PfadnavigationHomeSportFußballBundesligaFC Schalke 04Schalkes Trainer Muslic„Es beruhigt mich, wenn ich um 6.15 Uhr draußen bin und die Blumen gieße“Von Max BackhausStand: 09:57 UhrLesedauer: 7 MinutenEiner der Väter der jüngsten Erfolge auf Schalke: Trainer Miron MuslicQuelle: Fabian Strauch/dpaNach großer Anfangsskepsis hat sich Miron Muslic mit seiner authentischen Art als Glücksfall auf Schalke erwiesen. Nach dem Aufstieg warten auf den Trainer die nächsten Bewährungsproben.Die Rückkehr in die Bundesliga ist eng mit zwei Namen verbunden: Sportvorstand Frank Baumann und Trainer Miron Muslic. Die im Sommer 2025 zum FC Schalke 04 Gestoßenen haben einen riesengroßen Anteil an den jüngsten Erfolgen. Im umfangreichen Interview spricht Muslic über die Herausforderungen, die nun in Deutschlands Fußball-Eliteliga auf den Traditionsverein warten, und Heimweh zu seiner Familie.Frage: Herr Muslic, wie war Ihr Urlaub?Miron Muslic (43): Von den sechs Wochen war ich vier auf einer Baustelle, weil wir als Familie in Oberösterreich umziehen. Ich bin mit Blasen an den Händen wiedergekommen vom Schleppen der Kisten und Möbel.Frage: Bei Instagram haben Sie ein Foto von der Gartenarbeit geteilt. Ihr Sohn kommentierte, Sie hätten die Motorsäge nur fürs Foto in die Hand genommen.Muslic: Da wurde ich von der Familie massiv angegriffen. (lacht) Ich konnte nur nicht zurückschlagen, weil sie natürlich recht hatten. Aber ich bin tatsächlich sehr gerne im Garten aktiv. Es beruhigt mich, wenn ich morgens um 6.15 Uhr draußen bin, die Blumen gieße oder am Abend den Tag in der Natur abschließe. Auch in dieser Woche war ich wieder abends über zwei Stunden am Rhein spazieren. Ich laufe jeden Tag über 20.000 Schritte. Dabei komme ich auf neue Ideen. Das Handy muss dabei übrigens eingeschaltet bleiben – den Luxus kann ich mir nicht erlauben.Frage: Bleibt bei 20.000 Schritten Lust auf Sport?Muslic: Morgens komme ich meistens vor 7 Uhr auf Schalke an und gehe in den Kraftraum. In Österreich spricht man von „Coach Hygiene“. Ich versuche, einen gesunden Lebenswandel zu pflegen. Ich bin sehr diszipliniert.Frage: Ist Ihr Akku jetzt wieder voll?Muslic: Ja. Ich bin energetisch auf einem Toplevel – dank des Urlaubs mit meiner Familie.Frage: Reisen Sie deshalb bei Gelegenheit auch während der Saison zu Ihrer Familie nach Österreich?Muslic: Nein, das liegt daran, dass ich sie einfach vermisse. Als dreifacher Familienvater, der seit über 20 Jahren mit seiner Frau verheiratet ist, komme ich jeden Tag in eine leere Wohnung. Natürlich fehlt mir dann meine Familie.Frage: Ihr jüngster Sohn, Hamza, ist neun Jahre alt. Ist er besonders stolz auf Papa?Muslic: Hamza ist anders. Benjamin und Lejla können Job und Privates klar trennen. Hamza hat gefühlt jedes Schalke-Trikot in jeder Farbe, jeder Größe und jeder Nummer. Er trägt jeden Tag Schalke-Klamotten in der Schule.Frage: Es bleibt aber schon noch Geld für Essen übrig?Muslic: (lacht) Ich unterstütze Schalke bestmöglich. Außerdem gibt’s Mitarbeiterrabatt.Frage: Apropos Essen. Kochen Sie eigentlich selbst?Muslic: Ich kann sehr gut kochen, aber mache das einfach ungern nur für mich allein. Ich habe immer aber auch die Möglichkeit, mir etwas von unserem herausragenden Essen im Profileistungszentrum mitzunehmen. Unser Küchenteam kocht wirklich exzellent.Frage: Was darf bei Ihnen nie im Kühlschrank fehlen?Muslic: Schokolade! Am besten Lindor Kugeln oder Zartbitterschokolade. Ein Stück muss ich mir am Tag gönnen. Und Mineralwasser.Frage: Überlegen Sie, Ihre Familie nach Deutschland zu holen?Muslic: Wir haben uns ganz klar dagegen entschieden. Ich habe als Kind allein 14, 15 Adressen in Tirol gehabt, war an fast zehn verschiedenen Schulen. Meine Eltern haben aus Notwendigkeit gewissermaßen ein Nomadenleben geführt, weil sie Personalarbeiter in Hotels waren. Ich habe mir fest geschworen, dass ich das meiner Familie nicht antun möchte.Frage: Gibt es feste Rituale, um Kontakt zu halten?Muslic: Wir starten jeden Tag mit einem WhatsApp-Videoanruf. Hamza und meine Frau Ensada sind auch Frühaufsteher. Diese Gespräche geben mir das Gefühl, durch die Wand gehen zu können – mich kann dann nichts mehr aufhalten.Frage: Würde Schalke-Fan Hamza damit klarkommen, wenn Sie hier eines Tages nicht mehr Trainer wären?Muslic: Das ist für ihn unvorstellbar. Er kennt alle Schalke-Lieder, singt mit und ist im Fieber. Ich bin froh, dass er das so genießt, und das möchte ich ihm auf keinen Fall nehmen.Frage: Was fehlt Ihnen im Zusammenleben mit Hamza?Muslic: Die Kleinigkeiten: die Hausaufgaben durchzugehen, ihn in den Arm zu nehmen, natürlich auch gemeinsam Fußball zu spielen. Dinge, die du mit einer noch so schönen Arena nicht wettmachen kannst. Da bin ich unerfüllt, das tut mir unglaublich weh. Ich habe Hamza verlassen, als er vier Jahre alt war, jetzt ist er neun – und wir sehen uns 45 Tage im Jahr. Das ist gar nichts. Aber ohne etwas aufzuopfern, gibt es keinen Erfolg und damit eine gesicherte Zukunft.Frage: Sind Sie mit der Entscheidung im Reinen?Muslic: Es gibt einen Moment, den ich nie vergessen werde. Ich war mit Hamza spazieren im Wald, da bekomme ich währenddessen die Zusage für den Trainerjob bei Cercle Brügge. Ich nehme den Hamza wie einen kleinen Teddy, hebe ihn auf meine Schultern und weine 20 Minuten lang den ganzen Weg nach Hause.Frage: Ist der Miron zu Hause anders als auf dem Trainingsplatz?Muslic: Ja, da braucht es kein Coaching. Und zu Hause hat meine Frau das Sagen.Frage: Was sind Ihre größten Stärken als Trainer?Muslic: Ich bin klar, kommunikativ und konsequent. Ich will Stärken stärken und bei den Schwächen nicht herumdoktern. Kenan Karaman ist das Paradebeispiel: Ich habe ihn mit unserem Trainerteam elf Monate auf das Tor zum Aufstieg gegen Fortuna Düsseldorf vorbereitet, habe ihn so lange starkgeredet, bis er an sich geglaubt hat. Vor dem entscheidenden Spiel war ich tiefenentspannt und habe meinen Trainerkollegen gesagt, dass Kenan es heute richten wird. Dann trifft er – das bislang schönste Tor meiner Trainerkarriere.Frage: Funktioniert diese positive Gehirnwäsche nur, wenn es läuft?Muslic: Ich bin nach der schlechtesten Saison der Schalker Vereinsgeschichte gekommen. Es war instabil. Trotzdem war vom ersten Tag an klar, dass wir den Mut haben, alles auf den Kopf zu stellen. Das ist auch in Zukunft krisenunabhängig.Frage: Der letzte Trainer, der einen Ruhrpottverein so mitgerissen hat, war wahrscheinlich Jürgen Klopp beim BVB. Sind Sie ein ähnlicher Menschenfänger?Muslic: Dass Jürgen Klopp einer ist, der einen Verein oder eine Stadt prägen kann, steht außer Frage. Das hat er mehrfach eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Ich bin sehr glücklich, dass ich hier sein darf und einen positiven Einfluss auf den Verein und vielleicht auch viele Menschen rundherum habe.Frage: Was ist das Ziel für die Saison?Muslic: Wir wollen uns in der Bundesliga etablieren. Dafür haben wir Verstärkung von erfahrenen Jungs bekommen, die zu einer intakten Mannschaft stoßen. Wir sind gut aufgestellt und vorbereitet.Frage: Wäre es zu viel, von Schalke als möglichem Überraschungsteam zu sprechen?Muslic: Nein, überhaupt nicht. Wir sind bodenständig, aber ambitioniert. Aber wir wollen keine Sprüche klopfen, sondern Leistung bringen.Frage: Welche Probleme sehen Sie kommen?Muslic: Wir werden zwei Gänge höher schalten müssen. Vergangene Saison waren wir eine der intensivste Mannschaft Deutschlands. Dafür ist auch jetzt das Gerüst gebaut. Für aggressive Pressingmannschaften geht es nicht um Distanzen, sondern um Aktivität.Frage: Haben Sie im Sommer über einen Abgang nachgedacht?Muslic: Nein, nicht eine Sekunde. Ich habe mich vom ersten Tag an mit diesem wundervollen Verein identifiziert. Diese Bindung und Nähe spüre ich immer noch.Frage: Haben Sie Sorge, dass der Muslic-Heiligenschein irgendwann aufhört zu leuchten?Muslic: Ich weiß, wie das Echo war, als ich kam – sehr negativ. Hätte ich mein Telefon geöffnet und ein paar Nachrichten durchgelesen, wäre ich nach Hause gegangen. Ein Jahr später sagen sehr viele Schalke-Fans: „Miron ist der Beste und soll auf Lebzeit bleiben!“ Die Wahrheit liegt in der Mitte. Auf alles andere habe ich keinen Einfluss.Frage: Das heiligste Thema zum Schluss. Sie müssen wählen: Abstieg oder Bart ab?Muslic: Bart ab.Frage: Einen Werbevertrag mit Gillette gibt’s aber bisher nicht, oder?Muslic: (lacht) Nivea und Gillette – das würde schon passen, das unterschreibe ich.Dieser Artikel wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD, BILD AM SONNTAG) verfasst und erschien zuerst in BILD AM SONNTAG.
Schalkes Trainer Muslic: „Es beruhigt mich, wenn ich um 6.15 Uhr draußen bin und die Blumen gieße“ - WELT
Nach großer Anfangsskepsis hat sich Miron Muslic mit seiner authentischen Art als Glücksfall auf Schalke erwiesen. Nach dem Aufstieg warten auf den Trainer die nächsten Bewährungsproben.







