Das Jahr 2022 hatte soeben erst begonnen, als die damals 18 Jahre junge Antonia Niedermaier aus Oberbayern einen Makel entdeckte. Niedermaier stand damals am Fuße des Mittagbergs im Allgäu und meinte: „Die Strecke war zu flach.“ Sie war soeben deutsche Juniorenmeisterin geworden und Zweite bei den Frauen. „Das hat ganz gut gepasst“, zeigte sie sich dann doch versöhnlich, an diesem Januartag vor viereinhalb Jahren. Inmitten eines Winters, da Niedermaier das Projekt 2026 in Angriff nahm. Also: die Olympischen Winterspiele in Italien.Der damalige deutsche Bundestrainer der noch jungen Disziplin Skibergsteigern hatte Niedermaier beste Chancen bei der Olympiapremiere eingeräumt, „obwohl sie fast noch zu jung ist“, wie Thomas Bösl seinerzeit der SZ erklärte. Und damals eventuell schon befürchten musste, dass ihm die junge Rosenheimerin abtrünnig wird. Und so kam es, wie es kam.Statt im Februar um Medaillen im Skibergsteigen zu sprinten, verlagerte sich Niedermaiers Projekt 2026 in den August und in einen Fahrradsattel der deutschen Equipe Canyon-SRAM. Niedermaier, die im Juni als Gesamtzweite des Giro d'Italia aufhorchen ließ, war als sogenannte Edelhelferin der Polin Kasia Niewiadoma angetreten – mit dem Ergebnis, dass die inzwischen 23-Jährige weit über diese Rolle hinauswuchs. Gesamtrang vier stand am Ende ihrer Tourpremiere, garniert mit dem Weißen Trikot der besten Nachwuchsfahrerin. Zuvor war dies keiner deutschen Frau gelungen, bei der Tour der Männer sind in dieser Kategorie Dietrich Thurau (1977), Jan Ullrich (1996, 1997 und 1998) sowie zuletzt Florian Lipowitz 2025 vermerkt.Tour de France Femmes:So spannend kann eine Tour also auch seinDie Niederländerin Demi Vollering gewinnt die Tour de France Femmes erst durch zwei furiose Auftritte auf den letzten Etappen. Der Kampf ums Gelbe Trikot ist eindeutig attraktiver als bei den Männern.Auf der finalen Etappe, die viermal über den Col d'Èze führte, fuhr Niedermaier abermals lange als Windschattenspenderin für ihre Kapitänin, ehe sie auf den letzten Kilometern dieser Tour de France noch ihre eigene Haut retten musste, genauer ihr Wertungsleibchen für die Führende in der Wertung der unter 25-Jährigen. Paula Blasi (Team UAE L'Imad) war ihr nicht von der Seite gewichen und setzte sich im Zielsprint um den zweiten Etappenplatz hinter Gesamtsiegerin Demi Vollering (Niederlande) durch. Die gleichaltrige Spanierin erhielt noch einige Bonussekunden. Doch so viel mathematisches Verständnis hatte das Abitur bei Niedermaier hinterlassen: Es reichte locker für sie, um ihr Trikot mit 1:03 Minuten Vorsprung zu verteidigen.Später im Ziel ließ Niedermaier erahnen, dass ihr die Dimension dieses Erfolgs gewahr ist. „Ich hoffe, dass es eine Inspiration ist für die ganzen jungen Mädchen, die Rad fahren“, sagte sie am ARD-Mikrofon. Womöglich ließen sich nun sogar noch mehr Frauen „damit begeistern und aufs Rad kriegen“. Sie hatte sich längst verabschiedet, samt Gatte Jakob und Hündin Frieda, die nun ihre Edelhelfer bei der Regeneration werden dürften; da wurde an anderer Stelle schon über die Zukunft der Antonia Niedermaier gefachsimpelt.Die Propheten überschlagen sich, was Niedermaiers Zukunft angehtDie frühere Bahnradfahrerin und Olympiasiegerin Lisa Brennauer sprach von einer „wahnsinnigen Leistung“ und einer „wirklich starken“ Entwicklung. Andere wagten gar den Blick in die Glaskugel. „Es war alles neu und groß für sie“, sagte etwa Rolf Aldag, Niedermaiers Sportlicher Leiter bei Canyon-SRAM: „Irgendwann wird sie hoffentlich die Farbe von Weiß in Gelb tauschen.“ Teamchef Ronny Lauke erklärte, er sehe Niedermaier noch am Anfang ihres Weges. „Sie hat das Potenzial, sie hat noch Reserven. Sie kann noch viel lernen, reifen“, so Lauke: „Wir werden sie weiterentwickeln und hoffentlich zur nächsten Tour-Siegerin machen.“Man mag Parallelen zu Florian Lipowitz erkennen und dessen Premiere bei der Tour de France vor einem Jahr. Der ehemalige Biathlet Lipowitz, seinerzeit 24, war auch von Skiern auf den Sattel umgestiegen und 2025 sensationell als Gesamtdritter in Paris angekommen, auch er gewann das Trikot des besten Nachwuchsfahrers (ehe er in der diesjährigen Ausgabe beim Zeitfahren stürzte und aufgeben musste). Niedermaier ist ihrerseits eine exzellente Zeitfahrerin, war in dieser Disziplin bereits deutsche Meisterin und WM-Vierte. Noch zentraler bei einer berglastigen Rundfahrt wie der Tour dürften ihre Kletterfähigkeiten sein.In steilen Anstiegen fuhr sie oft vorneweg, ließ viel Kraft im Wind zugunsten ihrer Kapitänin – und setzte so Demi Vollering unter Druck. Lipowitz gegenüber hat Niedermaier den Nachteil, dass die Preisgelder bei der Tour de France Femmes bis dato vergleichsweise winzig sind, 50 000 Euro für den Gesamtsieg entsprechen einem Zehntel der Männer-Prämie. Der Vorteil Niedermaiers: Sollte sie irgendwann selbst die Kapitänsrolle erhalten, wird sie nie einen gewissen Tadej Pogacar bezwingen müssen.