Eine erholsame, ruhige und lange Sommerpause, wie Sandra Maischberger sie hatte, wäre auch Friedrich Merz und Lars Klingbeil gegönnt gewesen, um Kraft zu tanken für einen unruhigen Herbst. Sich nach wochenlangem Streit in Ruhe auf den von der Koalition beschlossenen Reformmarathon vorbereiten zu können und im Endspurt den drohenden Durchmarsch der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zumindest auszubremsen.Doch die Leihmutter-Affäre um den darüber innerhalb von Tagen gestürzten Unions-Fraktionschef Jens Spahn, die von Merz danach verstolperte Neuaufstellung seines Teams, Wut in der eigenen Partei über den Kanzler und zu schlechter Letzt die Revolte dreier ostdeutscher CDU-Ministerpräsidenten gegen die schon in der Koalition vereinbarte Rentenreform ließen die Sommerpause zu Horrorferien für Schwarz-Rot werden. Für die gerne auf lebhafte und pointierte Diskussionen ihrer Gäste setzende Sandra Maischberger und die nach ihr benannte Sendung ist dieses Paket aus Negativschlagzeilen jedoch ein Geschenk für die erste Sendung nach der Sommerpause.Denn für die übliche Vorrunde aus zwei Journalisten und einem Gast – gerne aus Kultur, Wissenschaft oder Wirtschaft – gibt es reichlich Stoff für harsche, aber auch analytisch treffende Urteile über die Schwächen und Aussichten des Kanzlers, diesen Herbst politisch zu überleben. Den Anfang macht der Liedermacher, Rocksänger und Schriftsteller Heinz Rudolf Kunze. Auf den kalauernden Einstieg Maischbergers, dass sich sein größter Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ ja auf Merz reime, antwortet Kunze mit bedrückter Miene, dass es nach seinem Eindruck auch im Bekanntenkreis immer weniger seien, deren Herz Merz gehöre. Es herrsche eine große Ratlosigkeit und Unzufriedenheit darüber, wie der Kanzler seine Politik vermittle. Er selbst sei auch überrascht über den heutigen Merz, denn er habe ihn vor vielen Jahren ganz anders erlebt. Der CDU-Politiker hatte den Musiker nach einem Konzert in seiner Garderobe besucht: „Da war er sehr jung, dynamisch und zupackend.“ Doch jetzt hinterlasse Merz doch einen sehr ungelenken und ungeschickten Eindruck in der Art und Weise, wie er seine Politik vermittle, lautet die strenge Bewertung Kunzes, der nach erfolgreich abgelegtem Staatsexamen fast Studienrat statt Popstar geworden wäre. „Das erstaunt mich schon. Ich hätte ihm mehr Führungsqualität zugetraut.“Herrmann: „Es herrscht Chaos“Deutlich strenger als Kunze, der ja eine aus Enttäuschung gespeiste Grundsympathie für Merz durchscheinen lässt, kanzelt Ulrike Herrmann von der linken „tageszeitung“ den Kanzler ab. „Es herrscht Chaos“, sagt sie im Blick auf die holprige Kabinettsumbildung nach dem Rücktritt Spahns. Merz habe ja zunächst als Nachfolger des von ihm entlassenen Verkehrsministers einen Parteifreund ausgesucht, der nach eigener Auskunft keine Ahnung von Verkehrspolitik hatte. Und „tödlich“ werde es für Merz, wenn er seine Rentenreform nicht durchbringe.Ähnlich düster fällt das Urteil von Nikolaus Blome aus, Politik-Ressortleiter von RTL Deutschland. Der konservative Journalist und Buchautor mit früheren Stationen beim „Tagesspiegel“, bei „Welt“, „Spiegel“ und „Bild“ hat eine nüchterne Sicht auf die Lage für Merz angesichts der immer tiefer sinkenden Umfragewerte für ihn, die noch schlechter sind als die seines ebenfalls schon sehr unbeliebten SPD-Vorgängers Olaf Scholz. „Das ist eine Talsohle, aus der er nicht mehr rauskommt.“Auf den von Maischberger gezeigten Einspieler aus dem ZDF-Sommerinterview, in dem der sichtlich aufgebrachte Kanzler Medienschelte betreibt, weil von Journalisten verschwiegen werde, dass er doch viel Zustimmung für seine Politik und Äußerungen erfahre, antwortet Blome differenziert. Es stimme schon, dass Merz viel Zuspruch aus der Bevölkerung für seine umstrittenen Aussagen über „kleine Paschas“ und das „Stadtbild“ erfahren habe, dafür aber wenig Zustimmung zu seiner Kritik an der mangelnden Arbeitsmoral der Deutschen. Die Umfragen seien aber vor allem deshalb so schlecht für ihn wegen der Versprechen, die er nicht gehalten habe: „Wortbruch ist in einer bürgerlichen Partei der Tod.“„Immer nur Männer, immer nur Provinz“Ulrike Herrmann konstatiert ergänzend die fehlende Regierungserfahrung von Merz: „Er war ja nicht mal Oberbürgermeister.“ Die CDU habe als Volkspartei versagt, weil sie keinen Profi, sondern einen Laienspieler als Kanzlerkandidaten aufgestellt habe. Und sie redet sich – ganz Feministin und Großstadtbewohnerin – in Rage über die Personalauswahl der CDU: „Merz, Spahn und Linnemann – alles aus der katholischen Provinz in NRW. Immer nur Männer, immer nur Provinz.“Worauf Blome trocken einwirft: „Bei Gerhard Schröder kamen alle aus Hannover.“ Er weist mit einer treffenden Fußballanalogie auf das grundsätzliche Personalproblem der CDU hin: „Wenn die Bank leer ist, kann man schlecht einwechseln.“ Der einzige bekannte Spieler sei Carsten Linnemann gewesen. Warum Merz dann nur noch ein paar unbekannte Staatssekretäre ausgetauscht habe, verstehe er nicht. Da sei kein frischer Wind zu spüren gewesen. Und fährt als Unions-Versteher fort, dass es in der CDU eine Stimmung gebe, die sage: „So geht es nicht mehr weiter, so wird das nichts mehr.“ Der Druck von der Basis schwelle immer wieder an, und zwar in einer „affenartigen Geschwindigkeit“. Dieser „Wutklumpen“ mache die CDU-Spitze nervös. Es folgt die steile These Herrmanns, dass CSU-Chef Markus Söder Merz demonstrativ stütze, um Hendrik Wüst als neuen Kanzler zu verhindern, der für diesen Job alles mitbringe: „Er ist beliebt in NRW als Ministerpräsident, er hat regiert und er ist Mitte.“Und dann ist da noch der Dauerbrenner Rentenreform, auf die sich die Koalition zwei Monate vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nach den Vorschlägen einer fachkundigen Kommission aus Politikern und Experten dann doch unerwartet einig, ohne viel Streit, aber mit innovativen Elementen verständigt hat. Und die nach anfänglicher Zustimmung von drei ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten, darunter Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt, wegen der Abkehr von der Rente mit 63 abgelehnt wird. Heinz Rudolf Kunze hat Verständnis für den CDU-Wahlkämpfer Schulze, dessen Partei in Umfragen weit abgeschlagen hinter der AfD liegt. „Ich kann den Mann verstehen. Ihm steht das Wasser bis zum Hals. Das Gefühl der Ostdeutschen, abgekoppelt zu sein, sollte man schon ernst nehmen.“ Herrmann assistiert: „Die Rentenreform wird als Kürzung wahrgenommen. Das zahlt bei der AfD ein.“ Blome weist indes auf die Fehlsteuerung der Rente mit 63 hin, die ja mit gut verdienenden Akademikern die falsche Gruppe begünstige. Und zeigt die Konsequenz eines Scheiterns auf: „Wenn die Reform nicht kommt, kann die Regierung einpacken.“Kontroverse beim Thema RenteWenig inhaltlich Neues und Erhellendes zu den Themen dieser munteren Talkrunde können Tilman Kuban von der CDU und Karl Lauterbach von der SPD anschließend beisteuern. Die beiden Koalitionäre aus der zweiten Reihe zeigen sich dabei weniger streitlustig denn als verständnisvolle Gesprächspartner, die moderat Kritik an ihrer eigenen Parteiführung üben. Dem früheren JU-Chef hält Maischberger ein altes Zitat vor, in dem sich Kuban überschwänglich über die Zukunftsaussichten Deutschlands unter einem Kanzler Merz äußert. Die CDU sei in weiten Teilen nicht froh über die Regierungspolitik. „Da gibt es nichts zu beschönigen.“ Und wen meint der frühere Gesundheitsminister Lauterbach wohl in der SPD, wenn er unter dem Applaus des Studiopublikums sagt: „Es geht nicht nur um Inhalte, sondern auch um Personen. Wir müssen daran arbeiten, glaubwürdiger zu sein und gut zu kommunizieren.“Immerhin zu einer kleinen Kontroverse der beiden kommt es wie in der Journalistenrunde beim Thema Rente. Lauterbach gibt sich als linker Sozialpolitiker und zählt zu den drei CDU-Ministerpräsidenten noch die SPD-Ministerpräsidenten Manuela Schwesig, Anke Rehlinger und Olaf Lies, die wegen der Abschaffung der Rente mit 63 ebenfalls das Reformpaket aufschnüren wollten: „Wenn sechs Ministerpräsidenten und 80 Prozent der Bevölkerung das falsch finden, dann muss ich doch noch mal darüber nachdenken.“ Kuban wird daraufhin laut: „Sie öffnen die Büchse der Pandora, die Reform wird zerfleddert. Machen Sie das nicht kaputt, Herr Lauterbach!“Ein dankbares Thema für Maischbergers Gäste ist dann noch der bizarre Auftritt des Komikers Didi Hallervorden bei Wahlkampfauftritten für die CDU in Sachsen-Anhalt, bei denen er Friedrich Merz und Boris Pistorius in einem Lied als Kriegstreiber verhöhnt. „Ich hätte Hallervorden nicht eingeladen, aber am Ende steht Sven Schulze auf dem Wahlzettel“, hofft Kuban auf einen positiven Wahleffekt für die CDU. Lauterbach glaubt nicht daran, dass der Auftritt Schulze hilft, wäre aber schon zufrieden, „wenn er der AfD nicht hilft“. Geradezu begeistert ist Kunze über den Einsatz seines Freundes und „sprudelnden Querkopfs“ Hallervorden. Er sei zwar überhaupt nicht einverstanden mit dessen Äußerungen zu Gaza und Israel. Aber der Auftritt Hallervordens erweitere den „Denkspielraum“ der CDU: „Kunst braucht Freiheit.“Ai Weiwei kritisiert Unterdrückung der MeinungsfreiheitDas ist die Überleitung für Maischberger zu einem besonderen Gast von Weltrang, der in einer ganz anderen Liga spielt als Kunze und Hallervorden. Als einer der „größten Künstler unserer Zeit“ sitzt der chinesische Konzeptkünstler, Bildhauer und Kurator Ai Weiwei ihr gegenüber. Der 68 Jahre alte Künstler lebt seit 2015 in Europa, nachdem er in China jahrelang wegen seiner Kritik an der Kommunistischen Partei und Staatsführung politisch verfolgt wurde und auch inhaftiert war – darunter 81 Tage in Isolationshaft. Bei Maischberger sitzt er nun, weil er ein Buch über Zensur geschrieben hat. Eine Unterdrückung der Meinungsfreiheit, die er auch zunehmend bei seinen Aufenthalten in westlichen Staaten wie Deutschland oder Großbritannien verspürt. Konkret benennt er auf Nachfrage Maischbergers in flüssigem Englisch die Reaktion auf seine Kritik an Israels Vorgehen in Gaza. Ausstellungen seien daraufhin abgesagt worden, „Menschen schauen mich anders an, meine Arbeit wird missachtet“. Er sei aber kein Politiker: „Ich drücke mich durch meine Arbeit als Künstler aus.“Maischberger lenkt das Gespräch dann aber rasch und diplomatisch auf Weiweis grausame Erfahrungen in China. Dort fiel sein Vater, ein bis dahin anerkannter Staatsschriftsteller, in Ungnade und wurde zusammen mit seinem noch kleinen Sohn in ein Umerziehungslager gesteckt, wo beide jahrelang in einem Erdloch hausen mussten. Sein Blick auf die heutigen politischen Verhältnisse fällt weiterhin kritisch aus, auch wenn er bei Besuchen in China positiv überrascht sei über die Effizienz im Alltagsleben. „Die Parteilinie ändert sich aber nicht, es gibt keine Rede- und Meinungsfreiheit, keine Unabhängigkeit des Rechtssystems.“ Und dennoch vermisse er China, obwohl er dort so schlecht behandelt worden sei. „Ich möchte schon gestern zurückgekehrt sein.“ Viel zu lange habe er nicht mehr die Gelegenheit gehabt, „meine eigene Sprache zu sprechen“, sagt er mit Trauer in der Stimme über den Verlust, sich tiefer ausdrücken zu können über das, was ihn bewegt. Ein wenig mehr Ai Weiwei statt so viel Merz, Hallervorden und Rente wäre jedenfalls schön gewesen.
TV-Kritik "Maischberger": Viel Merz und ein wenig Ai Weiwei
In der ersten Sendung nach der Sommerpause arbeitet sich Sandra Maischbergers Runde ausführlich am Kanzler, Didi Hallervorden und der Rente ab. Einen ganz anderen Akzent setzt am Ende ein Künstler von Weltrang.








