Als Omar Artan am Montagmittag in Salzburg landete, hat er sich womöglich ein bisschen wie ein Filmstar gefühlt. Der 34 Jahre alte Schiedsrichter aus Somalia lächelte etwas unsicher, als er aus dem Zollbereich heraustrat, er war offenkundig überrascht. Es waren eine ganze Menge Leute da, um den afrikanischen Referee in Österreich zu empfangen: Fußballfans, Fotografen, sogar drei TV-Teams hatten sich auf den Weg gemacht.Mittlerweile sind die Dinge eskaliertAm 6. Juni war Artan, der sich als nominierter FIFA-Schiedsrichter mit einem in Kenia ausgestellten Visum auf dem Weg zur WM befand, am Flughafen von Miami von der US-Einwanderungsbehörde aus Sicherheitsgründen als nicht einreiseberechtigt eingestuft und abgewiesen worden. „Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht alles im Griff haben“ – so sprach damals FIFA-Chef Gianni Infantino über den Fall, der rasch weltweite Schlagzeilen produziert hatte.„Wir müssen respektieren, dass wir nicht die Könige der Welt sind, die über Regierungen und Polizeikräfte herrschen können. Wir sind eine Sportorganisation“, so versuchte der Schweizer seinerzeit die Wogen zu glätten. Um gleich darauf von der UEFA eine erste Breitseite verpasst zu bekommen. Die nominierte Artan am 11. Juni kurzerhand als Referee für den europäischen Supercup und ließ mittels Präsident Aleksander Čeferin verlauten: „Fußball soll Menschen verbinden, und die UEFA möchte Omar sowie seinen herausragenden Leistungen als Schiedsrichter Respekt zollen.“Rückkehr nach Mogadischu: FIFA-Schiedsrichter Omar Artan, nachdem ihm die Einreise in die Vereinigten Staaten verweigert wurdedpaArtan verdiente sein Geld als LehrerOb der vor 34 Jahren in Mogadischu geborene Referee gerade weiß, wie ihm geschieht? Fußball wollte er spielen, als er jung war. In einem Land, das seit dem Sturz des damaligen Regimes Anfang der Neunzigerjahre ins Chaos stürzte und heute als eines der ärmsten der Welt gilt. Unter der Drangsalierung einer mächtigen islamistischen Miliz kam auch der Fußballbetrieb im Land nahezu zum Erliegen. Erst mit der Wiedereröffnung des Nationalstadions von Mogadischu im Jahr 2020 entstanden professionellere Strukturen im somalischen Fußball.Auf eine solche Ebene schaffte es Artan als Fußballer nie. Er verdiente sein Geld als Lehrer und baute sich parallel dazu eine Karriere als Schiedsrichter auf. Seine ersten Spiele leitete er auf den Fußballplätzen Mogadischus in der trotz Bürgerkriegs nie unterbrochenen Somali Premier League. 2018 erhielt er die FIFA-Lizenz. Danach folgten Einsätze bei Afrika-Cup- und WM-Qualifikationen sowie bei internationalen Jugendturnieren.2019 durfte er mit dem Freundschaftsspiel zwischen Sansibar und dem Sudan erstmals ein Spiel auf internationaler Ebene leiten. „Wie man sich vorstellen kann, bin ich in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen“, hat Artan zu Beginn dieser Woche in einem Interview mit der UEFA gesagt. Und dass er seine öffentlichen Auftritte auch als eine Art Verpflichtung sehe. Denn auch ihm ist natürlich nicht verborgen geblieben: Seit den Schlagzeilen um seine Person ist er ein prominenter Mensch geworden.Artan ist Afrikas „Schiedsrichter des Jahres“ – eine erstaunliche WahlEine Bekanntheit wie diese hätte Artan ohne den US-Eklat mutmaßlich nie erreicht. Sicher, er hat sich in der afrikanischen Schiedsrichtergilde mit guten Leistungen einen Namen gemacht – doch dass ihn der afrikanische Fußballverband CAF 2025 zum „Schiedsrichter des Jahres“ ernannte, war erstaunlich.Zwar durfte Artan bei den beiden jüngsten Afrika-Cups Partien leiten, doch sowohl beim Turnier in der Elfenbeinküste 2024 als auch dem in Marokko im letzten Winter wurde er früh im Turnierverlauf aussortiert. In Marokko war seine letzte Partie das unbedeutende letzte Vorrundenmatch zwischen dem bereits ausgeschiedenen Gabun und der Elfenbeinküste, die ihre Qualifikation für die nächste Runde schon in der Tasche hatte. Als es im Turnier wirklich wichtig wurde, pfiffen andere.Dennoch ist Artan in seiner Heimat nun zum Helden geworden. Auf seine WM-Ausbootung hatte er bemerkenswert reagiert: Er bedankte sich bei FIFA und CAF für ihre Unterstützung und kündigte an, weiter auf höchstem Niveau pfeifen zu wollen. Als er in die Heimat zurückkehrte, wurde er am Flughafen von Mogadischu von Tausenden empfangen. Die Polizei musste ihn durch die Menge der Menschen eskortieren. „Ich trage den Stolz von Millionen von Somaliern und die Hoffnung der Jungen, die ihr Vertrauen in mich legen“, glaubt Artan. Und er sagt: „Dieses Gefühl der Verantwortung lässt mich immer mein Bestes geben.“Mit der Leitung des Supercups gehe nun ein Traum in Erfüllung. „Als wir diesen Anruf erhielten, war das für mich und meine Familie wirklich ein sehr, sehr glücklicher Moment“, sagte er im Interview mit der UEFA, der Aussagen wie diese natürlich gelegen kommen. „Das wird mein erstes Spiel in Europa sein. Abenteuer zu erleben, Erinnerungen zu sammeln und Neues zu lernen, ist immer toll.“ Am Mittwoch werden wahrscheinlich erst einmal mehr Kameras auf ihn als auf die Spieler gerichtet sein.