Ralf Bochert hat eine Mission: Seit mehr als zehn Jahren setzt sich der Volkswirt für eine Liberalisierung von Autokennzeichen ein. Jede Stadt mit mehr als 20.000 Einwohnern solle ein eigenes Kürzel ausgeben dürfen, schlägt der Professor für Tourismusmanagement an der Hochschule Heilbronn vor und begründet das unter anderem mit der identitätsstiftenden Wirkung und dem Werbeeffekt. Der Bundesrat hat sich auf Initiative Hessens die Idee schon zu eigen gemacht, irgendwann wird sich auch der Bund mit dem Thema befassen.Seinen Vorschlag begründet der Forscher unter anderem auch mit der großen Beliebtheit der „Heimatkennzeichen“: Während der Gebietsreform und der Fusion von Städten und Landkreisen in den Siebzigerjahren verschwanden etliche dieser Kürzel, seit knapp 15 Jahren werden sie aber wieder vergeben, 336 an der Zahl. Eine Erfolgsgeschichte, findet Borchert und hat in einer Studie mit dem unprätentiösen Titel „7 Millionen Mal ein kleines Glück!“ Zahlen zusammengetragen. Nachlesen kann man dort zum Beispiel, dass „MO“ für Moers das beliebteste Altkennzeichen in Deutschland ist, es prangt an 128.090 Autos.Ein hessischer SonderfallBeim Blick auf Hessen schneidet das „GN“ für Gelnhausen mit knapp 80.000 Exemplaren besonders gut ab. Das rührt an eines der kompliziertesten Kapitel in der Geschichte deutscher Autokennzeichen, nämlich das des Main-Kinzig-Kreises. Der wurde 1974 aus den Altkreisen Schlüchtern („SLÜ“), Gelnhausen („GN“), und Hanau („HU“) sowie der zuvor und heute wieder kreisfreien Stadt Hanau geschmiedet und reicht von der Frankfurter Stadtgrenze bis in die Rhön. Als Kennzeichen für den gesamten Kreis wurde die Hanauer Kennung festgelegt, weil in dessen Geltungsbereich mehr Menschen lebten und leben als in den beiden östlichen Kreisen. „HU“ auf dem Nummernschild – eine Schmach für Lokalpatrioten im oberen Kinzigtal.Korrigieren wollte das vor 20 Jahren der damalige Landrat Karl Eyerkaufer (SPD), der seinerzeit „MKK“ für den gesamten Kreis erfand und durchsetzte – auch damals mit dem Argument der Identitätsstiftung. Tatsächlich ist „MKK“ das heute im Kreis am häufigsten vergebene Kürzel. Hanau durfte sein Nummernschild übrigens behalten, sodass zwischenzeitlich vier Kennzeichen in einem Landkreis ausgegeben wurden. Das ist durch die Kreisfreiheit der kleinsten hessischen Großstadt seit Anfang des Jahres wieder entzerrt worden.Bei aller Statistik lässt sich die identitätsstiftende Wirkung der Heimatkennzeichen allerdings nur schwer messen: stolz und heimatverbunden die einen, entwurzelt und getrieben wie dürres Laub im Sturm des Straßenverkehrs die anderen, Zugezogene und Dienstwagenfahrer zum Beispiel? Eine knifflige Angelegenheit. Und wie erfasst man diejenigen, denen völlig gleichgültig ist, mit welchem Nummernschild sie durch die Gegend fahren? Aber egal: Es schadet keinem, und wenn es ein paar Menschen wirklich glücklich macht – dann her mit Ortskennzeichen von „BUZ“ für Butzbach bis „OBH“ für Obertshausen. Nur Mut, Herr Bilger und Herr Merz.