Illustration Ida Götz, Reuters / NZZApple erhöht wegen knapper Speicherchips massiv die Preise – das ist ein Warnsignal für die ganze Elektronikbranche. Manche sehen einen Ausweg in China. Die NZZ hat die Daten hinter der Lieferkettenkrise analysiert.11.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenVor ein paar Wochen kostete ein iPad Air von Apple im Schweizer Onlineshop Galaxus noch 539 Franken. Heute? Über 830 Franken. Für einen iMac bezahlte man Ende Juni 1100 Franken, jetzt sind es 1316. Und für ein MacBook Pro muss man mittlerweile statt 1800 Franken über 2000 Franken hinblättern.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Leute sparten monatelang auf einen Laptop, sagt der Digitalexperte Jean-Claude Frick vom Vergleichsdienst Comparis. Kunden bekämen keine neuen Features, kein neues Gerät, trotzdem sei alles teurer – «aus Konsumentensicht ist das der Worst Case».Zu tun haben die explodierten Preise mit dem KI-Boom. Denn dieser sorgt dafür, dass Speicherchips, wie sie in allen elektronischen Geräten verbaut sind, teurer werden.Eine NZZ-Analyse der Preise auf Galaxus zeigt: Apple hat als erster Geräte-Entwickler auf die Speicherknappheit reagiert und die Preise angepasst. Ausnahme ist das iPhone, das wahrscheinlich erst im Herbst teurer wird, wenn die neue Version eingeführt wird.Die Preise explodieren wegen der Knappheit bei SpeicherchipsWeil KI-Firmen Rechenzentren ausbauen, um ihre KI-Modelle wie Chat-GPT oder Claude zu trainieren und zu betreiben, brauchen sie immer mehr Prozessoren. Besonders gefragt sind die auf KI spezialisierten Grafikprozessoren, also die Hochleistungschips, die die Firma Nvidia entwickelt. Was man im KI-Hype zuweilen vergisst, aber genauso wichtig ist, sind Speicherchips.Diese sind ein unerlässlicher Bestandteil der KI-Infrastruktur. Es braucht sie in jedem Rechenzentrum, etwa um komplexe Berechnungen aktiv auszuführen.Die Nachfrage nach den Speicherchips steigt dadurch, gleichzeitig kann das Angebot nicht von heute auf morgen vergrössert werden – und der Preis schiesst in die Höhe.Für die KI-Anwendungen werden Arbeitsspeicher, abgekürzt DRAM, aufeinandergestapelt und zu ultraschnellen Speicherchips kombiniert, auch High Bandwidth Memory (HBM) genannt. DRAM sind kurzfristige Speicher, die man etwa dafür benötigt, Apps oder eben Berechnungen in KI-Modellen auszuführen. Daneben gibt es langfristige Speicher, abgekürzt NAND, die Fotos und Dokumente auf Geräten speichern, auch wenn diese ausgeschaltet sind.Rechenzentren werden 2026 mehr als 70 Prozent aller produzierten High-End-Speicherchips verbrauchen und würden noch mehr abnehmen, wenn sie könnten. Das schreibt das «Wall Street Journal» unter Berufung auf das Marktforschungsunternehmen Trendforce. Hersteller von Smartphones, Laptops, Autos, Fernsehern müssen sich folglich mit dem Rest an Speicherchips begnügen.Frick vom Vergleichsdienst Comparis sieht darin ein Problem für alle, die Geräte für Endkonsumenten herstellen. Es werde alles teurer, und im Moment sei kein Ende in Sicht bei dieser Spirale. «Wir sehen derzeit eine globale Preiserhöhung im Tech-Bereich. Das gab es in dieser Form noch nie.»«Ich war erstaunt, dass etwas so Simples, Günstiges, das vermeintlich im Überfluss hergestellt werden kann, plötzlich so knapp werden konnte», sagt Carlos Cordon, Professor für Strategie und Lieferketten-Management am International Institute for Management Development (IMD). Die Infrastruktur, um Speicherchips zu bauen, sei nicht so einfach hochzufahren. Es dauere bis zu zwei Jahre und koste Hunderte von Millionen Dollar, eine Fabrik zu bauen.Manche Herstellerfirmen täten das zwar, sagt Cordon, aber viele seien skeptisch. «Der Anstieg der Nachfrage nach Chips, den wir derzeit sehen, ist definitiv zu hoch.»Er geht davon aus, dass die KI-Firmen überbewertet seien. Eine oder zwei von ihnen könnten sich langfristig durchsetzen, die anderen würden scheitern. Die Chiphersteller fragten sich derzeit: «Soll ich meine Kapazität erhöhen und mehr Chips herstellen? Oder soll ich abwarten und schauen, ob die KI-Blase platzt?»Apple als First Mover, andere Hardwarefirmen folgenTim Cook, der CEO von Apple, räumte im Juni ein, die Preiserhöhungen seien den teureren Speicherchips geschuldet. Man habe versucht, die Kunden vor den Erhöhungen zu schützen, aber die Situation sei mittlerweile untragbar geworden. Bei der Bekanntgabe der Quartalszahlen Ende Juli sprach Cook von einer «Jahrhundertflut» mit exponentiellen Preisanstiegen bei Speicherkomponenten.Die Preiserhöhung für Apple-Produkte gilt global. Die Onlinehändler haben sie jedoch noch nicht voll weitergegeben, da sie teilweise noch auf frühere Lagerbestände zugreifen können. In den nächsten Monaten dürfte der Preisanstieg gemäss Galaxus aber voll durchschlagen.Apple ist der erste Geräte-Entwickler, bei dem die Preiserhöhung sichtbar ist. Doch Branchenexperten gehen davon aus, dass nun viele der anderen Hersteller folgen werden. Anzeichen dafür sind auch in den Preisdaten von Galaxus sichtbar: Die Preise von Google-Smartphones und PC von Dell steigen in der Tendenz.Cordon vom IMD sagt, die anderen Firmen müssten Apple zwangsläufig nacheifern. Zwar würden sie möglichst lange damit warten, um zu verhindern, dass Kunden zur günstigeren Konkurrenz abwanderten. Aber irgendwann könnten sie es sich nicht mehr leisten, Gewinne einzubüssen. Cordon rechnet mit Preiserhöhungen der anderen Geräte-Entwickler «in den kommenden Monaten».Apple ist im Gerätemarkt speziell positioniert und konnte es sich als Premiumhersteller wohl als Erster leisten, die gestiegenen Preise weiterzugeben. Die Geräte der Firma sind Kultprodukte und waren bereits vor der Preiserhöhung in der Tendenz teurer als die der Konkurrenz. Kundinnen und Kunden sind bereit, für die Produkte von Apple mehr zu bezahlen.Zudem hält Apple seine Kundschaft über lange Zeit durch den sogenannten «Lock-in»-Effekt: Alle Produkte und die Software dazu greifen ineinander und funktionieren reibungslos. Schiesst man ein Foto auf dem iPhone und sichert es in iCloud, ploppt es auch auf dem iMac zu Hause auf. Die Hürde, aus diesem System zu wechseln, ist für viele hoch.Chinesische Chiphersteller auf schwarzer Liste der USAMicrosoft schreibt auf Anfrage, man sei mit einer angespannten Versorgungslage bei Speicherchips konfrontiert. HP schreibt, die gegenwärtige Situation sei «mehr als ein kurzfristiger Engpass». Man erlebe eine strukturelle Verschiebung im Halbleitermarkt. Es gelte, Technologieinvestitionen strategischer zu planen. Zu ihren Zulieferern wollte sich keiner der angefragten Geräte-Entwickler konkret äussern.Um Lieferkettenrisiken zu minimieren, versuchen Firmen wie Apple nun, sich geografisch breit aufzustellen. Schaut man sich die Verbreitung der Zulieferfirmen an, fällt auf, dass sie auf Südkorea, Japan, die USA und immer stärker auch China konzentriert sind.Die Produktion der DRAM-Arbeitsspeicher beschränkt sich derzeit im Wesentlichen auf drei Firmen: 90 Prozent des Markts entfallen auf Samsung, SK Hynix und Micron. Den Restteil dominiert mittlerweile die chinesische Firma CXMT. Die langfristigeren NAND-Speicher stellen zusätzlich zu den drei Branchenriesen Samsung, SK Hynix und Micron auch die amerikanische Firma SanDisk sowie das japanische Unternehmen Kioxia her sowie der Hersteller YMTC aus China.Peking will mit Firmen wie CXMT und YMTC eine eigenständige KI- und Halbleiterindustrie aufbauen und von ausländischen Zulieferern unabhängig werden. Ende Juli legte CXMT einen Mega-Börsengang hin. Im vergangenen Jahr steigerte die Firma ihren Umsatz um 150 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, für das erste Halbjahr 2026 rechnet sie mit einem Umsatz von bis zu 14 Milliarden Franken.Die chinesische Regierung unterstützt CXMT und YMTC finanziell. Beide Unternehmen stehen auf einer Beobachtungsliste der US-Regierung wegen Verbindungen zum chinesischen Militär. YMTC steht zusätzlich auf der US-Entity-Liste, was bedeutet, dass die Firma nur eingeschränkt Zugang zu amerikanischen Lieferanten und deren Produkten, Software und Technologie hat.Begrenzte Auswahlmöglichkeiten bei ZulieferernDie geopolitische Situation beeinflusst die Lieferketten. So verbauen amerikanische Firmen wie Apple und Dell hauptsächlich Chips von den südkoreanischen (Samsung, SK Hynix), japanischen (Kioxia) und amerikanischen Herstellern (Micron).Der chinesische Geräte-Entwickler Lenovo, dessen Geschäftslaptops auch in den USA und Europa beliebt sind, hat gemäss Berichten von Fachmedien bereits chinesische Speicherchips der Firmen YMTC und CXMT in ersten Geräten verbaut, die in Europa vertrieben werden.Auf Anfrage schreibt Lenovo, man sei unter anderem dank der «Multi-Sourcing-Strategie» sehr gut positioniert, um auf aktuelle Marktentwicklungen flexibel zu reagieren.Verschiedene amerikanische Medien berichten, dass Apple bereits mit den chinesischen Chipherstellern CXMT und YMTC im Gespräch ist und darüber auch mit der US-Regierung verhandelt. Tim Cook sagte im Juli, es wäre gut, man hätte mehr Speicherchiplieferanten. Apple ziehe alle Optionen in Betracht.Der Professor für Lieferketten-Management Carlos Cordon zeigt Verständnis für diese Strategie. Apple brauche mehr Zulieferer, um auf die benötigte Zahl von Speicherchips und anderen Komponenten zu kommen. Chinesische Zulieferer seien zudem relativ verlässlich. Habe man mit ihnen einen Vertrag, werde dieser eingehalten. Gerade aus Sicht europäischer Firmen sei ein Geschäft mit Unternehmen aus China mittlerweile vorhersagbarer als mit jenen aus den USA, bei denen man nie wisse, ob in Zukunft vielleicht der Export eingeschränkt werde.Es könnte sein, dass Apple iPads und iPhones mit chinesischen Komponenten dann einfach nicht in den USA, aber dafür in Europa, Afrika und Asien verkaufe, sagt Cordon. Doch in den USA sieht man das enger. Ende Juli hat eine Gruppe demokratischer und republikanischer Senatoren einen Brief an Tim Cook geschickt, in dem sie forderten, dass Apple alle Bemühungen aufgibt, Speicher von CXMT, YMTC oder anderen staatlich unterstützten chinesischen Anbietern in seinen Produkten zu verbauen.Die Senatoren mahnten, dass Apple bei entscheidenden Komponenten von einem Gegner der USA abhängig werden könnte. Dass Produkte mit CXMT-Speicher nur in China verkauft würden, könne sich schnell ändern.Die simplen kleinen und einst günstigen Speicherchips, die in jedem Gerät zu finden sind, sind plötzlich in den Mittelpunkt gerückt: vom versteckten Innenleben eines Handys auf die geopolitische Weltbühne. Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen beim nächsten Gerätekauf tiefer ins Portemonnaie greifen.Passend zum Artikel
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