Der am 12. August 1936 in Köln geborene Hans Haacke ist als Doyen der politischen Konzeptkunst der lebende Beweis, dass Kunst die Welt vielleicht nicht grundstürzend verändern, „aber gezielt in Rage und unter Druck versetzen“ kann, wie diese Zeitung zu seinem siebzigsten Geburtstag schrieb. Obwohl die Kopplung von „deutsch“ und „Haacke“ in einem Satz stets ein kurzes Zaudern verursacht, wird bereits in der Häufung dieses Wortpaars im Œuvre des Mannes deutlich, wie wichtig ihm die künstlerisch-politische Arbeit an einem besseren Deutschland zeitlebens war, dessen Schandform er als Junge in der Rheinmetropole zu Asche hatte verbrennen sehen.Die drei wichtigsten Kopplungen resultieren dabei aus den Jahren 1981, 1993 und 2000: Im ersteren Fall kritisierte er stellvertretend am Beispiel des Schokoladenkönigs und Großsammlers Peter Ludwig die geschichtsvergessene deutsche Nachkriegswirtschaft und ihre Ausbeutungsmethoden in deren Fabriken sowie die klüngelnde Einflussnahme auf öffentliche Einrichtungen wie Museen. 1993 hackte Haacke auf der Biennale di Venezia im Deutschen Pavillon den Boden auf, gab eine Fotografie von Hitlers Besuch dieser „heiligen Hallen“ von 1934 und ein riesiges Markstück mit der Jahreszahl der Wiedervereinigung bei – und ließ im Kopf der Besucher die Assoziation der aufgetürmten Fußbodenplatten mit Caspar David Friedrichs „Gescheiterter Hoffnung“ weitergären.Im Jahr 2000 schließlich installierte er im nördlichen Innenhof des Berliner Reichstagsgebäudes einen fast 150 Quadratmeter großen Pflanztrog, in dessen Mitte Leuchtbuchstaben „Der Bevölkerung“ statt wie über dem Eingang zum Reichstag „Dem Deutschen Volke“ verkünden. Zusätzlich sollten alle Abgeordneten des Bundestages Erde aus ihren Wahlkreisen – auch und gerade mit den zufällig eingeschleppten „Unkräutern“ darin – einfüllen. Das stark bewachsene Beet bildet heute arcimboldesk den Bundesländer-Dschungel föderaler Flora ab.Fragebögen zum VietnamkriegAuch auf Deutschlands einstigem Aushängeschild von Internationalität, der Documenta in Kassel, war er öfter vertreten, als die deutsche Nationalmannschaft Weltmeister wurde: 1972, 1982, 1987, 1997 und zuletzt 2017. Bei einer Gruppenausstellung ging er sogar im New Yorker MoMA in den Kanon der Moderne ein, obwohl er, der 1962 in die Stadt am Hudson übergesiedelt war (wo er bis 2002 als Professor an der Cooper Union lehrte), die mächtigen Trustees des Museums, die engste Beziehungen zur Familie Rockefeller unterhielten, 1970 zur Weißglut getrieben hatte: In der MoMA-Ausstellung „Information“ erforschte Haacke mittels anonymer Fragebögen die Meinung der Besucher zum Vietnamkrieg und zum New Yorker Gouverneur Nelson Rockefeller im Speziellen, der sich mehr als halbherzig von Präsident Richard Nixons Vietnampolitik distanziert hatte. Und selbst ein wichtiges Bühnenbild von ihm setzt sich mit deutscher Geschichte auseinander, nämlich „Ernst Jünger" für das Tanztheaterstück von Johann Kresnik 1995 an der Berliner Volksbühne.Haacke darf auch als einer der Pioniere einer besonderen „Land Art“ in den Sechzigern gelten, mit dem wesentlichen Unterschied zu deren ansonsten meist unpolitischem Aufschütten von Erdwällen und Steinen, dass sein Zugang von Beginn an ökologisch bewusst war: Erde, Licht, Luft und Wasser verband er 1969 zur grasüberwachsenen Kegel-Installation „Grass Grows“ in der wegweisenden Gruppenausstellung „Earth Art“ an der Cornell University in Ithaca, um prophetisch auf künftige Kipppunkte des Ökosystems und Knappheiten der überlebenswichtigen vier Elemente hinzuweisen, insbesondere in den unterschiedlichen Aggregatzuständen von Wasser. Seine alchemistisch penible Befassung mit den Grundelementen ließ nie nach, sie führte vielmehr konsequent zur Reichstagsinstallation.Heute wird dieser unersetzliche Meister der punktgenauen und formstarken Provokationen, der wie so viele Dauerprovozierende im Herzen ein unverbesserlicher Idealist ist ( „Indirekt spricht durch meine Arbeiten, was ich mir für eine humanere Welt erträume“, hat er einmal bekannt), neunzig Jahre alt. Hoffentlich werden es noch mehr.
Er bewegte viel: zum 90. des Politkonzeptkünstlers Hans Haacke
Gras, Steine, Scherben: Der formvollendete Politkonzeptkünstler Hans Haacke wird neunzig Jahre alt.






