800 000 Soldaten sollen im Ernstfall durch Deutschland ziehen – viele Verkehrswege sind darauf nicht vorbereitetBerlin plant für den Nato-Bündnisfall und fürchtet eine AfD-Landesregierung, die sich sperren könnte. Das grössere Risiko sind aber marode Brücken, überlastete Schienen und fehlende Ausweichrouten.Armin Arbeiter, Berlin12.08.2026, 06.01 Uhr5 LeseminutenIm Bündnisfall wäre Deutschland eine logistische Drehscheibe der Nato. Es gibt aber massive Schwächen in der Infrastruktur.Illustration Sophia Kissling / NZZDie deutsche Regierung bereitet sich laut Medienberichten auf einen heiklen Fall vor: Was geschieht, wenn ein Bundesland unter Führung der AfD im Ernstfall nicht mit der deutschen Regierung in Berlin kooperiert und die Verlegung von Nato-Truppen an die Ostflanke verzögert? In mehreren Ressorts werde geprüft, wie sich Landesbehörden umgehen oder ihre Aufgaben von benachbarten Ländern übernehmen liessen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Grund: Deutschland wäre im Nato-Bündnisfall an der Ostflanke das zentrale Durchmarschgebiet für Hunderttausende Soldaten, Waffen, Munition und Fahrzeuge.Der sogenannte Operationsplan Deutschland sieht vor, die Bundesrepublik im Ernstfall zur logistischen Drehscheibe der Nato zu machen. Etwa 800 000 Soldaten und 200 000 Fahrzeuge müssten durch deutsches Bundesgebiet transportiert und an die Front im Osten verlegt werden – eine massive logistische Herausforderung.Massiver LogistikaufwandPanzer müssten etwa von Häfen auf Güterzüge oder Lkw verladen und über Gleise oder Autobahnen nach Polen und weiter an die Ostflanke verlegt werden. Gleichzeitig würde die Bundesrepublik auch zum «Lazarett der Nato». Man müsse mit eintausend Verletzten pro Tag rechnen, die grösstenteils zur Versorgung nach Deutschland gebracht würden, sagen Generale der Bundeswehr.Ein solches Vorhaben muss so reibungslos wie möglich ablaufen – und dabei spielen auch die deutschen Bundesländer eine wichtige Rolle. Sie stellen Polizeibegleitungen, genehmigen schwere Transporte, schützen Verkehrswege und helfen bei der Treibstoffversorgung.Eine unwillige Landesregierung könnte einen solchen Ablauf zwar nicht ver-, jedoch behindern, indem sie etwa Weisungen verzögert oder Polizeikräfte nicht rechtzeitig bereitstellt.Ein höheres Risiko als die mögliche fehlende Unterstützung durch eine AfD-Landesregierung ist allerdings die zivile Infrastruktur Deutschlands.Wenig AusweichroutenWie verletzlich das System ist, zeigte sich im Februar 2024, als ein Frachtschiff eine Eisenbahnbrücke über den Fluss Hunte in Norddeutschland rammte. Das Bauwerk lag an der einzigen Bahnverbindung zum Hafen Nordenham, damals dem einzigen Terminal an der Nordsee, das für sämtliche Munitionslieferungen an die Ukraine zugelassen war. Der Nachschub stockte wochenlang.Der Fall zeigt das Grundproblem auf: Deutschland besitzt leistungsfähige Verkehrsnetze, doch an entscheidenden Stellen fehlen Ausweichrouten. Viele Häfen verfügen nur über eine Bahnverbindung ins Hinterland. Im Ernstfall, in dem zusätzlich mit Sabotage und Angriffen zu rechnen ist, könnten bereits Nadelstiche zu massiven Verzögerungen führen.«Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass Brücke X nicht befahrbar sein wird, weil sie zum Beispiel von Saboteuren gesprengt wurde», sagte Oberst Armin Schaus, zuständig für Zivil-militärische Zusammenarbeit im Operativen Führungskommando der Bundeswehr, dem sicherheitspolitischen Magazin «loyal».Wie rasch es zu einer solchen Verzögerung kommen kann, zeigte die Bundeswehr-Übung «Red Storm Bravo» vergangenes Jahr in Hamburg. Reservisten, die im Zuge der Übung in die Rolle von Demonstranten schlüpften, hatten sich vor einem Militärkonvoi auf der Fahrbahn festgeklebt – ein geplantes Szenario. Ungeplant war offenbar, dass der Polizei zunächst das geeignete Lösungsmittel fehlte. Zwei Stunden vergingen, bis der Konvoi weiterfahren konnte.Die Risiken von Sabotage und Nadelstichen waren der deutschen Politik im Kalten Krieg bewusst: Strassen, Brücken und Häfen wurden auch für den militärischen Ernstfall geplant. Nach 1990 verschwand dieser Gedanke. Mit einem grossen Krieg auf europäischem Boden rechnete im frisch vereinigten Deutschland niemand mehr.Die Brücken werden immer maroderGleichzeitig alterte das Netz der Infrastruktur, deren Zustand ein Problem für den Operationsplan Deutschland darstellt. Etwa bei den Brücken: Von rund 28 000 Teilbauwerken – separate bauliche Einheiten – an Brücken an deutschen Autobahnen allein müssen nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums langfristig etwa 8000 instand gesetzt oder modernisiert werden.Das Thema drängt nicht erst seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Dennoch werden Deutschlands Brücken laut aktueller Statistik immer schlechter.Die Bundesanstalt für Strassen- und Verkehrswesen bewertet regelmässig die etwa 52 000 Teilbauwerke aller deutschen Brücken. In der von der NZZ ausgewerteten Statistik sank der Anteil der Bauwerke mit sehr gutem oder gutem Zustand zwischen 2016 und 2026 von 25,5 auf knapp 23 Prozent. Fast die Hälfte liegt inzwischen in der Kategorie «befriedigend».Von den gut 48 000 Bauwerken, die bereits 2016 erfasst waren und sich über zehn Jahre direkt vergleichen lassen, verschlechterten sich knapp 50 Prozent. 27,4 Prozent wurden laut Statistik verbessert. Rund 20 Prozent der Autobahnen und mehr als ein Viertel der Autobahnbrücken müssen repariert werden.Eine Mammutaufgabe also. Spricht man mit Zuständigen, ist jedoch Optimismus zu hören: Im Hintergrund passiere viel, darüber werde jedoch öffentlich kaum geredet, sagt jemand aus dem Verteidigungsministerium, der Einblicke in Planungen hat, der NZZ.Bis 2029 sind nach der aktuellen Finanzplanung 166,55 Milliarden Euro für Schienen, Fernstrassen und Wasserwege vorgesehen.Milliarden für die BahnAm höchsten fallen die Investitionen in das Schienennetz aus. Knapp 107 Milliarden Euro investiert Deutschland bis 2029 in die Erneuerung seiner maroden Bahn-Infrastruktur. Gleichzeitig werden Brücken, Gleise und Umschlaganlagen für schwerere zivile und militärische Transporte ertüchtigt.Allerdings dauert die Modernisierung eines lange vernachlässigten Netzes wie dem Deutschen noch etwa ein Jahrzehnt. Während Deutschland seine Funktion als Nato-Drehscheibe bereits heute erfüllen können soll.Damit das im Ernstfall dennoch möglich wäre, setzt die deutsche Regierung entsprechende Schritte um: Private Firmen sollen im Krisenfall unter anderem Transporte und Teile der Versorgung der Truppen übernehmen. Oder wie es Oberst Schaust formulierte: «Sie müssen tanken, übernachten, essen». Daher habe man bereits einen Vertrag mit dem Unternehmen Rheinmetall abgeschlossen.Die Zeit drängtParallel werden die Verkehrswege selbst auf ihre militärische Eignung untersucht. Seehäfen, Flughäfen, Strassen und Bahnverbindungen wurden daraufhin analysiert, welche Korridore für grössere Truppenbewegungen benötigt werden. Dabei geht es auch um mögliche Ausweichrouten. «Ein Gegner weiss, dass es nur wenige wesentliche Ost-West-Verbindungen gibt. Wir brauchen daher abgestufte und alternative Verbindungen», sagt die Person aus dem Verteidigungsministerium.Eine gute Vorbereitung ist entscheidend, weil schwere Militärfahrzeuge nicht beliebig auf Landes- und Bundesstrassen ausweichen können. Vor allem könnten grosse Fahrzeugverbände solche Strecken schnell beschädigen. Auch hier laufen laut Informationen aus dem Verteidigungsministerium bereits viele Massnahmen an.Welche konkreten Strecken, Brücken und Knotenpunkte für die Nato besonders wichtig sind, hält die deutsche Regierung geheim.Die verantwortlichen Politiker haben also die Zeichen der Zeit erkannt, doch diese drängt. Zumal US-Geheimdienste mittlerweile davon ausgehen, dass Russland bereits ab Herbst bereit sein könnte, die Nato mit einem begrenzten Angriff zu testen. Vorfälle wie der fehlgeschlagene Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig zeigen, dass diese Sorge nicht unbegründet ist.Passend zum Artikel
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