PfadnavigationHomekmpktSocial-Media-Trend„Type A“ oder „Type B“? Dieser beliebte Persönlichkeitstest birgt einen großen IrrtumStand: 07:20 UhrLesedauer: 5 MinutenQuelle: Guido Mieth/Getty ImagesDie einen sind sorgfältig und organisiert, die anderen das personifizierte Chaos – so die Logik eines beliebten Persönlichkeitstests, der in den sozialen Medien Menschen nach „Type A“ und „Type B“ einordnet. Dahinter steckt ein Irrglaube.Du planst Urlaube in Tabellen, bist grundsätzlich zehn Minuten zu früh und bekommst nervöse Zuckungen, wenn jemand „Wir schauen einfach mal“ sagt? Dann bist du – laut TikTok und Instagram – vermutlich „Type A“. Oder du besitzt 47 ungelesene Nachrichten, buchst deine Zugfahrt auf dem Weg zum Bahnhof und vertraust immer darauf, dass sich schon alles fügen wird? Dann wird dir „Type B“ zugeschrieben. Wer in den sozialen Medien unterwegs ist, stößt immer wieder auf Videos, in denen sich Menschen in diese beiden Kategorien einordnen. Doch hinter dem Persönlichkeitstest steckt eine ziemlich alte und wissenschaftlich längst überholte Theorie.Bevor du erfährst, was hinter den Persönlichkeitstypen steckt, kannst du uns noch eine Frage beantworten:„Type A“ oder „Type B“?In zahlreichen Posts werden die beiden Typen gegeneinander ausgespielt: Hier der organisierte, ehrgeizige und chronisch angespannte Overachiever, dort der gelassene, spontane und chaotische Freigeist. Das ist zwar unterhaltsam, aber aus psychologischer Sicht ungefähr so präzise, wie vom Lieblingsgetränk auf die Persönlichkeit zu schließen.Besonders „Type B“ wird in den sozialen Medien als „besserer Lifestyle“ geframed. Der vermeintlich entspanntere Typ widersetzt sich dem Wunsch einer Leistungsgesellschaft, nicht jeden Lebensbereich optimieren zu müssen. Unpünktlichkeit wird dadurch zur sympathischen Schrulle, ein ungeplanter Alltag zum Ausdruck innerer Freiheit. Immerhin: Der „Type A“ wird von vielen als bewundernswert produktiv empfunden.Die Geschichte begann mit kaputten StühlenWas vielen in den sozialen Medien womöglich nicht bewusst ist: Die Begriffe hatten ursprünglich wenig mit ästhetischen Morgenroutinen oder unordentlichen Schreibtischen zu tun. In den 1950er-Jahren sollen die US-Kardiologen Meyer Friedman und Ray Rosenman bemerkt haben, dass die Stühle in ihrem Wartezimmer ungewöhnlich stark abgenutzt waren – allerdings vor allem an den Vorderkanten der Sitzflächen sowie den Armlehnen.Der Überlieferung nach brachte sie ein Polsterer auf die entscheidende Spur: Die Herzpatienten saßen offenbar nicht entspannt zurückgelehnt im Wartezimmer. Sie hockten auf den Stuhlkanten, sprangen häufig auf und wirkten ungeduldig. Friedman und Rosenman vermuteten daraufhin, dass bestimmte Verhaltensweisen mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten zusammenhängen könnten. Ende der 1950er-Jahre beschrieben sie das sogenannte „Type-A“-Verhaltensmuster. Dazu zählten sie unter anderem starken Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, Ungeduld, Zeitdruck, Aggressivität und die Neigung, ständig möglichst viel erledigen zu wollen. „Type B“ war der ruhigere Gegenpol: weniger getrieben, weniger feindselig, weniger auf Wettbewerb fixiert. Es ging also zunächst nicht um zwei umfassende Persönlichkeitstypen, sondern um ein mögliches gesundheitliches Risikomuster.„Type A“ sollte anfälliger für Herzkrankheiten seinDie frühe Forschung schien die Vermutung der Kardiologen zunächst zu bestätigen. In einer der bekanntesten Langzeitstudien begleiteten die Forscher berufstätige Männer zwischen 39 und 59 Jahren über durchschnittlich achteinhalb Jahre. Ihr Ergebnis: Männer mit einem ausgeprägten „Type A“-Verhaltensmuster entwickelten häufiger eine koronare Herzkrankheit als andere Teilnehmer – auch wenn klassische Risikofaktoren wie Rauchen, Blutdruck oder Blutfettwerte berücksichtigt wurden. Doch mit der Zeit bekam die Theorie Risse. Spätere Untersuchungen lieferten widersprüchliche Ergebnisse, und der vermeintlich eindeutige Zusammenhang zwischen dem gesamten „Type A“-Paket und Herzkrankheiten ließ sich nicht stabil bestätigen. Meta-Analysen verwiesen schließlich auf den Trend zu Nullbefunden in der Forschung.Lesen Sie auchEinzelne Eigenschaften können trotzdem gesundheitlich relevant sein. Chronische Feindseligkeit, starke Ängstlichkeit oder dauerhaft erlebter Stress sind nicht plötzlich harmlos, nur weil die A/B-Theorie zu simpel war. Aber daraus folgt eben nicht, dass ehrgeizige Menschen automatisch herzkrank werden oder entspannte Menschen vor Herzproblemen geschützt sind.Eine Replikationsstudie mit insgesamt mehr als 4600 Teilnehmern kam zudem zu dem Ergebnis, dass hinter „Type A“-Verhalten kein klar abgrenzbarer „Typ“ steckt. Die betreffenden Eigenschaften verteilen sich vielmehr stufenweise auf einem Spektrum.Dann mischte sich auch noch die Tabakindustrie einDie Geschichte hat noch eine weitere Wendung: Interne Dokumente zeigen, dass der Tabakkonzern Philip Morris über Jahre Forschung zum Type-A-Verhalten förderte. Die Vorstellung, Herzkrankheiten könnten stark durch Stress und Persönlichkeit verursacht werden, war für die Branche ausgesprochen nützlich: Sie lenkte die Aufmerksamkeit auf einen möglichen Risikofaktor, der das Rauchen weniger schädlich aussehen ließ.Heute arbeitet die Psychologie nicht mit zwei SchubladenModerne Persönlichkeitsforschung teilt die Menschheit heute nicht einfach in A und B. Stattdessen arbeitet sie häufig mit Eigenschaftsmodellen wie den Big Five. Dabei wird Persönlichkeit anhand von fünf breiten Dimensionen beschrieben:Offenheit für Erfahrungen – wie neugierig und fantasievoll Menschen sindGewissenhaftigkeit – wie organisiert, zuverlässig und zielstrebig man handeltExtraversion – wie gesellig und aktiv Menschen sindVerträglichkeit – wie kooperativ und rücksichtsvoll man agiertNeurotizismus – die Neigung, negative Gefühle wie Sorgen oder Anspannung stärker zu erlebenEntscheidend ist: Diese Eigenschaften sind keine Entweder-oder-Kategorien. Man kann sehr gewissenhaft und organisiert sein, ohne dadurch stets angespannt zu sein. Man kann spontan leben und trotzdem zuverlässig sein. Und man kann im Beruf jede Aufgabe in einer Excel-Tabelle verwalten, während man privat regelmäßig den Wohnungsschlüssel verlegt. Auch die Big Five erklären nicht jeden einzelnen Menschen vollständig. Sie bilden Persönlichkeit aber wesentlich differenzierter ab als die Frage: Bist du der gestresste Macher oder der entspannte Chaot?Warum wir trotzdem so gern ein „Typ“ sindDie wissenschaftlich korrekte Antwort lautet also häufig: Es kommt darauf an, in welcher Situation, in welchem Lebensbereich und wie stark eine Eigenschaft ausgeprägt ist. Das ist nur leider kein besonders gutes Social-Media-Format.Einfache Typologien geben uns sofort eine Identität. Sie liefern eine Erklärung für unsere Eigenheiten und zugleich eine Gruppe, zu der wir gehören können. Plötzlich ist das Chaos auf dem Schreibtisch kein Problem mehr, sondern „Type B“-Energie. Und die detailliert geplante Morgenroutine ist nicht kontrollhaft, sondern eben sehr „Type A“. Natürlich ist es nicht gefährlich, über die Videos zu lachen oder sich in einer der beiden Beschreibungen wiederzuerkennen. Solche Begriffe können ein Gespräch darüber anstoßen, wie man mit Stress, Planung, Leistung oder Veränderungen umgeht. Sie sind aber keine psychologische Diagnose und sollten nicht zur Ausrede werden. Rechtfertigungen à la „Ich bin eben Type B“ entbinden niemanden davon, zu Verabredungen pünktlich zu kommen. Genauso wenig muss ein vermeintlicher „Type A“-Mensch chronische Überlastung als unveränderlichen Bestandteil seiner Persönlichkeit akzeptieren.
„Type A“ oder „Type B“? Dieser beliebte Persönlichkeitstest birgt einen großen Irrtum - WELT
Auf TikTok und Instagram kann die Welt erstaunlich einfach sein: Du bist entweder Type A – ehrgeizig, organisiert, gestresst – oder Type B, entspannt, spontan und ein bisschen chaotisch. Doch was ist da dran?







