Neulich hat der Kripobeamte Christian Kruse nicht schlecht gestaunt, als er gegoogelt hat, was es mit diesem „Livmarli“ auf sich hat, einem von einer bundesweit tätigen Bande von Rezeptfälschern zuletzt auffallend nachgefragten Medikament. Was die Kriminellen da ergaunern wollen, ist ein Mittel gegen starken Juckreiz, meist in Verbindung mit einer seltenen Lebererkrankung. Das 30-Milliliter-Fläschchen wird im Fachhandel zum Listenpreis von 27 268,28 Euro angeboten; ein Liter würde also mehr als 900 000 Euro kosten. Wenn man bedenkt, dass die Abholer nur die übliche Rezeptgebühr von zehn Euro dafür bezahlen, lässt sich ermessen, wie groß die Gewinnspanne der Hinterleute ist.Das Geschäft mit gefälschten Rezepten ploppte hierzulande 2024 auf, und es scheint immer lukrativer zu werden. Waren es am Anfang vor allem Abnehmspritzen wie Ozempic oder Mounjaro, die damit beschafft wurden, dehnte sich die Nachfrage zwischenzeitlich auf Krebsmedikamente, Wachstumshormone, Hepatitis-Mittel im teilweise vierstelligen Warenwert aus – und jüngst eben auf die noch teurere Arznei gegen das Jucken. „Wir haben beweiskräftige Belege, dass aus Russland richtige Bestelllisten eingehen“, berichtete Christian Kruse bei einer Medienkonferenz am Dienstag. Wegen der internationalen Sanktionen ist in Russland offenkundig auch die Versorgung mit Arzneien schwierig.Wie Kruse, der ermittelnde Beamte des für diese Delikte zuständigen Kommissariats 84 im Münchner Polizeipräsidium, weiter ausführte, würden die bestellten Mittel dann von einem Clan besorgt, der in Brandenburg verortet wird und von Personen aus der Republik Moldau geführt wird. Für das Abholen der Medikamente heuere dieses Familienunternehmen gern Geflüchtete aus der Ukraine an, die das für vergleichsweise kleines Geld übernähmen.Aktuell seien mehr als 650 Mitglieder dieser Organisation hierzulande bekannt und identifiziert, sagte Kruse; mehr als 70 könne man direkt mit Taten in München verbinden – ein Großteil davon sei bereits in Haft. Jüngst kamen zwei eigens aus Brandenburg angereiste Teenager dazu, die in Moosach versucht hatten, gefälschte Rezepte einzulösen. Durch die Auswertung ihrer Mobiltelefone kamen die Münchner Beamten dann auch den neuesten Trends auf die Spur.Besonders gefragt ist „Livmarli“, ein Medikament gegen LeberkrankheitenDa war zum einen die ungewöhnliche Nachfrage nach „Livmarli“, die sich Kruse nur so erklären kann, dass die zugrundeliegende Leberkrankheit in Russland wohl häufiger vorkommt als in Deutschland. Und zum anderen stellten die Ermittler fest, dass die Tatverdächtigen dazu übergegangen sind, auch Versichertenkarten zu fälschen, um sie in Apotheken vorzeigen zu können.Dabei handelt es sich allerdings nur um von KI erzeugte Abbilder von Versichertenkarten, die auf Smartphones hinterlegt und mit den persönlichen Daten auf den Rezepten synchronisiert sind, samt Foto des Abholers. Kruse führt diese Anpassung des Modus operandi auf die Informationskampagne der Münchner Kripo bei den hiesigen Apotheken zurück: Die wurden aufgefordert, sich bei verdächtigen Bestellungen von hochpreisigen Medikamenten die Versichertenkarte vorlegen zu lassen. Und weil diese im Original ja nicht existiert, versuchen die Abholer nun offensichtlich, die Forderung nach Vorlage der Karte mit einem Foto auf dem Smartphone zu umgehen.Im Rahmen der Medienkonferenz würdigte Kruse auch die Zusammenarbeit mit den Apotheken und den hiesigen Pharmahändlern. In München habe man so ein „etabliertes Frühwarnsystem“. Als die Rezeptfälscher nach einer längeren, wohl durch Verhaftungen von Hinterleuten in Potsdam bedingten Pause ihre Aktivitäten in München wieder aufnahmen und Anfang Juli 30 telefonische Vorbestellungen bei Münchner Apotheken hinterließen, wurden die Beamten jedenfalls schnell informiert. Das erste Abholer-Team entkam noch, allerdings erfolglos und ohne Beute. Das nächste Team, zwei ukrainische Teenager, geriet dann allerdings zwei Tage später in die Fänge der Münchner Polizei.