Man muss nicht an die Astrologie glauben, um zu erkennen, dass der Wechsel von Oliver Glasner zu Nottingham Forest nicht unter dem besten aller Sterne steht.Sogar die stets seriöse BBC bezeichnete den neuen Arbeitgeber des Österreichers zuletzt als „Manager-Friedhof“, weil dort allein in der zurückliegenden Premier-League-Saison vier Trainer verschlissen wurden. Ausgerechnet dort hat Glasner in diesem Sommer einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben. Und so mancher Beobachter in England und darüber hinaus fragt sich angesichts seiner Erfolge, ob für den bald Zweiundfünfzigjährigen nicht mehr drin gewesen wäre.Oliver Glasners „verrückter Sommer“An mangelndem Interesse der europäischen Topklubs hat es offenbar nicht gelegen. So mancher Verein soll Interesse an Glasner gehabt haben: Manchester United hat sich angeblich nach ihm erkundigt, und laut dem ORF war sein Wechsel zum AC Milan zwischenzeitlich schon „so gut wie fix“.2022 gewann Oliver Glasner mit Eintracht Frankfurt überraschend die Europa League.picture alliance / SvenSimonEs sei ein „verrückter Sommer“ gewesen, bestätigte Glasner im Interview mit dem Sender – mit Anfragen „quer durch Europa“. Zur Einordnung: Nottingham hat es vergangene Saison zwar bis ins Halbfinale der Europa League geschafft, wurde in England aber nur Sechzehnter. Ein Topklub ist Forest trotz seiner schillernden Historie nicht.Abendessen mit Klubbesitzer Marinakis überzeugt GlasnerWas sich die sportliche Leitung in Nottingham von Glasner erhofft, ist derweil klar: Mit Eintracht Frankfurt gewann er 2022 sensationell die Europa League, mit Crystal Palace anschließend den FA Cup und im Mai dieses Jahres die UEFA Conference League. Er hat hinreichend bewiesen, dass er ambitionierte Vereine unterhalb der etablierten Spitzengruppe zum Erfolg führen kann. Jedoch räumte Glasner nach seiner Vorstellung auch ein, dass es „drei bis sechs Monate“ dauern kann, bis seine Ideen auf dem Platz zu erkennen sind. In den Genuss solcher Geduld kamen seine Vorgänger nicht.Das Ziel sei es, Forest dauerhaft in der oberen Hälfte der Premier-League-Tabelle zu etablieren und regelmäßig um die Europapokalplätze zu konkurrieren. So sei es mit dem Klubbesitzer Evangelos Marinakis besprochen, sagte Glasner.Ein gemeinsames Abendessen mit dem griechischen Unternehmer in Athen habe ihn schließlich zur Unterschrift bewogen, denn in ihm habe er „eine der wenigen Personen gefunden, die ehrgeiziger sind als ich“. Marinakis wiederum ließ sich zitieren, dass die Ambition nicht nur darin bestehe, in England und Europa konkurrenzfähig zu sein: „Unsere Ambition ist es zu gewinnen.“Marinakis ist bei Forest ein einflussreicher und außergewöhnlich lauter Akteur. Den früheren Trainer Nuno Espírito Santo stellte er nach einem Unentschieden gegen Leicester City auf dem Rasen für jeden sichtbar zur Rede. Überhaupt haftet ihm in der Branche nicht das sauberste Image an. Im Herbst 2024 wurde er für fünf Spiele aus dem Stadion verbannt, weil er nach einer Niederlage gegen Fulham in Richtung des Schiedsrichtergespanns gespuckt haben soll. Marinakis’ Verteidigung war, er habe starken Husten aufgrund seines Zigarrenkonsums.Enormes Konfliktpotential in NottinghamGlasner wiederum ist keiner, der lange stillhält, wenn er ein Problem ausmacht. Als Palace im Januar Kapitän Marc Guéhi an Manchester City verkaufte, sagte er den Medien, er fühle sich von der Klubführung „komplett im Stich gelassen“. Das Konfliktpotential ist enorm.Ebenso ehrgeiziger wie schwieriger Klubchef: Evangelos MarinakisReutersZum Scheitern verurteilt ist das Projekt dadurch aber nicht. Glasners große Erfolge sind das Resultat seiner besonderen Fähigkeit, Mannschaften über ihr angenommenes Potential hinaus zu coachen. Die Eintracht besiegte auf dem Weg ins Europa-League-Endspiel nacheinander den FC Barcelona und West Ham United. Palace gewann das FA-Cup-Finale gegen Manchester City.Um das zu erreichen, braucht er Einfluss auf die sportliche Entwicklung und einen Kader, in dem er größere Fähigkeiten sieht, als bisherige Leistungen es nahelegen. Beides scheint er bei Forest zu erkennen, wo er mit verheißungsvollen Profis wie Morgan Gibbs-White und Callum Hudson-Odoi zusammenarbeitet.Auf dem Transfermarkt hat sich Forest bislang allerdings weitgehend zurückgehalten. Der wichtige defensive Mittelfeldspieler Elliot Anderson ist für umgerechnet über 135 Millionen Euro zu Manchester City gewechselt. Für ihn wurde Glasners Landsmann Xaver Schlager ablösefrei von RB Leipzig geholt. Den offensiven Mittelfeldspieler Gustavo Sá ließ sich der Verein 20 Millionen Euro kosten, für Innenverteidiger Ousmane Diomandé investierte er 40 Millionen Euro.Man werde nur Zukäufe tätigen, die „Sinn ergeben und den Kader verstärken“, erklärte Glasner. Vor dem ersten Saisonspiel gegen Leeds United am 22. August wird dahingehend wohl trotzdem noch etwas passieren.„In unseren Gesprächen mit Oliver wurde deutlich, dass wir dieselbe Vision, denselben Ehrgeiz und denselben unermüdlichen Willen zum Erfolg teilen“, sagte Marinakis, nachdem Glasner ihm zugesagt hatte: „In seiner Karriere hat er immer wieder bewiesen, dass er herausragende Teams aufbauen und sich auch gegen die stärkste Konkurrenz behaupten kann.“Das ist Anerkennung und Auftrag in einem – von einem Mann, dessen Geduldsfaden jederzeit spektakulär in Flammen aufgehen kann. Glasner hat sich in Nottingham für einen spannenden Job entschieden, ganz sicher aber nicht für einen bequemen.
Warum Oliver Glasner ausgerechnet zu Nottingham Forest wechselt
Mit Crystal Palace gewinnt Oliver Glasner FA- und Europacup. Statt zu einer Topadresse wechselt er dann nach Nottingham – zu einem Klub, der in einer Saison vier Trainer entließ. Warum tut er sich das an?






