„Ich ging durch die Straßen und konnte es einfach nicht glauben. Wie konnten die Menschen nur so fröhlich herumlaufen?“ So schildert die Moskauer Fotojournalistin Julia ihre Erinnerungen an den ersten Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine, den 24. Februar 2022. Sie sei sich sicher gewesen, dass die ganze Stadt aus den Vororten ins Zentrum strömen und gegen den Krieg demonstrieren würde. Doch nur einige wenige schlossen sich wie Julia den Protesten an. Die anderen kauften weiter ein, lachten und taten so, als sei nichts geschehen. Sowohl die Angst vor Repressionen als auch die langjährige Beschallung durch die Kreml-Propaganda haben die meisten Menschen in Russland passiv gemacht.Der 85-minütige SWR-Dokumentarfilm „Russland im Krieg. Ein Land zwischen Propaganda und Widerstand“ der Regisseure Lyobov Sinitsina und Torstein Grude, der in der Arte-Mediathek verfügbar ist, gewährt einen Einblick in die heutige russische Gesellschaft, indem er die engagierte Journalistin Julia über vier Jahre hinweg bei ihrer Arbeit begleitet. Während es sich bei Grude um einen erfahrenen norwegischen Filmemacher handelt, gibt es zu Sinitsina keine Informationen. Einige Mitglieder des Teams bleiben zu ihrer Sicherheit gänzlich anonym. Die Protagonisten zeigen zwar ihre Gesichter, werden aber nur mit Vornamen vorgestellt.Scheinprozesse gegen Putin-GegnerJulia dokumentiert Proteste und Scheinprozesse gegen Putin-Gegner. Sie zählt zu den wenigen, die im Land geblieben sind und ihre kremlkritische Haltung weiterhin recht unverblümt äußern. Ein weiterer Protagonist, der Friedensaktivist Nikolai, trifft sich in privaten Räumen mit Gleichgesinnten. Manchmal organisieren sie politische Kunstausstellungen – ganz in der Tradition der sowjetischen Dissidenten. Bei einem solchen Treffen der Regimegegner bricht eine Frau am Küchentisch in Tränen aus: „Warum leben wir in einem solchen Land? Ich weiß, warum. Weil es hier keine Gemeinschaft gibt, sondern nur eine apathische Menschenmasse.“Anfangs trägt Nikolai noch einen Jutebeutel mit der Aufschrift „Nein zum Krieg“ in der Öffentlichkeit. Das sei eine Art Ein-Mann-Protest, sagt er. Doch am Ende der Dreharbeiten traut er sich selbst das nicht mehr. Nach zwei Verhaftungen gibt er auf, weil er eine drakonische Haftstrafe fürchtet.Neben den Repressionen gegen Aktivisten wie Nikolai fängt die Journalistin Julia auch pompöse Propagandaspektakel mit ihrer Kamera ein. So etwa ein großes Konzert zur Feier der Annexion ukrainischer Gebiete am 30. September 2022 auf dem Roten Platz. Doch das Meer aus Trikoloren trügt: Gekommen sind vor allem Staatsangestellte und Studenten – nicht aus Überzeugung, sondern weil man es ihnen befohlen hat. Es soll zudem Geldzahlungen für die Teilnahme gegeben haben.Maria ist die Frau eines russischen Frontkämpfers. Sie wagt es, gegen Putins Kriegskurs zu protestieren.SWR/Piraya Film/Vincent ProductionsWas nicht bedeutet, dass es nicht auch überzeugte Putinisten gibt. Die Unternehmerin Alena aus der Stadt Resch im Ural etwa hat eine Freiwilligeninitiative ins Leben gerufen, die Spenden für russische Soldaten sammelt. „Wir mussten unsere Jungs für die militärische Spezialoperation ausrüsten“, sagt sie. So nennt der Kreml seinen Krieg.Zigaretten, selbst gestrickte Socken und SturmhaubenZigaretten, selbst gestrickte Socken, Sturmhauben, Medikamente, warme Fleeceanzüge für die kalte Jahreszeit – all das verpacken Alenas Mitstreiterinnen in Kartons, die sie an die Front senden. Auch Schulkinder beteiligen sich: Sie haben Talismane gebastelt, Briefe geschrieben und sie mit bunten Zeichnungen versehen.Zu Beginn des Angriffskriegs: In Moskau fahren im Februar 2022 Panzerkolonnen auf.SWR/Piraya Film/Vincent ProductionsEin betagter Mann sucht das Freiwilligenzentrum auf, um sich vor seinem Einsatz auszurüsten. Wahrscheinlich werde er zur Sturmtruppe gehen, meint er. Alena wünscht ihm viel Glück, die ganze Stadt erwarte ihn gesund zurück. Vor dem Hintergrund, dass die Überlebenschancen für russische Infanteristen minimal sind, klingt das wie blanker Hohn. Das russische Exilmedium Mediazona, das in Zusammenarbeit mit dem russischen Dienst der BBC Todesanzeigen durchforstet und basierend darauf ein Register über russische Verluste führt, zählt zurzeit 236.000 gefallene russische Militärangehörige. Die tatsächliche Zahl schätzen die Journalisten auf etwa 352.000, andere gehen von noch größeren Verlusten aus.Doch Alena macht unbeirrt weiter, ihre Organisation wächst mit der Zeit – auch weil sie Insassen aus einem psychiatrischen Pflegeheim in die Arbeit einbindet. Zur Belohnung heftet sie den Menschen Stecknadeln mit dem Kriegssymbol Z an die Brust. Moralische Bedenken hat sie keine. Später legt sie sich sogar einen 3D-Drucker zu, um Behälter für Sprengladungen herzustellen, die russische Drohnen auf ukrainische Stellungen abwerfen.Die Schicksale, von denen der Film erzählt, erschüttern – besonders die Geschichte des Teenagers Jegor aus der Region Leningrad, der versuchte, einen Brandanschlag auf ein Rekrutierungszentrum zu verüben. Jegors Mutter sagt zu den Motiven ihres Sohnes, dass ihm die gesellschaftliche Akzeptanz des Krieges dermaßen zu schaffen gemacht habe, dass er keinen anderen Weg mehr sah: „Er litt regelrecht unter dem, was um ihn herum geschah. Nur darüber zu reden, das ergab für ihn keinen Sinn mehr, weil sich nichts änderte.“ Also schritt er zur Tat. Doch die mit Benzin gefüllte Flasche entzündete sich nicht einmal. Dennoch wertet das Gericht Jegors Aktion als Terroranschlag, er wird zu sechs Jahren in einer Jugendhaftanstalt verurteilt.„Jegor, mach dir keine Sorgen, die Wahrheit ist auf deiner Seite“, ruft jemand im Gerichtssaal. Dass es in Russland noch solche Menschen gibt, die Widerstand leisten, daran erinnert dieser Dokumentarfilm. Sie sind da, auch wenn man sie kaum hören kann.