PfadnavigationHomeGeschichteMotorräder im Zweiten WeltkriegWehrmachtsgespanne waren eine bekannte Geheimwaffe des „Blitzkriegs“Von Johann AlthausStand: 07:23 UhrLesedauer: 6 MinutenKradschützen und weitere motorisierte Verbände der Wehrmacht auf dem Vormarsch Ende Juni 1941Quelle: picture alliance/SZ Photo/ScherlDer Fund eines Wehrmachts-Motorrades in der Donau in Budapest lenkt den Blick auf eine oft vergessene Kategorie von militärischen Fahrzeugen. Zeitweise galten schwere Gespanne sogar als besonders fortschrittlich.Warum genau die zwei Männer auf dem Motorrad in die Situation gerieten, die sie ihr Leben kostete, wird wohl nie geklärt werden. Vielleicht wollten sie einem sowjetischen Tieffliegerangriff ausweichen, vielleicht dem Einschlag einer Granate oder eines Mörsergeschosses. Vielleicht aber hatten sie auch nur die Stabilität von Eis überschätzt. Oder ganz einfach Pech. Jedenfalls dürfte es Anfang 1945 gewesen sein, mutmaßlich in den ersten beiden Februarwochen, als die beiden im Wasser der Donau versanken, fast genau gegenüber des prächtigen ungarischen Parlaments; ihre sterblichen Überreste wurden unter dem Wrack geborgen, einschließlich ihrer Erkennungsmarken, davon offenbar mindestens einer der Waffen-SS. Zu dieser Zeit war der Strom durch Ungarns Hauptstadt zu größeren Teilen zugefroren. Vielleicht wollten die Soldaten über das Eis dem Druck der Roten Armee ausweichen, die von Westen und Südwesten in die seit Weihnachten 1944 eingekesselte Stadt vorstieß.Aber warum saßen die beiden auf einem Motorrad? Soweit bisher bekannt, handelt es sich bei dem Anfang August 2026 durch das andauernde Niedrigwasser freigelegten Wrack im Donauschlamm um eine DKW NZ 350-1. Einschließlich des direkten Vorgängermodells DKW NZ 350 hatten die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg rund 50.000 Stück dieses luftgekühlten Einzylinder-Zweitakters im Einsatz. Die Variante, von deren etwa 12.000 hergestellten Exemplaren jetzt eine in der Donau gefunden wurde, ging 1943 in die Produktion und wurde ab 1944 massenhaft ausgeliefert.Motorräder hatten in der Wehrmacht zwei Aufgaben: Einerseits dienten sie den „Krad-Meldern“, andererseits gehörten sie in den ersten vier Kriegsjahren als Motorisierung der Krad-Schützen zu den „schnellen Truppen“ und gehörten regelmäßig zum Stamm von Panzerdivisionen. Lesen Sie auchDie Kradmelder (die Abkürzung stand für „Kraftrad“) waren die Nachfolger berittener Kuriere früherer Kriege. Sie kamen immer dann zum Einsatz, wenn komplexe Befehle oder Berichte an die Front oder von der Front zurücktransportiert werden mussten, zum Beispiel Karten oder Zeitpläne, die zu umfangreich für das (von Hand verschlüsselte) Funken waren. In der regulären Organisation jeder größeren Wehrmachtseinheit ab Kompanieebene waren Kradmelder vorgesehen. Zusätzlich verfügte jeder Stab über mehrere Meldefahrer auf Motorrädern. Eine weitere regelmäßige Aufgabe dieser Soldaten war die Verkehrsregelung, vor allem also das Dirigieren von Nachschub und Ersatzverbänden zu den benötigten Stellen.Kradmelder konnten mit Zweisitzern wie dem DKW NZ 350 oder mit den deutlich schwereren, aber auch leistungsstärkeren Wehrmachtsgespannen der Typen BMW R 75 und Zündapp KS 750 (für bis zu drei Soldaten) unterwegs sein. Zumindest bis 1943/44 verfügten die meisten Kradmelde-Züge bei Stäben der Wehrmacht über beide Varianten parallel.Doch obwohl die Beiwagen bei diesen Gespannen angetrieben waren, erwiesen sie sich gerade an der Ostfront vielfach als nicht hinreichend mobil. Auch die normalen Motorräder waren von Straßenmodellen abgeleitet, also keine wirklich geländegängigen Maschinen. Kradmelder gibt es auch heute bei der Bundeswehr. Sie fahren allerdings Enduros der Marken BMW und Kawasaki. „Wenn im Gefecht digitale Kommunikations­kanäle nicht mehr zur Verfügung stehen oder genutzt werden können, weil Funk­unter­brechung, Funkstörung oder Funkverbot herrschen“, heißt es auf einer Bundeswehr-Website von 2024, „sind Kradmelder das letzte und einzige Verbindungselement zwischen Bataillons- und Kompanieebene.“Wesentlich andere Aufgaben als die Kradmelder hatten bei der Wehrmacht die Kradschützen. Es handelte sich um eine Innovation der frühen 1930er-Jahre, die sich in der ersten Kriegshälfte bewährte, deren Vorteil sich dann aber verflüchtigte.Der Reichswehr der Weimarer Republik waren Entwicklung und Einsatz von Panzern durch die Vorschriften des Versailler Vertrages verboten. Dennoch gab es geheime Versuche – und zugleich das Ziel der weitgehenden Motorisierung des Heeres. So begannen fronterfahrene Weltkriegsoffiziere in den späten 1920er-Jahren mit Versuchen, die im (zivilen) Motorradbau in Deutschland vorhandene Erfahrung – hier gab es relativ gesehen doppelt so viele motorisierte Zweiräder wie zeitgleich in Frankreich und 25-mal so viele wie in den USA – militärisch zu nutzen.So wurden die ersten Kradschützen-Einheiten konzipiert; sie sollten den künftigen vollmotorisierten Infanteriedivisionen als Vorausabteilungen dienen. Ihre Aufgaben waren schnell zupackende Aktionen, die Sicherung von Flanken und der hochmobile Lückenschluss zu benachbarten Einheiten. 1929 richtete man bei der Kraftfahrabteilung 6 in Münster die erste Kraftradschützenkompanie ein.Nach der Machtübernahme der NSDAP wurden die Vorschriften des Versailler Vertrages zuerst kaum mehr kaschiert, bald auch offiziell gebrochen. Die im März 1935 in Wehrmacht umbenannte Reichswehr stellte nun auch Panzerdivisionen auf. Ihnen wurden die bisher aufgestellten Kradschützenverbände als Voraus- und Aufklärungseinheiten zugeordnet. Am 15. Oktober 1935 entstanden die Kradschützen-Bataillone: Dazu wurden Soldaten des bisherigen Reiter-Regiments 16 aus Erfurt in drei Kradschützenbataillone umgegliedert; hinzu kamen Teile der paramilitärischen preußischen Landespolizei – übrigens auch die Wurzel der deutschen Fallschirmjäger als weitere militärische Innovation der 1930er-Jahre. Zugeteilt wurden diese drei Kradschützenbataillone (Sollstärke: 700 bis 750 Mann) den ersten drei Panzerdivisionen der Wehrmacht. Sie verfügten über leicht modifizierte, im Prinzip aber handelsübliche Motorräder der Marken BMW, Zündapp, DKW und Triumph, teilweise auch mit Seitenwagen. Für diese Modelle gab es große Fertigungskapazitäten; speziell entwickelte Modelle gab es vorerst nicht.Das Kradschützenbataillon 2 nahm Anfang Oktober 1938 am Einmarsch in das Sudetenland und Mitte März 1939 an der Besetzung der „Rest-Tschechei“ teil. Dabei entstanden Fotos, die um die Welt gingen. Zusammen mit den drei Panzerdivisionen fielen die ersten drei Kradschützenbataillone Anfang September 1939 in Polen ein, ebenso das fünf Monate zuvor aufgestellte Kradschützenbataillon 6 als Teil der 1. Leichten Division, die mit 226 verschiedenen Panzern, darunter 41 des damals schwersten Typs Panzer 4, eigentlich gar nicht so „leicht“ war. Die Kradschützenbataillone dienten als motorisierte Infanterie; gekämpft wurde nahezu ausschließlich abgesessen. Die Bataillone gliederten sich in einen Stab mit Nachrichtenzug (und zusätzlichen Kradmeldern), drei Kradschützenkompanien mit jeweils drei leichten und zwei schweren MGs sowie drei leichten Granatwerfern, eine MG-Kompanie mit 18 schweren MGs und sechs mittelschweren Granatwerfern sowie eine Kompanie mit Panzerabwehrzug, Infanterie-Geschützzug und Pionierzug.Lesen Sie auchIn den unerwartet schnell und erfolgreich verlaufenden Angriffen der Wehrmacht auf Polen, Frankreich und die Benelux-Staaten 1939/40, die zur „Blitzkrieg-Legende“ kondensierten, hatten sich die Kradschützen außerordentlich bewährt. Deshalb wurden im Winter 1940/41 weitere Bataillone für Panzerdivisionen und motorisierte Infanteriedivisionen aufgestellt, insgesamt einschließlich des Kradschützen-Lehrbataillons 41 Einheiten.Sie waren jetzt auch anstelle der bisherigen umgerüsteten zivilen Beiwagen-Motorräder mit speziellen Wehrmachtsgespannen der Fabrikate BMW R 75 und Zündapp KS 750 ausgestattet. Diese ab 1941 bis 1945 in etwas mehr als 30.000 Exemplaren gebauten dreirädrigen Fahrzeuge hatten einen zuschaltbaren Antrieb für das Rad am Beiwagen, zudem mit Differentialsperre zur Verbesserung der Geländegängigkeit. Das Getriebe hatte vier Straßengänge und einen Rückwärtsgang sowie einen oder mehrere Geländegänge. Die leer rund 400 Kilo schweren Wehrmachtsgespanne erwiesen sich als robust und zuverlässig. Sie konnten als Zugmaschinen für Anhänger bis etwa 350 Kilo Gewicht dienen, etwa für eine 3,7-Zentimeter-Pak 36 oder ein 7,5-Zentimeter-Leichtgeschütz 40. Schon in Nordafrika, aber noch mehr im Russlandfeldzug zeigte sich jedoch, dass diese Form der motorisierten Infanterie nicht mehr zeitgemäß war: Die Soldaten waren auf ihren Motorrädern vollkommen ungeschützt gegen feindliches Sperrfeuer und selbst gegen Splitter. Daher gingen die meisten Kradschützenverbände 1943 in Aufklärungs-Abteilungen auf; neue wesentliche Fahrzeuge waren die Schützenpanzerwagen. Die Kräder wurden nach und nach durch Radpanzer und Halbkettenfahrzeuge verschiedener Typen ersetzt, von denen insgesamt mehr als 30.000 Stück an die Wehrmacht gingen. Die Gespanne bleiben allerdings bei zahlreichen Verbänden als immer noch schnelle Transportmittel und für Melder-Aufgaben in Benutzung – als Ergänzung zu den rund 66.000 Kübelwagen und ähnlich vielen Militärwagen verschiedener Hersteller, die 1938 bis 1945 ausgeliefert wurden.