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Auftritt von Telekom-CEO Tim Höttges bei bei der Hauptversammlung im April. Foto: IMAGO/Marc John Profit vor Schnelligkeit: Telekom rudert beim Glasfaserausbau zurück Für Telekom-Chef Tim Höttges ist der schnellstmögliche Ausbau der Glasfaseranschlüsse nicht mehr das entscheidende Ziel. Das könnte den Netzausbau um Jahre zurückwerfen.
Halbjahres-Pressekonferenz der Telekom am vergangenen Donnerstag in Bonn. „Unser Ziel ist nicht, möglichst viel Glasfaser zu bauen“, sagt CEO Tim Höttges vor den angereisten Journalisten. „Unser Ziel ist, mit jedem gebauten Anschluss mehr Kundennutzen und wirtschaftlichen Wert zu bauen.“ In Zukunft werde der Ausbau „noch konsequenter“ gesteuert, so Höttges, und zwar nach fünf Zielvorgaben.So viel vorweg: Die Zahl der gebauten oder aktivierten Anschlüsse gehört nicht zu den Kennzahlen.Es war eine weitreichende Aussage von Höttges – die zunächst aber weitgehend überhört wurde. Offenbar rudert die Telekom beim Glasfaserausbau zurück und stellt Profitabilität vor Geschwindigkeit. Das wäre ein Rückschlag für die Privatkunden und Firmen, die sehnsüchtig auf einen Anschluss warten, aber auch für die Politik, die ihnen das schnelle Internet seit Jahren verspricht.Glasfaser Die Telekom mag ihre Kupferkabel – bremst das die Digitalisierung aus? von Nele HusmannHöttges passt die Strategie anDabei stellt Höttges seine Telekom gern als Fels in der Brandung dar, als das Unternehmen, das – anders als viele Wettbewerber – das deutsche Glasfasernetz zuverlässig und konsequent in fest versprochener Taktzahl ausbaue. Andere Anbieter hatten ihre Versprechungen oft an Bedingungen geknüpft. Besonders beliebt: Nur dann zu bauen, wenn mindestens 30 oder 40 Prozent der Anwohner gebucht hatten.Zuletzt machten von Finanzierungsproblemen geplagte Ausbauer sogar immer häufiger eine Rolle rückwärts: Hier wurden keine neuen Projekte mehr geplant, da konkrete Ausbaugebiete wieder einkassiert. Das ist Gift für die Digitalisierung Deutschlands. Ein Lichtblick aber blieb die Telekom. Sie werde das schon richten, glaubten viele Kunden, Politiker und Branchenvertreter.Die jüngsten Äußerungen des Telekom-Chefs legen den Eindruck nahe, auch sie wolle nun nicht mehr ganz so bedingungslos durchziehen. „Der größte Investor mit der besten Kapitalausstattung macht jetzt dieselbe Rechnung auf wie zuvor seine Wettbewerber“, sagt der Glasfaser-Berater Helmut Kohl, der den Newsletter „Frequenz“ herausgibt. Bei den Telekom-Konkurrenten sei meist die Finanzierung das Problem gewesen, „bei der Telekom dagegen sind die Maßnahmen ein Befund über die Nachfrage“.Dabei war die strategische Bedeutung der Digitalisierung Deutschlands nie klarer als heute: Was nutzen der Bau von KI-Rechenzentren und das Sichern von neuesten Nvidia-Chips, wenn die Leistung gar nicht vor Ort im Land ankommen kann, weil die schnellen Gigabit-Verbindungen in die Häuser fehlen? Die neuesten KI-Modelle arbeiten insbesondere auch an der Beschleunigung der Rechengeschwindigkeit. Doch was nützt die, wenn die Übertragung zuletzt an einer von hundert Haushalten und Unternehmen geteilten DSL-Kupferleitung hängt?Karsten Wildberger Er hat den vielleicht schwersten Job im Kabinett Ex-Manager Karsten Wildberger hat nicht gezögert, als der Kanzler ihn abwarb, um als Digitalminister den Staat zu modernisieren. Aber kann er es auch? Eine Zwischenbilanz. von Julian Heißler und Nele HusmannAusbau könnte fünf Jahre länger dauernHöttges’ Strategiewechsel ist für Branchenexperten nachvollziehbar. „Der Druck ist raus aus dem deutschen Markt, seit alternative Ausbauer wie Deutsche Glasfaser, Deutsche Giganetz und Unsere Grüne Glasfaser größtenteils nur noch begonnene Projekte fertigstellen“, sagt Brancheninsider Kohl. Er erwartet, dass die Telekom auch künftig weiter die meisten Anschlüsse baut. Damit allerdings könne sie sich ganz in Ruhe Zeit lassen: „Die Telekom braucht sich nicht mehr zu beeilen – auch wo sie nicht sofort baut, kommt kein anderer.“ Kohl erwartet, dass der Ausbau daher gut fünf Jahre länger dauern könnte.Das aufzunehmen, was der Wettbewerb nun nicht mehr baue, habe die Telekom offenbar nicht vor, vermutet Frederic Ufer. Er ist Geschäftsführer beim Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) und erinnert sich: „Dabei hatte Tim Höttges sich in der Vergangenheit immer wieder in Bezug auf den Infrastrukturausbau in Deutschland patriotisch gegeben.“Ufer glaubt, dass Höttges „kommunikativ ein Ende der aggressiven Ausbaustrategie vorbereite“ und die Politik auf ein langsameres Tempo einschwört: „Am Ende stehen dann mehr Forderungen nach Unterstützung aus Steuergeldern für den Ausbau in weniger wirtschaftlichen Gegenden.“Die Telekom dementiert vehement: „Das Ziel ist und bleibt, bis 2030 etwa 25 Millionen Haushalte zu versorgen (homes passed).“ Homes passed ist dabei bis heute ein nur schwammig definierter Begriff, für Haushalte, bei denen in unmittelbarer Nähe eine Glasfaserinfrastruktur vorbeiführt. Darunter kann mitunter selbst ein nur in einer Hauptstraße verlegtes, noch leeres Rohr als Anschluss eines Hauses in einer Seitenstraße gezählt werden. Der spätere Ausbau bis zum Haus oder gar in die Wohnung kann erhebliche, neuerliche Bau- und Finanzierungsleistungen erfordern. „Richtig ist, dass wir dabei auch die Anschlussleistung erhöhen wollen, wie es bereits in den vergangenen Quartalen gelungen ist“, so die Telekom weiter.In früheren Jahren hatte die Telekom schon mal eine geplante Anschlusszahl kommuniziert: 450.000 neue, angeschlossene Kunden zum Beispiel für das Jahr 2024. Oder eine feste Investitionsgröße – vier bis sogar 4,5 Milliarden Euro im Jahr. Jetzt bleiben die Angaben schwammiger: Die Investitionen in den Glasfaserausbau sollen über drei Jahre verteilt um 800 Millionen Euro erhöht werden. Über alle Segmente will die Telekom zwischen 2026 und 2030 30 Milliarden Euro in Deutschland investieren – Joint Ventures wie Glasfaser Plus ausgeschlossen. Der Fokus liegt auf dem ländlichen Raum und dem Vollausbau von Mietshäusern.Telekom will Glasfaserinvestitionen verstärken„Beim Glasfaserinvest erwarten wir 2026 einen starken Anstieg“, sagt die Telekom gegenüber der WirtschaftsWoche. Die Gesamtinvestitionen blieben unverändert bei einem leichten Anstieg. Brancheninsider bestätigen der Telekom einen bis auf Weiteres kraftvollen Ausbau: Die Auftragsbücher der Ausbaupartner der Telekom sollen auf Sicht von zwei Jahren prall gefüllt sein.Die Telekom hatte insgesamt ein sehr erfolgreiches zweites Quartal – nur im heimischen Glasfasergeschäft haperte es. Im Quartal verlor sie 181.000 DSL-Kunden, gewann aber nur 161.000 Glasfaserkunden. Im ersten Quartal hatte die Telekom 148.000 neue Glasfaserkunden versorgt. Allein linear hochgerechnet bis Jahresende könnte das Unternehmen die Rekordzahl 600.000 Glasfaser-Neukunden aus dem Vorjahr aber noch übertreffen.Höttges erklärt, dass die Telekom den Glasfaserausbau künftig verstärkt nach Kennzahlen wie Nachfrage und Penetration, Kundenabwanderung, Auslastung durch Vermarktungsvereinbarungen mit Dritten sowie schlichtweg der Kapitalrendite selbst steuert: Auch weiterhin will die Telekom aber keine Vorvermarktungsquote einführen, betont sie – aber eben noch selektiver dort bauen, wo es sich nach ihrer Analyse lohnt und die Kunden die gebauten Anschlüsse auch buchen werden.Allerdings scheint die Telekom gleichzeitig bei der Preisgestaltung den Fuß vom Gas zu nehmen. Seit 2024 hatte sie immer wieder ihre Angebote so gepreist, dass es bei ihr auf Sicht von 24 Monaten gerechnet günstiger war, eine Glasfaserleitung zu buchen als einen DSL-Anschluss. Je nach Sonderangebot sparte ein Bestandskunde, der auf Glasfaser wechselte, im Monat drei Euro.Aktuell aber incentiviert sie den Verbleib im Kupfernetz. Der Magenta Zuhause XL-DSL-Tarif im „Summer Sale“ zu 37,70 Euro gewährt auf 24 Monate gerechnet einen Preisvorteil von sieben Euro im Monat gegenüber dem vergleichbaren Glasfaser-Tarif. Die Telekom erklärt, sie habe ihre in den allgemeinen Geschäftsbedingungen festgelegten Preise nicht verändert, und diese seien maßgeblich: „Ein Glasfaser-Tarif kostet bei uns etwas weniger als ein DSL-Tarif mit vergleichbarer, aber doch geringerer Leistung.“ Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige Stellenmarkt Die besten Jobs auf Handelsblatt.com Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Remind.me Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s Anzeige Presseportal Lesen Sie die News führender Unternehmen! 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