Vor ein paar Jahren warb Wayne County in Ohio mit der Kultur der Amischen in der Gegend. In einer Tourismusbroschüre hieß es: „Eine Gemeinschaft, in der die Zeit stillsteht“. Das stimme aber gar nicht, sagt Steven Wengerd. „Wir haben uns verändert, und wir verändern uns weiter.“ Er sitzt im Konferenzraum des Unternehmens Flextur, das vor acht Jahren aus dem jahrzehntealten Betrieb seiner Familie hervorgegangen ist. Das Klapphandy in der Tasche, das E-Bike vor der Tür und die Produktionshallen des hochmodernen Betriebs für Metallbearbeitung nur ein paar Meter über den Hof.Wer hier nach dem Altmodischen sucht, der wird es finden. Die Anbindehaken für die Kutschpferde am Zaun etwa, Stevens klassischen Vollbart ohne Schnauzer oder die traditionellen Hauben der amischen Frauen an der Rezeption. Aber da sind auch die üblichen Bürocomputer und die Hunderttausende Dollar teuren Blechbearbeitungsmaschinen, mit denen die größtenteils amischen Mitarbeiter jeden Tag arbeiten.Für den 32 Jahre alten Steven Wengerd ist das kein Gegensatz. Das eine ist für ihn der einfache Lebensstil, dem sich die Amischen verschrieben haben. Das andere die Möglichkeit, den eigenen Leuten beim Weiterkommen zu helfen. „Wir sind wie alle anderen auch. Nur ein bisschen speziell.“Das Unternehmen, das unter anderem einen Luftfahrtkonzern beliefert, liegt im Amish Country des Bundesstaates Ohio. Hier leben etwa 85.000 aller 410.000 Amischen in den Vereinigten Staaten. Auf den Landstraßen überholen Autos ständig die schwarzen „Buggies“, die traditionellen Kutschen, und inzwischen auch die E-Radfahrer in grellen Warnwesten. Die Tourismuswebsite hat sich einen neuen Spruch für die Gegend ausgedacht: „Die Einfachheit wiederentdecken.“ Die Amischen leben in mancher Hinsicht, wonach sich die Leute heute wieder sehnen. Kein Smartphone, kein Computer, kein Fernseher im eigenen Haus, kaum „Screentime“ also. Statt Autos fahren sie Kutsche oder Fahrrad.Manche leben bis heute ohne StromFragt man einen Amischen, warum er im Jahr 2026 so lebt, dann lautet die Antwort ungefähr: für die Familie, die Gemeinschaft und den Glauben. Die Amischen leben nach der Bibel. Der Ursprung der Kultur liegt in der Bewegung der Anabaptisten, die eine Taufe von Erwachsenen statt Säuglingen forderte. 1693 dann spalteten sich die Anhänger des Schweizer Predigers Jakob Ammanns von den Mennoniten ab und wanderten später in Wellen nach Nordamerika aus, nach Ohio zum Beispiel.Seither hat sich auch bei ihnen viel verändert. Wie streng die Regeln sind, entscheidet jede Gemeinschaft mit ihren Gemeindevorderen selbst. Die Familie Wengerd gehört zu einer der liberaleren amischen Gruppen. Sie haben elektrische Lampen in ihren Häusern, ein Bruder hat sogar eine Waschmaschine und einen Trockner, nur an das örtliche Stromnetz angeschlossen ist keiner von ihnen. Auch das Unternehmen Flextur nicht. Sämtliche Technik wird von einem Gasgenerator gespeist, der in einem Container hinter der Produktionshalle steht. Andere Gemeinschaften erlauben bis heute kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser, keine Motoren oder E-Bikes.
Wie eine amische Familie in Ohio ein hochmodernes Unternehmen führt
Eine amische Familie führt in Ohio ein hochmodernes Unternehmen. Ein einfaches Leben und technologischer Fortschritt sind für sie kein Gegensatz – zumindest in diesem Fall.







