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Accell-Gruppe: Fahrrad-Hersteller ist zahlungsunfähig – Branche geschockt Dem Fahrradriesen ist offenbar das Geld ausgegangen. Für die Branche ist das der nächste Warnschuss – viele Kunden wiederum werden es wohl verkraften können.

Accells Schieflage ist kein Zufall, sondern Folge einer Krise, die die Fahrradbranche seit Jahren plagt. (Symbolbild) Foto: IMAGO/ZoonarDüsseldorf. Es ist ein Schock für die Fahrrad-Industrie: Die Accell-Gruppe, einer der führenden Konzerne der Branche, ist zahlungsunfähig. Laut einer entsprechenden Mitteilung beantragte das Unternehmen in den Niederlanden Zahlungsaufschub. Für die Tochtergesellschaften kündigte Accell demnach Insolvenzverfahren an. Zur Gruppe gehören Marken wie Ghost, Winora, Babboe, Batavus, Raleigh oder Haibike.Trotz „umfangreicher Bemühungen“ sei es nicht möglich gewesen, eine „tragfähige Lösung zu finden, die Accel eine Fortführung des Betriebs in der bestehenden Form“ ermöglicht hätte.CEO Jonas Nilsson erklärte: „Das ist eine zutiefst traurige und frustrierende Situation angesichts der harten Arbeit und allem, was wir mit Unterstützung von Aktionären und Gläubigern erreicht haben, um Accells Betrieb und Finanzen zu restrukturieren.“ Der Fokus liege jetzt darauf, gemeinsam mit den vom Gericht eingesetzten Verwaltern „tragfähige Geschäftsbereiche und Arbeitsplätze zu erhalten, soweit die Umstände dies zulassen.“Kartellbehörde hatte Übernahme durchgewunkenIm vergangenen Februar ging die Gruppe im Rahmen einer Restrukturierung in den Besitz ihrer Gläubiger über. Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg versuchten die Gläubiger seitdem, den Fahrrad-Konzern zu verkaufen. Ein Kandidat zur Übernahme stand eigentlich schon in den Startlöchern, im Juli wurde der Deal unter anderem bereits vom Bundeskartellamt durchgewunken. Übernehmen sollte die Tri Star Group, ein asiatischer Investor und Tochter der in Singapur ansässigen Dutech-Group.Das Unternehmen ist auf dem europäischen Fahrradmarkt kein Unbekannter. Über Tri Star hat Dutech etwa in Deutschland bereits einige in Not geratene Fahrradunternehmen übernommen, darunter den Traditionshersteller Prophete aus Rheda-Wiedenbrück.Unklar ist noch, warum der Deal dennoch nicht zustande kam. Beide Unternehmen haben sich bisher nicht öffentlich geäußert. Accell erklärte in einer Mitteilung lediglich, dass die Gruppe „alle möglichen Wege ausgelotet“ habe, darunter auch „Gespräche mit mehreren Interessenten.“„Dutech wird die finanzielle Situation Accell's nicht entgangen sein“, sagt Florian Schöps, Fahrradexperte bei der Handelsberatung BBE. „Ich schätze, der Deal wurde nochmal tiefergehender geprüft und Dutech hat entschieden, doch lieber die Finger davon zu lassen.“Accell als Sinnbild der siechenden FahrradbrancheDie Schieflage der niederländischen Gruppe ist kein Zufall, sondern Folge einer Krise, die der gesamten Branche seit Jahren zu schaffen macht. Während der Corona-Jahre erfuhr die Industrie einen beispiellosen Boom. Menschen konnten kaum oder nur eingeschränkt verreisen, andere Freizeitbeschäftigungen waren zeitweise verboten. Viele wollten sich draußen betätigen, statt nur zu Hause zu bleiben. So wurde das Fahrrad zur naheliegenden Lösung.Deswegen erhöhte die Branche die Kapazitäten massiv, auch die Accell-Gruppe. Gleichzeitig hatten viele Probleme mit der Lieferkette. Viele Räder oder Einzelteile kommen aus Asien: Während der Pandemie waren manche Teile nicht verfügbar und ohnehin explodierten die Lieferkosten zeitweise. Um die Nachfrage zu bedienen, kauften Händler das, was möglich war, und füllten ihre Lager auf.17,4Milliarden Euro Umsatzerwirtschaftete die europäische Fahrradbranche 2025Später ebbte die Nachfrage ab – und die Lager blieben voll. Das versuchte die Branche mit Rabattschlachten zu lösen, doch das schadet der Profitabilität. Zwar leeren sich die Lager allmählich, doch den Preisdruck spüren immer noch viele.So musste der europäische Fahrradmarkt einer Analyse des Beratungshauses EY zufolge auch 2025 einen Rückgang verkraften. Der Gesamtumsatz sank 2025 um drei Prozent auf 17,4 Milliarden Euro. 2022 lag der Umsatz noch bei über 22 Milliarden Euro.Fahrrad der Accell-Marke Betavus: Keine guten Zukuntsaussichten. Foto: Accell/PRMassenrückruf beschädigt eine wichtige MarkeDas schwierige Marktumfeld forderte schon von einigen Firmen der Branche seinen Tribut, die Liste der Insolvenzen ist lang: Unter anderem Van Moof, Prophete, YT Industries, HiBike, Simplon traf es bereits.Nun ist auch Accell's Zukunft ungewiss. Dabei war die Gruppe mal ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche Wachstumsstrategie: Unter anderem wegen gezielter Zukäufe stieg der Konzern zu einem der führenden Anbieter in Europa auf, vor allem bei E-Bikes.Eurobike Fahrradmesse kämpft ums Überleben 2022 stieg ein Konsortium um den US-Investor KKR ein und kaufte die Gruppe für ungefähr 1,6 Milliarden Euro. „Wir wollen die Niederlande als Welthauptstadt des Radsports weiterentwickeln und die führende Position im europäischen Elektrofahrradmarkt ausbauen“, erklärte KKR-Partner Daan Knottenbelt damals. Einen Teil des Kaufpreises luden die Investoren dem Unternehmen als Schulden auf. Nachdem der Corona-Boom abebbte, mussten die Eigentümer Accell jedoch wiederholt finanziell stützen.Dazu kamen weitere Belastungen, zum Beispiel der Massenrückruf bei der Lastenradmarke Babboe: Die niederländische Behörde für Lebensmittel- und Verbrauchsgütersicherheit hatte 2024 den Verkauf von Lastenrädern der Marke gestoppt. Der Grund waren Sicherheitsmängel, die in einigen Fällen zu Rahmenbrüchen führten. „Der Babboe-Rückruf hat Accell, aber auch den gesamten Lastenradmarkt stark belastet, vor allem im DACH-Raum haben Hersteller und Händler dadurch leider Glaubwürdigkeit eingebüßt“, sagt Fahrradexperte Schöps.Babboe-Lastenräder: Sicherheitsmängel sorgten für große Probleme. Foto: Accell/PRHändler stehen womöglich vor ProblemenKKR schoss Kapital nach, doch um mehrere Restrukturierungen abzuwenden, hat das nicht gereicht. Im vergangenen Februar hat Accell sich dann mit seinen Kreditgebern und Eigentümern über eine neue Finanzierung geeinigt. In diesem Zuge stieg der Private-Equity-Riese aus dem Unternehmen aus.Trotzdem leitet Accell nun für seine Tochterunternehmen Insolvenzverfahren ein. Für Verbraucher wäre ein Wegfall der Marken laut Florian Schöps aber wohl verkraftbar. „Die Marken der Gruppe standen vor einigen Jahren noch deutlich besser da, mittlerweile steht Accell beim Marktanteil in Deutschland im mittleren einstelligen Bereich“, sagt er und schiebt nach: „Mengenmäßig wird das also keine allzu große Bedeutung haben, es werden dadurch nicht weniger Fahrräder in Deutschland verkauft.“ Dafür seien die meisten Fahrradkunden schlicht nicht markentreu genug.Canyon Predict Dieses neue Canyon-Rennrad soll Unfälle vorhersehen Die psychologische Wirkung auf die Branche sei aber eine andere: „Accell gehört zu den Größten der Branche, für viele ist das ein Schock, so wie der bei BMW angekündigte Stellenabbau ein Schock für die Autoindustrie war“, sagt der Handelsberater. Für eine Branche, die seit Jahren mit Überbeständen, Rabattschlachten und Insolvenzen kämpft, ist die Pleite des europäischen Fahrradriesen also der nächste Warnschuss.Betroffen sind auch Händler, die ihr Sortiment stark auf Accell-Marken ausgerichtet haben: Die Branche befindet sich gerade mitten in der Bestellphase für das Jahr 2027. „Die betroffenen Händler müssen prüfen, ob sie die Ware überhaupt noch bekommen und welche Alternativen es gibt“, warnt der Experte.Welche Marken nun als übernahmereif geltenWie es für Accell nun weitergeht, ist offen. Der Betrieb läuft erst einmal weiter. Potenzielle Käufer könnten sich künftig einzelne Marken herauspicken. Und einige davon gelten durchaus als attraktiv. „Filetstücke sind sicherlich Haibike, Ghost, Lapierre und Raleigh, in Deutschland Winora sowie XLC als Teilelieferant“, sagt Schöps. Verwandte Themen DeutschlandNiederlandeRaleigh-Fahrrad: Interessante Marke für Investoren. Foto: Accell/PRFür andere Teile des Portfolios dürfte es schwieriger werden: Für Marken wie Koga, Sparta, Babboe oder Batavus könnte es nach seiner Einschätzung auf dem deutschen Markt eng werden.Unter den Bietern auftauchen könnte laut Schöps ein altbekannter Name: „Ich kann mir vorstellen, dass Dutech später nochmal anklopft – um diesmal einzelne Teile der Gruppe abzugreifen.“ Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige remind.me Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Presseportal Direkt hier lesen! Anzeige STELLENMARKT Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden Anzeige Expertentesten.de Produktvergleich - schnell zum besten Produkt