Der Rhein trägt in diesem Sommer so wenig Wasser wie selten. Am Pegel Kaub im Rhein-Lahn-Kreis wird täglich ein neuer Niedrigstand gemeldet, Regen ist kaum in Sicht. Rettungsdienste warnen, Ertrinkungszahlen steigen. Und trotzdem geht an diesem Dienstag jemand ins Wasser, mit voller Absicht: die Extremschwimmerin Nathalie Pohl. Ihr Ziel ist ein Weltrekord. Ihre Botschaft: dass mehr Kinder in Deutschland schwimmen lernen sollen.Pohl, 31 Jahre alt, aus Marburg, ist keine Anfängerin. Im Sommer 2024 durchschwamm sie als 33. Schwimmerin und als erste Deutsche die „Ocean’s Seven“, die sieben schwierigsten Meerengen der Welt. Im Juni dieses Jahres umrundete sie als erster Mensch die Insel Capri. Unter dem Titel „RIVERS: Frankfurt to Cologne“ schwimmt Pohl von diesem Dienstag an in mehreren Etappen 200 Kilometer flussabwärts. Startpunkt ist am 11. August frühmorgens der Anleger am Ruderclub Germania in Frankfurt. Innerhalb von vier Tagen will sie es mit ihrem Team über Main und Rhein bis nach Köln schaffen.Flüsse in Deutschland werden unterschätztEs ist eine Strecke, die auf den ersten Blick berechenbar wirkt und es doch nicht ist. Der Main ist durch seine Schleusenregulierung zwar begradigt und kontrolliert. Genau diese Schleusen sind zugleich gefährliche Hindernisse, um die herum eigene Sperrzonen gelten. Kritischer wird es dort, wo Flüsse zusammenlaufen. Peter Wendling, Landesleiter der Wasserwacht Rheinland-Pfalz, nennt als heikelste Punkte die sogenannten Verschneidungslinien: die Mainspitze bei Mainz, an der Pohls Route vom Main in den Rhein wechselt, und weiter flussabwärts die großen Zuflüsse, allen voran das „Deutsche Eck“ bei Koblenz, wo die Mosel in den Rhein mündet.Wasser ist ihr Elexier: Nathalie PohlMaximilian von LachnerAn solchen Stellen entstehen mitunter Verwirbelungen, in die die Schwimmer hineingezogen werden können. Auch der enge Abschnitt zwischen Bingen und St. Goar, das Mittelrheintal mit der Loreley, gehört zu den gefährlichsten Passagen.261 Ertrunkene in deutschen GewässernWeil Flüsse oft harmlos aussehen, werden sie unterschätzt. Nach einer Zwischenbilanz der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) aus der vergangenen Woche sind in diesem Jahr bereits mindestens 261 Menschen in deutschen Gewässern ertrunken, davon 189 seit Anfang Mai – der höchste Wert seit 2019. Schon 78 Menschen seien bisher in diesem Jahr in einem Fluss ertrunken.Die hohe Zahl an Unfällen sei für Pohl der Anlass gewesen, das Projekt ins Leben zu rufen. Vor allem wolle sie ein Zeichen für mehr Schwimmsicherheit setzen. Schon länger verfolgt die Extremsportlerin das Ziel, Kindern den Zugang zum Schwimmenlernen zu ermöglichen. „Wir schwimmen, damit Kinder schwimmen lernen dürfen!“, schreibt sie in einem Instagram-Beitrag zur Aktion.Mit den gesammelten Spenden sollen Schwimmvereine gezielt unterstützt werden. Nathalie Pohl ist die Enkeltochter von Reinfried Pohl, dem Gründer der Deutschen Vermögensberatung. Getragen wird ihre Aktion vom Verein DVAG hilft e. V. der Deutschen Vermögensberatung, den Nathalie Pohl selbst gegründet hat, sowie vom RTL-Spendenmarathon.Eigentlich ist das Schwimmen im Main sowie im Rhein an vielen Stellen streng untersagt. Die einschlägige Badeverordnung sperrt unter anderem jeweils 100 Meter ober- und unterhalb von Brücken, Schleusen, Häfen und Kraftwerken. Grundsätzlich verboten sei es aber nicht, wie ein Sprecher der Wasserschutzpolizei Rheinland-Pfalz erklärt. Es gebe ein „allgemeines“ und ein „spezielles“ Badeverbot; außerhalb der gesperrten Zonen sei Schwimmen rechtlich zulässig, werde aber ausdrücklich nicht empfohlen. Innerhalb Frankfurts wiederum verbietet die städtische Gefahrenabwehrverordnung das Schwimmen im Main im gesamten Stadtgebiet.Pohl hat für ihre Strecke eine Sondergenehmigung des zuständigen Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts erhalten. Dabei müsse sie sich aber an Auflagen halten, etwa genug Abstand zum Schifffahrtsverkehr zu halten.Nathalie Pohl beim Durchqueren des Nordkanals, der letzten Etappe der Ocean's SevenDaniel Toni JaisDer Plan, mit dem sie die Stecke bewältigen will, ist eng getaktet. Pohl schwimmt jeweils zwei Stunden allein, danach übernehmen zwei sogenannte Patenschwimmer je eine Stunde der Strecke, dann übernimmt sie wieder. Insgesamt 14 dieser Paten seien über Onlineformulare ausgewählt worden. Dabei handle es sich nach Angaben des Veranstalters um qualifizierte Freiwasserschwimmerinnen und -schwimmer, die persönlich aus der Sammlung der Bewerber ausgewählt wurden.Darunter ist auch Maria Paulig, die 2023 als Guide der sehbehinderten Triathletin Anja Renner bei den Paralympics antrat. Zur Sicherheit trügen alle Schwimmer Schwimmbojen. Die Schwimmer stünden durchgehend unter Aufsicht der DLRG Wesseling, die die Aktion offiziell begleitet.Das Team betont außerdem gegenüber der F.A.Z., dass man im engen Kontakt zu den Behörden stehe und die Strömung dauerhaft beobachte, um die Sicherheit der Teilnehmer zu gewährleisten. Das gelte vor allem auch in den engeren Abschnitten des Rheins, in denen die Fahrrinne, auf die die Schwimmer angewiesen sind, besonders schmal wird.Schwimmen bei Niedrigwasser noch gefährlicherWarum das Schwimmen in der Fahrrinne so heikel ist, erklärt Wendling, der Landesleiter der Wasserwacht Rheinland-Pfalz, so: „Aufgrund des extremen Niedrigwassers im Rhein ist es noch gefährlicher als sonst, denn die Schiffe fahren weiterhin, wenn auch weniger beladen. Trotzdem erzeugen sie einen entsprechenden Sog durch die Schiffsschraube und die Wasserverdrängung. Dadurch nehmen Sogwirkung und Strömungsgeschwindigkeit in der Fahrrinne extrem zu.“ Generell gelange man bei Niedrigwasser sowieso viel schneller in die Fahrrinne.Immer weniger Wasser: Vor allem im Mittelrhein wie hier bei Kaub sinkt der Wasserstand deutlich sichtbar.dpaIst es also der richtige Weg, ausgerechnet in ein gefährliches Gewässer zu steigen, um auf Sicherheit im Wasser aufmerksam zu machen? Wendling sagt dazu: „Wenn wir uns vor das Schwimmbad stellen und demonstrieren, dass wir mehr Wasserzeit brauchen, wird das nicht so gesehen, wie wenn sich jemand mit einem Weltrekordversuch in den Rhein wirft und versucht, die 200 Kilometer durch den Rhein zu schwimmen. Es ist eine andere Öffentlichkeitswirksamkeit. Da überwiegt das Interesse an der Öffentlichkeit dann doch die Gefahr.“Die Gefahrenlage bei einem solchen Event unter Aufsicht schätzt Wendling insgesamt als beherrschbar ein: „Bei einer guten Absicherung ist die Gefahr relativ moderat. Solange die verfügbaren Retter nicht von der Anzahl der zu Rettenden übermannt werden.“Angst vor Nachahmern habe man nicht, heißt es aus Pohls Team. Auch Wendling sieht kein Problem: „In der Vergangenheit war kaum festzustellen, dass das nachgeahmt wird. Die Leute gehen aufgrund der Hitze oder weil es keine alternativen Möglichkeiten gibt, sowieso in den Rhein. Meistens waren es Menschen, die über die Gefahren nicht aufgeklärt waren. Das merkt man vor allem im Bereich der Geflüchteten oder der allgemeinen Nichtschwimmer, bei denen das Gefahrenbewusstsein nicht so ausgeprägt ist, weil sie es einfach nicht kennen.“Trotzdem raten Wasserschutzpolizei, die Wasserwacht und die DLRG dringend davon ab, im Main oder im Rhein zu schwimmen. Auch der Zeitpunkt einer Aktion wie dieser, mitten in einem Sommer mit Rekord-Niedrigwasser und einer hohen Zahl Ertrunkener, wirft Fragen auf. Wendling begegnet ihnen mit einem Vergleich: Es gebe, wie beim Urlaub, ohnehin nie den ganz richtigen Zeitpunkt.Am Donnerstagnachmittag, so der Plan, wird Nathalie Pohl in Köln ans Ufer steigen. Der Rhein wird bis dahin weiter Niedrigwasser tragen.