MeinungVor 55 Jahren schockte US-Präsident Richard Nixon die Welt, indem er die Gold-Konvertibilität des Dollars aufhob. Die US-Währung hat seither einen eindrücklichen Siegeszug erlebt. Doch die Vorherrschaft bröckelt, der Trend geht in Richtung Entdollarisierung.Marc Chandler11.08.2026, 04.05 UhrDiese Woche vor 55 Jahren, am 15. August 1971, erschütterte die US-Regierung von Präsident Richard Nixon die globalen Finanzmärkte mit der Aufhebung der Gold-Konvertibilität des Dollars. Gemäss dem Weissen Haus sollte die Massnahme bloss temporär sein, doch sie erwies sich bald als dauerhaft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Keiner der damaligen Entscheidungsträger im Weissen Haus hätte damals wohl darauf gewettet, dass der sogenannte Nixon-Schock eine mehr als ein halbes Jahrhundert währende Vorherrschaft des Dollars einläuten würde. Heute lassen sich die Risse im globalen Währungssystem jedoch immer schwerer kaschieren.Beginnen wir deshalb am Anfang. Die Entstehungsgeschichte der Dollar-Dominanz erklärt alles, was danach folgte.Der Fehler von Bretton WoodsAusgangspunkt war das Bretton-Woods-Abkommen, das gegen Ende des zweiten Weltkriegs im Juli 1944 abgeschlossen wurde. Die amerikanische Seite wurde von Dexter White repräsentiert, einem ranghohen Mitarbeiter des US-Finanzministeriums. Ihm gegenüber stand der Ökonom John Maynard Keynes, der offiziell Grossbritannien vertrat, de facto aber im Namen aller Schuldnerländer verhandelte.Im Rahmen des Abkommens wurde ein Goldpreis von 35 $ pro Unze festgelegt, und alle anderen Währungen wurden an den Dollar gebunden. Dieses Prinzip war einfach, elegant – und zum Scheitern verurteilt. Der Konstruktionsfehler lag darin, dass es die damaligen Machtverhältnisse institutionalisierte und darauf basierte, dass die Bedingungen der Nachkriegszeit von Dauer sein würden. Obwohl Bretton Woods Anpassungen zuliess, verhärtete sich die Dollar-Bindung aufgrund politischer Erwägungen.Das System funktionierte solange, bis es an der wirtschaftlichen Realität scheiterte. Ab Ende der Sechzigerjahre wiesen die USA ein anhaltendes Zahlungsbilanzdefizit aus. Ausländische Zentralbanken sassen auf mehr Forderungsansprüchen in Dollar, als die Goldreserven im Speicher von Fort Knox decken konnten. Besonders Europa forderte mehr Gold, als Nixon bereit war, herauszugeben.Auf Nixons einseitige Aufkündigung des Bretton-Woods-Abkommens – manche bezeichnen sie als Zahlungsausfall – folgten zwei Jahre der Improvisation im Rahmen des Smithsonian-Abkommens: die «Schlange im Tunnel». Die europäischen Währungen (die Schlange) bewegten sich in einer engen Bandbreite zueinander, während dieses Bündel gemeinsam gegenüber dem Dollar (der Tunnel) innerhalb eines begrenzten Korridors schwanken durfte.Diese halbherzigen Massnahmen waren auf gewisse Weise ein Versuch, feste Wechselkurse wiederherzustellen. Doch das gesamte Konstrukt brach 1973 zusammen, worauf die Währungen frei schwanken konnten. Das interessante an dieser Episode ist, was danach nicht geschah: Der Dollar wurde nicht von seinem Thron gestürzt.König Dollar verteidigt die VorherrschaftKeine andere Währung war ausreichend liquid oder politisch robust genug, um den Platz des Dollars einzunehmen. Die deutsche Mark und der Yen waren regionale Währungen, die eine globale Rolle spielten, für die sie nicht geschaffen waren. Das Pfund war nur noch eine Erinnerung an das britische Empire. Mangels echter Konkurrenz verstärkten sich die Vorteile des Dollars von selbst, und sie tun dies auch heute noch. Das ist keine zufällige Wendung der Geschichte, denn seine Stärken bildeten einen strukturellen Schutzwall.Die USA nutzten die Dominanz des Dollars allerdings schon früh, um ihn als Waffe zu instrumentalisieren; zunächst gegen ihren engsten Verbündeten, Grossbritannien. Dies führte zur Etablierung des Offshore-Dollars, auch Eurodollar-Markt genannt. US-Banken verbuchten Einlagen in London, um Zinsobergrenzen im Heimmarkt zu umgehen, während ausländische Inhaber (darunter auch die Sowjets) Dollar parkierten, um sie vor dem Zugriff Washingtons zu schützen.Die USA hatten bereits während der Suezkrise von 1956 demonstriert, dass sie den Dollar als Druckmittel einsetzen können. Die US-Regierung drohte damit, die von London erbetene Unterstützung durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu verweigern und möglicherweise sogar Pfund-Bestände aus ihren Reserven zu verkaufen, falls sich Grossbritannien nicht aus Ägypten zurückziehen würde.Das Eurodollar-System bildet bis heute die Grundlage für die Finanzierung des globalen Handels. Die amerikanische Notenbank (Fed) hat diesen Markt, den sie nicht reguliert, bisher stets gestützt. Sie unterhält Swap-Linien zur Bereitstellung von Liquidität mit mehreren grossen Zentralbanken und hat diese in vergangenen Krisen auch weiteren Ländern auf Ad-hoc-Basis zur Verfügung gestellt.Beim Ausbruch der Covid-Pandemie im Frühjahr 2020 lancierte das Fed die Repo-Fazilität FIMA (Foreign and International Monetary Authorities). Diese Massnahme gestattet es ausländischen Zentralbanken und internationalen Währungsbehörden, ihre Bestände an US-Staatsanleihen vorübergehend gegen Dollar zu tauschen. Hinzu kamen ein QE-Stimulusprogramm und eine generelle Lockerung der Dollar-Liquidität, womit das Fed den Offshore-Dollar-Markt auch während der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09 stützte.Instrumentalisierung als politische WaffeDie Terroranschläge vom 11. September 2011 veränderten die Rahmenbedingungen an den Devisenmärkten grundlegend. Das Office of Foreign Assets Control des US-Finanzministeriums nutzte die dominante Rolle des Dollars regelrecht als politische Waffe, indem Geldgeber von Terroristen vom SWIFT-System und vom Korrespondenz-Bankwesen abgeschnitten wurden.Diese Massnahmen wurden ursprünglich zur Terrorismusbekämpfung angewendet. Doch dabei blieb es nicht. Iran, Venezuela, Nordkorea und Russland haben das globale Dollar-System in den vergangenen Jahren nicht freiwillig verlassen. Sie wurden ausgeschlossen. Sekundäre Sanktionen stellten sicher, dass andere Länder sich der Direktive Washingtons anschlossen.Eine Eskalation um mehrere Grössenordnungen folgte im Februar 2022 mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, als rund 300 Mrd. an Dollarreserven der russischen Zentralbank eingefroren wurden. Die Botschaft kam überall an, nicht nur in Moskau: Dollar-Reserven – und auch Euro-Reserven – sind nicht immer sicher. Sie unterliegen dem Gutdünken Washingtons und seiner Verbündeten.Diese Botschaft hat sich seither verdeutlicht. Die USA haben zuletzt Kanada und Dänemark bedroht, beides Mitglieder des Nato-Verteidigungsbündnisses. Wenn selbst Bündnispartner nicht geschützt sind, dann ist niemand sicher.Die Reaktion darauf lässt sich an den Daten ablesen. Zahlen des IWF zeigen, dass der Anteil des Dollars an den weltweiten Reserven von rund 72% zur Jahrtausendwende auf heute unter 58% gesunken ist. Eine Umfrage des Official Monetary and Financial Institution Forum (OMFIF) ergab, dass die Zentralbanken der Schwellenländer planen, den Dollar-Anteil an ihren Reserven in den nächsten Jahren zu reduzieren. Der Euro und der Yuan werden davon wahrscheinlich profitieren, und das Interesse an kleineren Währungen wie dem Singapur-Dollar nimmt zu.Gold spielt in dieser Geschichte eine Sonderrolle. Unter dem Strich gehen 30% der vom OMFIF befragten Zentralbanken davon aus, dass sie ihre Goldreserven in den nächsten ein bis zwei Jahren aufstocken werden. Wer Devisenreserven verwaltet und das Risiko einer Beschlagnahmung fürchtet, erachtet physisches Gold als naheliegende Lösung. Was in einem Tresor im eigenen Land liegt, kann von niemandem eingefroren werden.Gegenläufige Strömungen an den KapitalmärktenDiese Entwicklungen sind jedoch nur ein Teil des Gesamtbilds. Die USA weisen ein Leistungsbilanzdefizit von annähernd 1 Bio. $ pro Jahr aus. Aufgrund einer einfachen buchhalterischen Rechnung müssen andere Länder ein entsprechendes Volumen an US-Vermögenswerten aufnehmen: Anleihen, Aktien, Immobilien, Direktinvestitionen. Diese Arithmetik ist unumstösslich.Geld fliesst also weiterhin nach Amerika. Ausländische Investoren kauften im vergangenen Jahr US-Aktien und -Anleihen im Wert von 1,43 Bio. $, ein weiterer Anstieg gegenüber 1,2 Bio. $ im Jahr 2024 und 840 Mrd. $ im Jahr 2023. Diese Ströme widersprechen der These, dass Kapital aus dem Dollar-System flüchtet. Es handelt sich um Kapital, das sich frei nach ökonomischen Kriterien bewegt – zugunsten von Dollar-Vermögenswerten.Was also spielt sich wirklich ab? Wird der Dollar aufgegeben, oder ist er nach wie vor das präferierte Ziel? Die ehrliche Antwort lautet: beides – nur nicht so, wie es die Schlagzeilen suggerieren.Die entscheidende Frage ist nicht, ob weiterhin ausländisches Kapital in die USA fliesst. Sie lautet vielmehr, welche Vermögenswerte damit gekauft werden und zu welchem Preis. Eine Umschichtung von US-Staatsanleihen in Aktien oder von langfristigen US-Staatsanleihen in kurzfristige würde die Laufzeitprämie am US-Bondmarkt erhöhen, und somit die Kosten für die Finanzierung des Defizits.Das ist die Mechanik an den Kapitalmärkten, die es in den kommenden Jahren zu beobachten gilt. Es geht nicht um einen spektakulären Ausstieg aus Dollar-Anlagen. Die Entdollarisierung erfolgt nicht in Form eines jähen Abgrunds, sondern gleicht einem stetig abfallenden Hang. Es wird also auf die Steigung ankommen, nicht auf die Richtung.Das Imperium schrumpftAuch 55 Jahre nach dem Nixon-Schock ist der Dollar die weltweit dominante Reservewährung, die bevorzugte Transaktionswährung und die allgegenwärtige Recheneinheit an den globalen Märkten. Ein weniger gut greifbarer, aber dennoch wesentlicher Faktor ist hingegen verlorengegangen: das Vertrauen.Die Instrumentalisierung des Dollars als Waffe hat im Lauf der vergangenen Jahrzehnte die Grenze der Toleranz überschritten. Der allgemeine Trend zu wirtschaftlichem Nationalismus und zu kurzfristigem Transaktionsdenken der USA hat ausgerechnet diejenigen Verbündeten entfremdet, die dem System bisher seine stille Stabilität verliehen haben.Der Rückgang des Dollar-Anteils an den globalen Devisenreserven wird sich mit grosser Wahrscheinlichkeit fortsetzen, wenn auch im Schneckentempo. Alternative Zahlungssysteme werden seine Vormacht weiterhin stetig untergraben. Eine echte multipolare Währungsordnung – sollte sie jemals zustande kommen – ist eine Entwicklung, die sich in Jahren und nicht in Monaten vollzieht.Es wäre naiv zu glauben, dass die US-Zwischenwahlen im November oder die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2028 diesen Prozess aufhalten könnten. Diese Dynamik ist kräftiger als ein Wahlzyklus, mächtiger als die Handlungen einer einzelnen Regierung.Bei diesem Gastbeitrag handelt es sich um eine Übersetzung des jüngsten Marktausblicks von Marc Chandler. Die englische Originalfassung ist unter diesem Link abrufbar.Marc ChandlerMarc Chandler ist Chefstratege und Partner beim Brokerhaus Bannockburn Capital Markets. Er befasst sich seit rund vierzig Jahren mit den Devisenmärkten. In Chicago aufgewachsen, hat Chandler einen Studienabschluss in internationaler Wirtschaftspolitik und Geschichte an der Northern Illinois University und der University of Pittsburgh gemacht. Heute lehrt er als Dozent an der New York University. Von 2005 bis 2018 war er für die Devisenstrategie der Privatbank Brown Brothers Harriman & Co verantwortlich. Zuvor arbeitete er in gleicher Funktion für HSBC Bank USA sowie Mellon Bank. Unter dem Titel «Political Economy of Tomorrow» hat er 2017 sein zweites Buch veröffentlicht. Sein neuestes Buch mit dem Titel «Surplus: The History of Too Much and the End of Economic Primacy» erscheint im Herbst. Seine Einschätzung zum Tagesgeschehen an den Finanzmärkten teilt er im Blog Marc to Market.