Es passiert in der besten Basketballliga der Welt eher selten, dass ein Trainer einen Nachwuchsspieler mit Weltklasse-Potential nicht nur entdeckt, sondern auch verpflichtet, betreut und dessen Karriere auf eine Weise formt, die die Erwartungen sogar noch übertrifft. Umso bemerkenswerter ist, was Don Nelson im Juni 1998 gelang. Ein halbes Jahr zuvor war er einem Angebot der Dallas Mavericks gefolgt und hatte eine längere Schaffenspause beendet, um eine der schlechtesten Mannschaften in der NBA zu übernehmen.Im Juni 1998 sicherte er sich am Draft-Abend in Vancouver nicht nur den jungen Dirk Nowitzki, sondern holte kurz darauf im Rahmen einer Tauschaktion den Kanadier Steve Nash nach Texas. Beide Spieler wurden nach ihrer Karriere in die Ruhmeshalle der Sportart in Springfield/Massachusetts aufgenommen.„Er kam als Erster in die Halle“: Nowitzki im Jahr 2001dpaZehn Jahre später legte Nelson noch einmal nach. Da schnappte er – inzwischen bei den Golden State Warriors – den anderen 29 Teams Stephen Curry weg. Auch er ein Jahrhundertspieler, der sechs Jahre später mit einem Team aus rasanten, kombinationssicheren und wurfgewaltigen Basketballern seinen ersten von vier NBA-Titeln gewann.Leider war Nelson selbst, der am Sonntag im Alter von 86 Jahren gestorben ist, trotz seiner seherischen Fähigkeiten nie ein derartiger Erfolg beschert worden. Der Sohn eines Rinder- und Schweine-Farmers aus Michigan war zwar als Spieler mit den Boston Celtics zwischen 1966 und 1976 fünfmal Meister geworden und hatte erstmals mit einer Ein-Hand-Freiwurf-Technik seine Mischung aus Kreativität und Eigenwilligkeit demonstriert.Eine Mischung aus Teamgeist und IngeniumAber er erreichte weder mit den Mavericks noch den Warriors oder davor den Milwaukee Bucks und New York Knicks auch nur die Finalserie. Sein größter Erfolg als Coach war der Gewinn der Weltmeisterschaft 1994 mit der amerikanischen Mannschaft und die dreimalige Auszeichnung zum NBA-Trainer des Jahres.Immerhin hatte sich Don Nelson, als er sich 2010 in den Ruhestand zurückzog, mit 1335 Siegen auf Platz eins der ewigen Rangliste aller Trainer hochgearbeitet. Er wurde dort erst 2022 von Gregg Popovich auf den zweiten Platz verdrängt. Die adäquate Auszeichnung für eine solche Karriereleistung wurde ihm 2012 zuteil, als er in die Hall of Fame aufgenommen wurde.Seine Arbeitsweise, mit der er die Taktikentwicklung in der NBA „revolutionierte“ („Boston Globe“), war eine Mischung aus Teamgeist und Ingenium, wie er vor zehn Jahren in einem Interview mit der F.A.Z. verriet: „Du bist bei so etwas nie der Einzige. Du hast einen kompletten Stab, der scoutet. Allerdings: Wenn es um Entscheidungen geht, traue ich mir selbst immer mehr als anderen. Ich habe nach dem Ende jeder Saison und vor jeder Draft Hunderte von Stunden damit zugebracht, Spieler zu analysieren.“„Ständig darüber nachgedacht, wie man einem Team helfen kann, das nicht gut genug ist, um Starspieler beim Gegner zu stoppen“: Don Nelson (Foto von 2009)AFPSpieler, aus denen der junge Dirk Nowitzki deutlich herausragte, der seinen Mentor am Sonntag in den sozialen Medien würdigte: „Du hast mich nicht einfach nur gedraftet. Du hast an mich geglaubt. Du hast Dinge in meinem Spiel erkannt, ehe ich überhaupt gemerkt habe, dass ich dazu in der Lage bin.“Nelson war an dem Nachwuchsspieler unter anderem dessen Arbeitseifer aufgefallen. „Er kam als Erster in die Halle zum Training. Abends hat er noch mehr trainiert. Abgesehen davon, war er einfach der talentierteste Jugendspieler, den ich je gesehen habe. Er konnte rebounden, werfen, sich unter dem Korb gut in Stellung bringen. Ein außerordentlich beweglicher Basketballer. Und das mit 2,13 Metern.“Ein Talent, das Nelson sorgsam behütete und dafür sogar 2003 sein Verhältnis zu Mark Cuban riskierte, als der Mavericks-Eigentümer verlangte, den an einer Knieverletzung laborierenden Nowitzki im sechsten Spiel der Finalserie der Western Conference gegen die San Antonio Spurs einzusetzen.Ohne den Würzburger verloren die Mavericks das Spiel und die Serie. „Egal wie wichtig dieses Spiel in diesem Moment auch gewesen sein mag“, sagte er, als die Beziehung zu Cuban in die Brüche gegangen war und wegen ausstehender Gehaltszahlungen zu einem Rechtsstreit führte. Er habe als Spieler selbst eine ähnliche Verletzung erlitten und „wollte diesen jungen Spieler nicht wegen eines einzigen Spiels einem solchen Risiko ausliefern“.Seine Umsicht zeigte sich in vielen Facetten. Etwa, als er Nowitzki bewusst nicht unter den Korb beorderte, wo große Spieler traditionell eingesetzt wurden, sondern seine Entwicklung zu einem unwiderstehlichen Distanzschützen förderte. Es passte zu seiner Lust, auf der ständigen Suche nach effektiven taktischen Schemata mit den Konventionen des Basketballs zu brechen.„Ich bin so gestrickt“Wie etwa als er Ende der achtziger Jahre bei seinem ersten Einsatz bei den Golden State Warriors kleinere, sprintstarke Spieler wie die All-Stars Tim Hardaway, Mitch Richmond und Chris Mullin aufstellte. Sie hatten das Zeug dazu, die langsameren und staksigen langen Spieler einfach auszudribbeln und so den Unterschied an Körpergröße mehr als wettzumachen.Es war das gedankliche Fundament für einen Spielstil, den das gleiche Team Jahrzehnte später in anderer Besetzung perfektionierte. „Ich bin so gestrickt“, sagte er im F.A.Z.-Interview. „Ich habe ständig darüber nachgedacht, wie man einem Team helfen kann, das nicht gut genug ist, um Starspieler beim Gegner zu stoppen.“So kam er auch auf die Reinkarnation einer alten Defensivtaktik, die er diesmal auf Shaquille O’Neal anwendete. Der wurde von den Mavericks gezielt gefoult, selbst wenn der gar nicht in Ballbesitz war. Der Grund: Der Center war ein notorisch schlechter Freiwurf-Schütze.Die Methode ging unter dem Namen „Hack-a-Shaq“ in die NBA-Geschichte ein und basierte auf nachvollziehbaren statistischen Überlegungen. Statt zwei oder drei Punkte pro Angriff zu kassieren, ließ sich so das Defizit reduzieren und gleichzeitig das Tempo der anderen Mannschaft verlangsamen, sobald die in Fahrt kam.O’Neal fühlte sich vorgeführt und nannte den Trainer einen Clown. Nelson war jemand, der auf solche Vorhaltungen gelassen reagierte. Und mit Humor. Bei der nächsten Begegnung der beiden trug er eine rote Plastiknase.
Don Nelson: Wie er Dirk Nowitzki und die NBA geprägt hat
Die NBA trauert um Don Nelson. Der Coach holte nicht nur Dirk Nowitzki in die NBA. Sein Blick für Talente, seine Methoden und auch sein Humor haben die Liga über Jahrzehnte geprägt.











