In der Schweiz fehlen die Hausärzte: Wie bringt man junge Mediziner dazu, eine Praxis zu eröffnen?Behandeln statt verwalten: Neue Praxismodelle nehmen Hausärztinnen und Hausärzten die Bürokratie ab. So können sie sich wieder auf die Patienten konzentrieren.12.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenViele junge Ärzte wünschen sich weniger Aufwand für Bürokratie und mehr Zeit für die Patienten.Gaëtan Bally / KeystoneReto Müller ist ein Hausarzt, wie es ihn wohl nicht mehr lange geben wird. Er führt zusammen mit seiner Kollegin Martina Buchmann seit 25 Jahren eine Gemeinschaftspraxis in Luzern. Beide arbeiten Vollzeit – eigentlich je 120 Prozent. Sie sind jeden Tag für ihre Patientinnen und Patienten da.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch das Pensionsalter rückt näher. Müller und Buchmann haben lange nach Nachfolgern gesucht. Und gemerkt: Das ist schwierig.Eigentlich wären die Voraussetzungen bestens. Ihre Praxis befindet sich mitten in der Luzerner Innenstadt. Gleich nebenan liegt das bekannte Bourbaki-Panorama. Die Ärzte haben einen treuen Patientenstamm. Dennoch wird es hier bald keine Arztpraxis mehr geben.«Die jungen Ärztinnen und Ärzte wollen heute Teilzeit arbeiten», sagt Müller im Gespräch. Das bedeutet, dass es als Ersatz für die beiden Mediziner eigentlich vier junge Ärzte braucht. Doch das lassen die Räumlichkeiten an diesem Standort nicht zu. Sie sind nicht ausbaufähig.Reto Müller, Hausarzt in Luzern.PDMüller und Buchmann suchten nach einer anderen Lösung. Sie haben sie gefunden in einem Modell, das viel darüber aussagt, wie die Zukunft der Hausarztversorgung in der Schweiz aussehen könnte.Vor einer PensionierungswelleDie Schweiz steuert auf einen Mangel an Hausärzten zu. Bereits jetzt gibt es sogenannte Hausarztwüsten: In vielen ländlichen Gemeinden existieren zu wenige Praxen, um die Bevölkerung angemessen zu versorgen. Besonders ausgeprägt ist der Mangel in den Kantonen Aargau, Luzern und Bern. Oft bleibt den Patienten nichts anderes übrig, als sich auf langen Wartelisten für einen Platz in einer Hausarztpraxis einzuschreiben.Das Problem dürfte sich in den nächsten Jahren verschärfen. Laut Daten des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) ist fast die Hälfte der Hausärzte über 55 Jahre alt. Gehen sie in Pension, müssen nicht nur diese Köpfe ersetzt werden, sondern vor allem auch ihre hohen Pensen. Dafür müssen viele junge Hausärzte nachrücken. Deshalb stellt sich die dringliche Frage, wie es für junge Medizinerinnen und Mediziner attraktiv bleibt, eine Hausarztpraxis zu betreiben.Ein neues Modell in KriensMüller und Buchmann haben ihre Nachfolgelösung in einer neuen Praxisform gefunden. In Kriens, einer Nachbargemeinde von Luzern, entsteht in der Eichhof-Überbauung eine Gruppenpraxis, die am 1. Oktober eröffnen wird. Müller und Buchmann werden dort mit zwei jungen Hausärzten zusammenspannen, Sabrina Albisser und David Schiltknecht.Die Luzerner Mediziner bringen ihre Patienten mit und werden diese schrittweise an die jungen Ärzte übergeben. Wenn sie in den Ruhestand gehen, werden weitere junge Ärzte nachrücken. In der neuen Praxis hat es Platz für bis zu sieben Hausärztinnen und Hausärzte, medizinische Praxisassistentinnen sowie mehrere Spezialisten.Das Besondere an dieser Praxis ist, dass die administrativen Tätigkeiten ausgelagert sind. Dafür sorgt die Ärztepartnerschaft Enzian Health AG. Und das funktioniert so: Alle vier Ärzte werden Teilhaber bei Enzian Health. Die Netzwerkgesellschaft kümmert sich im Gegenzug um die IT-Systeme, das Personalwesen, die Buchhaltung, beschafft medizinisches Material, holt Bewilligungen ein und übernimmt das Qualitätsmanagement. Enzian Health leitet ebenfalls das Projektmanagement für den Bau der neuen Praxis in Kriens.Ihr Backoffice auszulagern, kostet die Ärzte zwar etwas, aber unter dem Strich lohnt es sich für sie. Das Modell macht den Betrieb einer Praxis günstiger. Und vor allem können sich die Ärzte auf ihre Patientinnen und Patienten konzentrieren. Sie können Arzt sein, statt Bürokratie zu erledigen.Teilzeit ist der Normalfall«Es war immer mein Wunsch, eine Hausarztpraxis zu haben», sagt David Schiltknecht, der jetzt als Teilhaber einsteigt. Als Hausarzt habe er viele Freiheiten, ein breites Aufgabenspektrum und einen spannenden Beruf. Weil junge Ärzte derzeit gesucht seien, eröffneten sich neue Chancen. Schiltknecht will in der neuen Praxis in Kriens seine eigenen Vorstellungen von einer ganzheitlichen Grundversorgung verwirklichen.David Schiltknecht, Teilhaber einer Praxis in Kriens.PDAls Hausarzt müsse man aber auch Idealist sein, sagt Schiltknecht. Mediziner müssen nach dem Studium entscheiden, welchen Weg sie einschlagen. Wenn sie Spezialist werden, etwa Radiologe oder Dermatologe, können sie zwei- bis dreimal so viel verdienen wie als Hausarzt. Mit diesem Lohngefälle müsse man leben, sagt Schiltknecht. Daran werde auch der neue Leistungstarif Tardoc, der Anfang 2026 eingeführt wurde und das Lohngefälle etwas reduzieren soll, nur wenig ändern.Die meisten jungen Ärzte wollten heute Teilzeit arbeiten, bestätigt der 34-jährige Schiltknecht. Bei ihm geht es schon aus praktischen Gründen nicht anders: Seine Frau ist ebenfalls Ärztin, sie teilen sich die Familienarbeit. Viele junge Mediziner hätten zudem den Wunsch nach einer guten Work-Life-Balance: «Der Druck ist gross. Hausärzte müssen sich heute um viel mehr Dinge kümmern als früher, von der Bürokratie über die Digitalisierung bis zu den gestiegenen Ansprüchen der Patienten.»Bürokratie überfordert EinzelkämpferDie klassische Hausarztpraxis ist zu einem Auslaufmodell geworden. «Früher war eine Arztpraxis oft ein Drei-Mann-Betrieb», sagt Joel O’Neill, ein früherer Unternehmensberater, der Enzian Health im Jahr 2021 mitgegründet hat. «Der Arzt – meist ein Mann – kümmerte sich um die Patienten, seine Frau machte das Büro, und eine Reinigungskraft putzte.» Die Hausärzte waren Freiberufler. Sie führten als Selbständige ihr kleines Unternehmen und waren ihre eigenen Chefs.Joel O’Neill, Mitgründer von Enzian Health.PDEine zukunftsfähige Hausarztpraxis sei heute anders aufgebaut, sagt O’Neill. Jungen Ärzten sei es wichtig, eine Ferienvertretung zu haben und sich innerhalb eines Teams fachlich auszutauschen. Zudem sei es wegen der zunehmenden Regulierung kaum mehr möglich, eine Einzelpraxis zu führen. Ein kleines Beispiel dafür ist der Sterilisator, ein Gerät, um medizinisches Besteck aufzubereiten. In der alten Luzerner Praxis von Müller und Buchmann durfte der Sterilisator noch in der Küche stehen. In der neuen Praxis in Kriens ist für das Gerät ein eigener Raum mit drei Zonen vorgeschrieben, den die Behörden bewilligen müssen.Bei Enzian Health werden Ärzte zu TeilhabernWenn eine Einzelpraxis für junge Ärztinnen und Ärzte kaum mehr infrage kommt, was ist dann die Alternative? Eine Möglichkeit sind grosse Gruppenpraxen, wie sie etwa von der Migros-Tochter Medbase oder von Sanacare schweizweit betrieben werden. Diese Praxisketten werden zentral geführt. Die Ärzte arbeiten als Angestellte. Um Managementfragen müssen sie sich also nicht kümmern, und sie tragen auch kein unternehmerisches Risiko.Aber die Fluktuation in einigen dieser Praxisketten ist hoch, die Bindung zu den Patienten gering. Das schreckt manche Ärzte ab. Viele bauen lieber eine langjährige Beziehung zu ihren Patienten auf. «Menschen als Vertrauensarzt über lange Zeit begleiten zu können, ist das Schönste an diesem Beruf», sagt Reto Müller nach 25 Jahren in seiner Luzerner Praxis.Einen Mittelweg bieten Modelle wie Enzian Health. Die jungen Ärzte beteiligen sich finanziell an der Ärztepartnerschaft. Sie sind so teilweise Unternehmer und Freiberufler. Die Netzwerkgesellschaft hilft im Gegenzug beim Aufbau von neuen Gruppenpraxen mit fünf bis sieben Hausärztinnen und Hausärzten.Wunsch nach einem VertrauensarztIn den vergangenen Jahren hat Enzian Health neun Gruppenpraxen in der Region Aargau, Zürich und Luzern aufgebaut. In der Schweiz gibt es weitere ähnliche Modelle. Der Anbieter Medicus Solutions beispielsweise hilft Ärzten beim Praxisaufbau und entlastet sie im betrieblichen Alltag. Auch Netzwerke wie Doktorhuus oder die Praxisgruppe Schweiz nehmen den Ärzten die Administration ab. Die Mediziner sind dort aber angestellt. Doktorhuus gehört der Beteiligungsgesellschaft Ufenau Capital Partners, die Praxisgruppe Schweiz wird vom Gründer geführt.Für die Patientinnen und Patienten ist es wichtig, dass die Hausarztwüsten in der Schweiz nicht weiter wachsen. Vielen Menschen geht es aber um mehr als um einen Platz in einer Hausarztpraxis. Sie wollen eine Ärztin ihres Vertrauens haben und nicht bei jedem Besuch einer anderen Person gegenübersitzen. Modelle wie jenes von Enzian Health wollen den klassischen Hausarzt in die Zukunft retten.Passend zum Artikel
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