› ist eine typische Chnelle, und wenn ich höre, dass mehr Leute vegetarisch essen wollen, muss ich sagen: Davon merke ich kaum etwas. Ich habe es mit Vegi-Gerichten auf der Karte probiert, aber die will fast niemand. Ich kaufe jeden Monat für 30 000 Franken Fleisch. Alles, was paniert ist, läuft gut. Wahrscheinlich sollte ich auch den Fisch panieren, aber da tut es mir leid um die Ware. Am Sonntag gibt es bei uns Braten, dafür kommen die Gäste aus der ganzen Schweiz. Wo können Sie sonst noch Braten essen in einer Beiz?Ich bin meistens bis zum Nachmittag im Restaurant, danach übernimmt meine Frau bis Mitternacht. Wir sehen uns nur ein paar Stunden pro Tag, dafür haben wir nie Konflikte. Zu Hause arbeite ich weiter, ich mache noch ein bisschen was mit Immobilien.Mit dem Geld, das ich auf der Bank verdient habe, konnte ich die Liegenschaft der ‹Rheinfelder Bierhalle› und zwei weitere angrenzende Häuser kaufen. Für ein Schnäppchen, stellen Sie sich das einmal vor. Der Hypothekarzins betrug 7 Prozent. Ich besitze auch noch ein paar andere Häuser im Kreis 1, für die Verwaltung bin ich zuständig.Ich finde, jeder sollte so lange arbeiten können, wie er oder sie möchte. Die 13. AHV habe ich natürlich abgelehnt, kein Mensch weiss, wie die finanziert werden soll. Ich selbst habe mich etwas aus dem Betrieb zurückgezogen und die Leitung im Frühling an meine Frau und meine beiden Söhne abgegeben. Trotzdem bin ich noch jeden Tag vor Ort, in die Ferien gehe ich nie. Wenn ich abends Zeit für mich habe, reicht mir das.»70 Prozent der Seniorinnen und Senioren, die nach 65 weiterarbeiten, tun dies laut der Swiss-Life-Studie wie Müller, Joho und Schöb aus Freude an der Arbeit.Trotzdem lässt sich die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer nach wie vor früher oder ordentlich pensionieren. Wenn sie frei wählen könnten, würden 55 Prozent die Arbeit bereits vor dem 65. Altersjahr vollständig aufgeben.Passend zum Artikel
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Ein Viertel aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bleibt über das Rentenalter hinaus im Beruf. Drei von ihnen sagen, was sie motiviert.






