Razzien in der italienischen Modeindustrie: Am Rande von Mailand produzieren illegale Arbeiter aus China Taschen und KleiderDie Produzenten von Labels wie Tod's oder Armani sollen illegale Arbeiter zu unwürdigen Bedingungen beschäftigen. Ein Mailänder Staatsanwalt ermittelt seit zwei Jahren in den Lieferketten. Bislang mit wenig Erfolg.Ulrike Sauer, Rom11.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIn den Industriegebieten am Rande der Stadt spielen sich andere Szenen ab als im Stadtzentrum, wo sich Luxusboutique an Luxusboutique reiht.Duilio Piaggesi / ImagoIn Mailand prallen zwei Seiten der Wirtschaftswelt aufeinander. In den Schaufenstern rund um die Via Monte Napoleone stellen die Luxuslabels ihre Handtaschen und Seidenblusen für mehrere tausend Euro aus. PR-Teams arbeiten in den Konzernzentralen der Modelabels daran, Exklusivität und Handwerkskunst als Markenkern zu pflegen. «Wir leben davon, dass die Menschen uns eine absolute Qualität zusprechen», sagte der Tod’s-Gründer Diego Della Valle Anfang des Jahres.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In den Industriegebieten am Rande der Stadt spielen sich andere Szenen ab. Im Frühjahr stiessen die Carabinieri in einer Fabrik der Firma Moda Fashion Style in Mailands Vorort Pero auf chinesische Arbeiter ohne Aufenthaltsgenehmigung, die dort unter entwürdigenden Bedingungen arbeiteten und lebten. Die Werkstatt stellte unter anderem Kleiderschutzhüllen, Einkaufs- oder Handtaschen für renommierte Modehäuser her.Lange Arbeitszeiten und mangelnde SicherheitSeit zweieinhalb Jahren untersucht der Mailänder Staatsanwalt Paolo Storari die Lieferketten von Luxuslabels. Er deckte ein Geflecht von Subunternehmen auf, die für klangvolle Luxusmarken fertigten. Die Bedingungen, unter denen die «Unsichtbaren» in den chinesischen Sweatshops beschäftigt werden, gleichen sich: Hungerlöhne, überlange Arbeitszeiten, mangelnde Sicherheitsstandards, improvisierte Schlafstellen. Die fertigen Kleidungsstücke und Accessoires landen in den teuersten Boutiquen der Welt.Im Nachgang des Einsatzes in Pero schickte die Staatsanwaltschaft Mitte Juli die Finanzpolizei zu Razzien in die Mailänder Hauptquartiere von elf Luxusmarken. Die Durchsuchungen bei Marken wie Chanel, Bulgari oder Moncler markierten einen neuen Höhepunkt der Ermittlungen. Im Unterschied zu vorherigen Fällen sind die betroffenen Marken derzeit nicht Gegenstand der Ermittlungen.Es müsse nun geklärt werden, inwieweit die Unternehmen am Einsatz illegaler Arbeitskräfte beteiligt seien, teilten die Ermittler mit.Der Verdacht der Mailänder Staatsanwaltschaft wiegt schwer: Ausbeutung illegal eingereister Migranten am Ende einer kriminellen Kaskade von Subunternehmern. Das Muster ist eingespielt: Das Modehaus vergibt den Produktionsauftrag an eine italienische Firma, die ihrerseits die Fertigung an von Chinesen geführte Fabriken weitergibt.Staatsanwalt Storari hat Anfang 2024 mit seinen Ermittlungen die Büchse der Pandora geöffnet, indem er gegen die Marke Alviero Martini vorging. Erstmals stellte die Staatsanwaltschaft damals ein Modeunternehmen unter gerichtliche Verwaltung, und Alviero Martini wurde zum Präzedenzfall. Danach folgten ähnliche Verfahren bei Armani, Dior, Valentino, Loro Piana und Tod’s. Überall stiessen die Ermittler auf chinesische Subunternehmer und illegale Arbeitskräfte.Massnahme aus dem Kampf gegen die MafiaDas Vorgehen der Mailänder Staatsanwaltschaft stellte einen Wendepunkt im Kampf gegen die Ausbeutung in der Modeindustrie dar. Denn die Ermittler nahmen neben den Betreibern der Sweatshops auch die Luxusunternehmen selbst in die Pflicht. Das hatte weitreichende Folgen: Für die Branche geht es jetzt nicht mehr um das Fehlverhalten einzelner Zulieferer. Es geht um die Frage, ob ihr Geschäftsmodell auf vorsätzliche Blindheit gebaut ist.Die Staatsanwaltschaft griff zu einer juristischen Waffe, die ursprünglich für den Kampf gegen Mafia-Infiltrationen in der Wirtschaft geschmiedet wurde. Das Instrument der «amministrazione giudiziaria» ist eine Sonderform der gerichtlichen Zwangsverwaltung. Sie dient dazu, von den Clans unterwanderte Unternehmen zu säubern, ohne sie zu zerschlagen. Storari setzt sie nun als Hebel gegen Luxuskonzerne ein, die vor der Illegalität ihrer Zulieferer die Augen verschliessen.Das betroffene Modehaus wird meist nicht strafrechtlich belangt. Stattdessen wirft die Justiz den Managern eine «fahrlässige Begünstigung» der illegalen Ausbeutung vor. Für einen Zeitraum von meist einem Jahr stellt das Gericht ihnen einen staatlichen Verwalter zur Seite, der im Dickicht der Subunternehmen ausmistet. Der Verwalter greift tief in das Unternehmen ein: Er durchleuchtet Verträge, kontrolliert Einkaufspreise, erzwingt die Zahlung fairer Löhne und erwirkt eine Reorganisation der Lieferkette. Die Justiz zwingt die Marken zu Investitionen in die Compliance und zu echten Kontrollen – ohne den Schutzschild folgenloser Hochglanz-Audits.Der Ansatz funktioniert offenbar. Oft werden die Unternehmen vorzeitig aus der gerichtlichen Verwaltung entlassen, weil sie die geforderten Reformen zügig umsetzen. Zum Beispiel lobte das Gericht Giorgio Armani Operations für die enge Zusammenarbeit mit dem bestellten Verwalter. Das Unternehmen habe die Zwangsmassnahme als «Chance der Erneuerung» genutzt. Der Produktionsgesellschaft Manufactures Dior attestierte das Gericht folgende Fortschritte: Die Firma habe die Kontrolle der Lieferanten verschärft, den internen Mechanismus zur Aufsicht gestärkt und 17 neue Stellen geschaffen, die sich ausschliesslich mit der Überwachung der Lieferkette befassten.«Die Ermittlungen haben einige der grössten Modekonzerne dazu veranlasst, ihre Kontrollen zu überarbeiten, neue Technologien einzuführen und wichtige Lieferanten vertikal zu integrieren», schreibt der Branchendienst «Business of Fashion». Damit kommt Storari seinem Ziel näher: Er will das Geschäftsmodell der Luxusindustrie verändern und ihre Kultur des Wegschauens brechen.Seine Methoden sind allerdings umstritten. Der Staatsanwalt räumt ein, mit seinen Ermittlungen eine Lücke zu füllen, die staatliche Kontrollen hinterlassen haben. Kritiker werfen ihm eine Grenzüberschreitung der Justiz vor.Tod’s weist Kritik von sichDie Unternehmen äussern sich zu Storaris Untersuchungen kaum. Anders der Tod’s-Chef Diego Della Valle. In der RAI-3-Magazinsendung «Report» sagte er, die Zustände in den Werkstätten der Zulieferer gingen Tod’s nichts an. Sein Unternehmen halte sich an die Gesetze, doch man sei schlicht nicht in der Lage, die gesamte Lieferkette lückenlos zu überwachen. «Das letzte Glied ist tausend Meilen von uns entfernt», so Della Valle, der stattdessen die Regierung in die Pflicht nahm: «Der Gesetzgeber muss uns die Last abnehmen, zu überprüfen, was sich hinter der ersten Ebene verbirgt.»Im Herbst 2025 hatte die Staatsanwaltschaft in Mailand beantragt, das Unternehmen wegen mangelhafter Kontrolle unter gerichtliche Verwaltung zu stellen. Die Polizei hatte bei chinesischen Zulieferern menschenunwürdige Bedingungen festgestellt. Der Antrag wurde jedoch an die Justiz in Ascona weitergeleitet, wo das Unternehmen seinen Hauptsitz hat. Doch Staatsanwalt Storari gibt nicht auf: Unterdessen hat er Ermittlungen gegen drei Tod’s-Manager wegen Arbeitsausbeutung eingeleitet. Der Vorwurf: Das Management sei durch externe Audits über die Missstände informiert gewesen, habe aber weggeschaut.Mit seiner Forderung fand Della Valle Gehör bei Adolfo Urso, dem Minister für Unternehmen und das Siegel «Made in Italy». Der Senat verabschiedete einen Gesetzentwurf, der Modekonzerne weitgehend von der Haftung für ihre Lieferketten entbunden hätte. Nach scharfer Kritik der Gewerkschaften wurde dieser Schutzschirm dann bei der finalen Parlamentsabstimmung jedoch wieder gestrichen.Nach dieser Schlappe bemüht sich Urso, ein Parteifreund von Giorgia Meloni, den Reputationsschaden für das nationale Qualitätssiegel zu begrenzen: «‹Made in Italy› steht in 99 Prozent der Fälle für Spitzenqualität», versichert er und betont, dass die Regierung die von chinesischen Firmen importierte Ausbeutung bekämpfe.Passend zum Artikel
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