Zunehmende Zweifel an Listen getöteter Journalisten in Gaza: wie die schwierige Datenlage zur Waffe im Informationskrieg wirdIm Konflikt zwischen Israel und der Hamas erweisen sich viele der von NGOs verbreiteten Opferstatistiken als fehlerhaft. Reporter ohne Grenzen oder die Unesco riskieren ihre Glaubwürdigkeit, indem sie Propaganda wie Fakten zitieren.Richard C. Schneider10.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIn Gaza gibt es nur noch wenige unabhängige Medienvertreter: Ein palästinensischer Journalist begutachtet das zerstörte Al-Jazeera-Zelt im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. Bei einem israelischen Angriff am 11. August 2025 kamen fünf Korrespondenten des Senders ums Leben, laut israelischem Militär war darunter ein Terrorist.Die Listen getöteter Journalisten gelten weltweit als ein moralischer Gradmesser des Gaza-Krieges. Organisationen wie das Committee to Protect Journalists (CPJ), Reporter ohne Grenzen oder die Unesco veröffentlichen seit Beginn des Krieges regelmässig Informationen und Meldungen über getötete Medienschaffende. Ihre Zahlen fliessen in die internationale Berichterstattung ein, ebenso wie in politische Stellungnahmen oder juristische Bewertungen der Umstände des Todes der Journalisten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Viele Medien übernehmen die Veröffentlichungen solcher Organisationen, da sie als verlässliche Quellen gelten. Doch der Wahrheitsgehalt ihrer Daten scheint teilweise fragwürdig zu sein. Neue Recherchen sowie eine überraschende Korrektur des CPJ lassen Zweifel aufkommen, ob die bisherigen Listen korrekt sind und internationale NGO die besonderen Bedingungen des Informationskrieges im Gazastreifen ausreichend berücksichtigen.Rund zwanzig Namen gestrichenAuslöser der Debatte ist ein am 8. Juli veröffentlichter Bericht der Genfer Menschenrechtsorganisation UN Watch. Darin wirft die Israel nahestehende Organisation der Unesco vor, mindestens sieben im Gazastreifen getötete Männer öffentlich als Journalisten gewürdigt zu haben, obwohl sie später als Mitglieder oder Funktionäre dieser Terrororganisationen identifiziert worden seien. Dies nicht nur aufgrund von Angaben der israelischen Streitkräfte, sondern auch durch Veröffentlichungen der Hamas oder des Palästinensischen Islamischen Jihad.Zu den genannten Fällen gehören unter anderem Mohammed Manhal Abu Armana, Mohammad Jarghoun oder Mohamed Naser Abu Huwaidi. UN Watch fordert deshalb, dass die Unesco ihre öffentlichen Erklärungen korrigiere, ihre Überprüfungsverfahren offenlege und eine unabhängige Untersuchung einleite. Eine öffentliche Stellungnahme der UNESCO zu den Vorwürfen ist auf ihrer News-Website nicht zu finden.Interessant sind nicht nur die Vorwürfe von UN Watch, sondern auch die beinahe zeitgleiche Ankündigung des CPJ, seine Datenbank zu überprüfen. Es habe schon einmal zwanzig Namen von seiner Liste der im Gaza-Krieg getöteten Journalisten gestrichen. Acht davon, weil sich belastbare Hinweise ergeben hätten, dass die Betroffenen Mitglieder der Hamas oder des Islamischen Jihad gewesen seien. Die anderen zwölf Namen wurden entfernt, weil sich herausgestellt hatte, dass die Betroffenen keine Journalisten waren oder noch lebten.Zweifel an Opferlisten gibt es schon längerDas CPJ erklärte, Personen würden aus der Statistik herausgenommen, sobald Belege vorlägen, dass sie an Kampfhandlungen beteiligt gewesen seien oder zu Gewalt aufgerufen hätten. Gleichzeitig erinnerte das CPJ daran, dass eine unabhängige Überprüfung unmöglich sei, weil Israel internationalen Journalisten und Ermittlern keinen Zugang zum Kriegsgebiet gewähre.Israel sieht sich nach der Ankündigung des CPJ bestätigt, da die Regierung wiederholt argumentierte, militante Organisationen würden journalistische Funktionen gezielt zur Tarnung ihrer Kämpfer nutzen oder Medienarbeit mit militärischen Aufgaben und purer Propaganda verbinden. Internationale Presseorganisationen zeigten sich gegenüber solchen Vorwürfen der Regierung Netanyahu meist skeptisch. Die jüngsten Korrekturen zeigen jedoch, dass zumindest einzelne Angaben tatsächlich fehlerhaft waren.Ganz neu sind solche Vorwürfe nicht. Bereits im vergangenen Jahr erschienen Recherchen, die erhebliche Zweifel an Teilen der internationalen Opferlisten aufkommen liessen. Besonders der Fall Mohammed Jarghoun sorgte für Aufmerksamkeit. Während ihn überwiegend westliche Organisationen als getöteten Journalisten aufführten, erschien sein Name in Veröffentlichungen der Hamas über gefallene Angehörige der Rafah-Brigade.Andere Fälle waren ähnlich: Personen, die zunächst als Journalisten gegolten hatten, tauchten später in Märtyrerlisten oder Nachrufen bewaffneter Gruppen auf. Solche Hinweise wurden früh dokumentiert, ausserhalb Israels erhielten sie jedoch zunächst nur begrenzte Beachtung.Internationale Journalisten ohne Zugang zu GazaDie Hauptursache für diese wiederkehrenden Vorwürfe liegt nicht nur im tiefen Misstrauen der westlichen Medien gegenüber der rechtsnationalen israelischen Regierung. Der Gaza-Krieg gehört mit zu den am schwierigsten überprüfbaren Konflikten der letzten Jahrzehnte. Internationale Reporter haben so gut wie keinen direkten Zugang zum Gazastreifen. Organisationen wie das CPJ geben selbst zu, dass sie vielfach auf lokale Medienanbieter, Angehörige, Behörden und andere Informationsquellen angewiesen sind.Doch seit ihrer Machtübernahme 2007 kontrolliert die Hamas den Informationsapparat im Gazastreifen. Neben wenigen unabhängigen Journalisten, die es inzwischen in Gaza allerdings kaum noch gibt, existieren zahlreiche Medien, die ideologisch auf Linie der Hamas oder anderer Islamisten sind. Eine genaue Einordnung einzelner angeblicher oder tatsächlicher Journalisten, Produzenten, Kameraleute oder Medientechniker ist damit kaum möglich. Umso vorsichtiger müssten internationale Organisationen mit Informationen umgehen.Reporter ohne Grenzen und andere riskieren ihr AnsehenDenn «erste Meldungen» entfalten stets die grösste politische Wirkung. Wird ein vermeintlicher Journalist als getötet gemeldet, verbreitet sich diese Nachricht in kürzester Zeit weltweit. Nicht nur die Medien, auch NGO stehen unter erheblichem Druck, rasch Stellung zu beziehen.Unter den gegenwärtigen Bedingungen aber besteht ein hohes Risiko, dass unvollständig überprüfte Angaben als Real News Verbreitung finden, obwohl sie möglicherweise Fake News sind. Erst Monate, manchmal sogar Jahre später können neue Erkenntnisse einzelne Todesfälle in ein anderes Licht rücken. Diese Korrekturen erhalten meistens nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit wie die ersten Meldungen. Der Mindset ist längst vorgegeben.All dies bedeutet nicht, dass sämtliche israelischen Vorwürfe zutreffen. Auch Israel hat in der Vergangenheit Journalisten als Terroristen bezeichnet, ohne dass sich jeder einzelne Vorwurf zweifelsfrei und unabhängig überprüfen liess. Ebenso wenig folgt aus den jüngsten Richtigstellungen, dass sämtliche Angaben internationaler Organisationen über getötete Journalisten falsch wären oder Israel keine Verantwortung für den Tod von Medienschaffenden in Gaza trüge. Gerade deshalb ist eine saubere Unterscheidung zwischen belegbaren Tatsachen, nachträglichen Identifizierungen und blossen Behauptungen unerlässlich.Die Wahrheit ist die knappste RessourceDennoch offenbart die gegenwärtige Entwicklung ein ernstzunehmendes Glaubwürdigkeitsproblem. Organisationen wie Unesco, das CPJ oder Reporter ohne Grenzen riskieren ihr weltweit hohes Ansehen.Der Schutz von Journalisten bleibt ein essenzielles Gut des humanitären Völkerrechts. Die jüngsten Enthüllungen zeigen, dass gerade in einem Krieg, der von massiver Propaganda auf allen Seiten begleitet wird, sorgfältige Verifikation wichtiger ist denn je. Internationale Organisationen müssen ihre Methodik transparent machen und Fehler konsequent und öffentlich korrigieren. Nur so können sie verhindern, dass ihre Opferstatistiken selbst Teil des Informationskriegs werden.Im Krieg stirbt die Wahrheit bekanntlich immer zuerst, daher ist sie im Krieg auch die knappste Ressource. Gleichzeitig ist sie die wichtigste Voraussetzung für den Schutz des seriösen Journalismus.Passend zum Artikel
Journalist oder Hamas-Terrorist? Neue Zweifel an Opferlisten
Im Konflikt zwischen Israel und der Hamas erweisen sich viele der von NGOs verbreiteten Opferstatistiken als fehlerhaft. Reporter ohne Grenzen oder die Unesco riskieren ihre Glaubwürdigkeit, indem sie Propaganda wie Fakten zitieren.






