Jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Aber halt, das darf man heute gar nicht mehr sagen. Der Kinderschutzbund warnt schon vor der Einschulung auf Veranstaltungen junge und alte Eltern vor dieser überkommenen Weisheit: Das sei eine Drohung, die Kindern Angst mache.Tatsächlich kann man darüber streiten, inwiefern Sechsjährige nun den Beginn der Schulzeit als Ernst des Lebens begreifen sollen. Beginnt dieser Ernst nicht schon mit der Geburt? Oder mit der weiterführenden Schule, mit dem Studium, privaten und beruflichen Bindungen, mit der Geburt eigener Kinder oder erst mit dem eigenen Sterben?Ein bedeutsamer EinschnittSchwer zu bestreiten ist aber, dass der Beginn der Schule einen bedeutsamen Einschnitt darstellt. Die Kindergartenzeit endet. Jetzt muss man kommen und mitmachen. Feste Zeiten, langes Sitzen und verstärkte Aufmerksamkeit sind gefragt. Das eigene Verhalten wird bewertet und offiziell festgehalten. Auch im Vergleich zu anderen. Das ist ein Umbruch, auf den man sich einstellen muss.Gerade diese Hürde, diese Ernsthaftigkeit ist der Grund dafür, dass Schule sein muss. Insbesondere für die, die sie nicht mehr zur Pflicht machen oder ganz abschaffen wollen. Denn sie dient der Integration. Dazu muss die öffentliche Schule weltanschaulich neutral sein.Selbstverständlich müssen die Lehrer und das, was gelehrt wird, auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen. Niemand muss seine Meinungen an der Schulpforte abgeben. Aber in der Schule darf grundsätzlich keine Werbung für bestimmte Parteien oder Glaubensrichtungen gemacht werden.Die Schulpflicht ist ein erheblicher Grundrechtseingriff. Die Aufsicht des Staates bedeutet nicht Indoktrinierung, sondern Förderung von Selbstbestimmung und Verantwortung. Gut, wenn dabei auch Sinn für das Gemeinwesen herausspringt. Gerade in Zeiten, in denen in vielen Klassen kaum noch Deutsch gesprochen wird, in Zeiten, in denen Lehrer froh sind, wenn alle Schüler ihre Plätze überhaupt einnehmen. In Zeiten auch, in denen die Schulpflicht zur Disposition gestellt wird – offenbar auch und gerade von Leuten, die etwas gegen diesen Staat und gegen Bildung haben.Der Staat und seine Diener wiederum müssen sich nicht verstecken. Man kann auf dieses Land stolz sein. Auch wenn vieles schiefläuft, sollte die freiheitliche demokratische Grundordnung nicht kaputtgeredet werden. Denn sie ist zerbrechlich und verteidigt sich nicht von selbst. Und was soll denn an ihre Stelle treten?Insofern kommt der Schule, die alle Kinder besuchen müssen, eine besondere Bedeutung zu. Sie schafft hoffentlich eine gemeinsame Grundlage, eine Sprache und ein Bild vom Menschen, seiner Würde und eigenen Intelligenz. Die Schule kann nicht alles ausbaden, was etwa in der Migrationspolitik und in den Elternhäusern versäumt wurde. Aber wenn sie scheitert, wird es eng.Die Schule als Schule des LebensSchule im guten Sinn fordert heraus. Das ist anspruchsvoll. Angst muss aber niemand haben. Auch das sollte Schule vermitteln. Auch keine Angst vor Leistungsvergleichen, vor Noten. In der Schule muss geprüft werden. Doch eine Note oder eine Beurteilung sind (nur) die Bewertung einer bestimmten einzelnen Leistung, die Abfrage von Erlerntem. Sie ist da wichtig, wo man keine anderen Informationen hat oder will. Ein Stempel, der verblasst. Sie definiert keinen Menschen, keine Persönlichkeit.Schule sollte auch gerade hierzulande nicht eine Angestelltenmentalität fördern, sondern Kreativität freisetzen. Von jedem Einzelnen. Man muss ja nicht gleich die großen Techunternehmer zum Vorbild nehmen, die in der Schule nicht zurechtkamen und ihr Studium abbrachen. Aber dass auch Selbständigkeit und Unternehmertum eine berufliche Option ist und unser Land von Beamten allein nicht leben kann, das kommt in der Schule bisweilen zu kurz.Schließlich sollte man aus der Schule auch mitnehmen, dass das Leben nicht immer gerecht ist. Schließlich werden hier Menschen von Menschen beurteilt. Lernen sollte man freilich auch, dass man kleine, tatsächliche oder gefühlte Ungerechtigkeiten gelassen ertragen sollte, gegen große aber aufstehen muss.Eine Lehre fürs Leben: Mitunter muss man sich einfügen – die Schulpflicht ist ein Beispiel dafür. Kleinmachen muss man sich aber weder in der Schule noch später. Vielmehr: sich in Freiheit und Verantwortung binden und das Beste daraus machen.In diesem Sinn also: der Ernst des Lebens. Den kann man aber im Sinne der gerade populären Zeile „Du bist gut genug“ angehen. So sollte jeder an den Start gehen: mit Zuversicht. Auch der Ernst des Lebens bringt Gewinn und sollte Freude machen.