Der Iran-Krieg betrifft die Formel 1 weit mehr als andere Sportarten – die Abhängigkeit von den Golfstaaten wird zum strukturellen ProblemDer andauernde Krieg stellt den Rennzirkus vor Schwierigkeiten, die Durchführung des Saisonfinals im Nahen Osten ist gefährdet. Plötzlich sind Rennstrecken in Europa wieder gefragt.Elmar Brümmer11.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFormel 1 Grand-Prix von Katar im Jahr 2025Florent Gooden / ImagoEin Saisonfinal der Formel 1, und das bei Schneefall? Diese Vorstellung wirkt nicht nur angesichts der derzeitigen Temperaturen absurd. Doch in der Königsklasse, die sich gerade in der Sommerpause befindet, wird ein solches Szenario ernsthaft diskutiert. Denn der Iran-Krieg, dessen Ende nicht absehbar ist, tangiert die Rennserie weit stärker als andere Sportarten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fast ein Drittel der weltweiten Gesamteinnahmen der Formel 1 kommt aus dem Nahen Osten. Länder wie Bahrain, Abu Dhabi, Katar und Saudiarabien entrichten für die Ausrichtung ihrer Grossen Preise jeweils zwischen 40 und 55 Millionen Dollar. Zu den finanzstärksten Sponsoren des Formel-1-Zirkus zählen zudem drei arabische Staatskonzerne. Und auch die Rennställe von McLaren, Audi und Aston Martin sind von ihren Teilhabern aus der Region abhängig. Was jahrelang für alle Seiten ein lohnendes Geschäft war, weil es mit hoher Popularität und steigenden Gewinnmargen verbunden war, erschüttert nun die Weltmeisterschaft bis ins Mark.Nachdem im Frühjahr bereits die beiden Grand Prix in Bahrain und Saudiarabien haben abgesagt werden müssen, droht den beiden letzten Rennen in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die auf Ende November und Anfang Dezember terminiert sind, ein ähnliches Schicksal. Aufgrund der komplexen Logistik in der Formel 1 muss eine Entscheidung über die Austragungsorte allerspätestens acht Wochen vorher fallen. Und schon das wird knapp, um 2000 Menschen und gut 1500 Tonnen Material rechtzeitig an den richtigen Ort zu dirigieren. Im September muss daher eine definitive Entscheidung fallen, was angesichts der instabilen politischen Lage nicht einfach wird.Der GP von Bahrain wurde im Frühling wegen des Iran-Kriegs abgesagt – nun findet er im Herbst 6000 Kilometer entfernt statt, in Malaysia.Ahmad AlShehab / ImagoNot macht erfinderischDass die Sicherheit vorgeht, ist dabei unstrittig. Die Saison bereits Mitte November in Las Vegas enden zu lassen, ist aber für die geschäftstüchtigen Manager der Besitzergesellschaft Liberty Media keine Option. Noch einmal auf zwei Rennen zu verzichten, würde den Rekordkurs gefährden, auf dem sich die Formel 1 befindet. Im letzten Jahr hat sie einen Umsatz von 3,9 Milliarden Dollar erzielt. Sollten zu viele Rennen ausfallen, würde das Unternehmen regresspflichtig werden gegenüber den TV-Anstalten, die einen erklecklichen Teil der Einnahmen beisteuern.Zumindest diese Gefahr scheint nach einem Telefonat der Königshäuser von Bahrain und Malaysia gebannt. Als Ersatz für das im April gestrichene Rennen auf der arabischen Wüsteninsel findet nun am 4. Oktober ein Grosser Preis von Bahrain in Malaysia statt – und damit 6000 Kilometer Luftlinie entfernt. Dazu wird die Rennstrecke in Sepang reaktiviert, auf der die Formel 1 letztmals 2017 gastierte.Für die Fahrer ist die Hängepartie eine mentale Herausforderung.Vincent Thian / APNot macht erfinderisch, das zeigte die Formel 1 schon während der Corona-Jahre. In jener Zeit darbten viele andere Profisportarten, doch die Formel 1 reagierte schnell und gezielt. Und legte so den Grundstein für den derzeitigen Boom, weil es gelang, innerhalb eines halben Jahres 17 Rennen auszutragen. Behelfskonstruktionen wie ein Grosser Preis der Toskana oder ein Grosser Preis der Eifel rückten damals in den Kalender.Diese Kreativität ist über die kurzfristige Rückkehr nach Malaysia hinaus jetzt wieder gefragt. Die grosse Abhängigkeit von den Golfstaaten erscheint nicht mehr nur als ein gegenwärtiges, sondern als ein strukturelles Problem. Plötzlich wird der europäische Kontinent – die angestammte Heimat der Formel 1 – wieder attraktiver, obwohl das Rennen in Zandvoort letztmalig im Programm ist und sich künftig die Veranstalter in Montmeló und Spa-Francorchamps abwechseln. Überall dort mangelt es nicht an Attraktivität und Zuschauerinteresse, sondern schlichtweg an Geld für die hohen Gebühren und die teure Infrastruktur.Eine Chance für HockenheimDas Formel-1-Management sitzt zwischen Stuhl und Bank. Es muss die Gewinnansprüche von Investoren und Rennställen erfüllen, soll aber auch die Interessen von Publikum und Veranstaltern befriedigen und eine stabile Plattform bieten. Der Formel-1-Chef Stefano Domenicali ist ein harter Manager, aber auch ausgestattet mit feinen Antennen für die Befindlichkeiten des Motorsports. Der Italiener spürt die Unsicherheit, die derzeit im Fahrerlager herrscht. Nicht zu wissen, wo und wie eine Saison enden soll, das ist in einer derart durchgetakteten technischen Disziplin auch ein mentales Problem.«Sollten die beiden letzten Rennen nicht wie geplant ausgetragen werden können, werden wir die Saison in Europa beenden», hat der 61-Jährige kürzlich am Hungaroring erklärt. Allerdings bleibt in der Schwebe, wo zumindest ein Rennen gefahren werden kann, wenn nicht gar zwei. Als Favorit sieht Domenicali seine Heimatstadt Imola. Die tiefen Temperaturen in der Emilia-Romagna im Dezember schrecken ihn nicht ab, auch in der Wüste von Las Vegas ist es nicht viel wärmer. Wohl aber die Sorge über Schneefall.Ähnliches gilt für den Nürburgring oder Hockenheim. Blieben nur Rennstrecken im Süden wie Le Castellet, das vor vier Jahren aus dem Kalender gefallen ist, oder Jerez, wo zuletzt 1997 gefahren wurde. Die Pisten in Istanbul und im portugiesischen Portimão, die 2027 regulär in den Kalender aufgenommen werden, sind noch nicht bereit. Natürlich soll es kein Rennen ohne Zuschauer und ohne Gewinnerwartung geben.Die Diskussionen über einen Notfallplan öffnen für die europäischen Veranstalter, die ob der staatlich subventionierten Rennen in Asien lange aussen vor waren, zumindest wieder ein Verhandlungsfenster. Nach wie vor wird nur bei 9 von 24 Gelegenheiten auf europäischem Boden gefahren. Doch die Verlässlichkeit erscheint plötzlich als gewichtiges Argument.Verantwortliche des Hockenheimrings, der ob der politischen und finanziellen Lage in Deutschland seit langem kein Formel-1-Kandidat mehr war, haben bereits Gespräche mit Domenicali geführt. Dieser hat dabei klargemacht, dass es keinen Sympathiebonus geben wird. Aber allein die Möglichkeit erscheint bereits als Fortschritt, gleichwohl im Hintergrund immer wieder Südkorea oder Thailand als potenzielle Gastgeber gelten. Mittelfristig sieht Domenicali eine echte Chance für die Formel 1 im Autoland Deutschland.Denn die Rennserie braucht ob der geopolitischen Gegebenheiten echte Alternativen, und sie wird dafür auf Sicht ein Stück von ihrer Maxime der Profitmaximierung abweichen müssen. Denn schon im kommenden März stellt sich das nächste Problem. Dann sollten eigentlich die Rennen in Bahrain und Saudiarabien die neue Saison eröffnen, doch es ist fraglich, ob es so weit kommen wird.Aufgrund der Ungewissheit gibt es deshalb bislang noch keinen bestätigten WM-Kalender für das nächste Jahr. Domenicali sagt, dass er Optionen besitze und einen Plan B habe. Sein Ziel: «Wir wollen eine normale Weltmeisterschaft austragen und in 24 Ländern fahren.» Noch sind die Zweifel daran gross. Jahrelang suchte die Formel 1 ihre Zukunft dort, wo am meisten bezahlt wurde. Nun erinnert sie die Krise daran, welchen Wert Tradition besitzt.Passend zum Artikel