Wenn auftaucht, was für immer verloren schien, ist die Freude groß. Das gilt für Socken, Brillen und Schlüssel – und noch mehr für alles Lebendige. Vor allem Hunde und Katzen gehen gerne verloren. Umso größer ist das Erstaunen, wenn sie plötzlich vor der Türe stehen, sitzen oder liegen. Folgt man den Schlagzeilen, sind vereinzelt sogar Trennungsphasen von vielen Jahren möglich; in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel machte vor ein paar Monaten eine Katze Schlagzeilen, weil sie und ihre Menschenfamilie nach elf Jahren wieder zueinander gefunden haben. Die in solchen Glücksfällen normalerweise gut unterrichtete Bild-Zeitung sprach von einem „Happy End, das auf Samtpfoten daherkommt“.Und in Bayern? Da darf man sich jetzt auch freuen. Gut, statt elf Jahren dauerte die Heimkehr nur vier. Statt auf Samtpfoten kroch das Happy End auf schuppen- und krallenbewehrten Beinen daher. Und das nicht mal so schnell. Aber man muss im Journalismus in diesen krisenhaften Zeiten – dem Sommerloch – nehmen, was man kriegt, und wenn es eine griechische Landschildkröte ist.Der jüngste Glücksfall für alle Beteiligten und Boulevardspalten spielte sich laut Polizeiinspektion Lindenberg (Landkreis Lindau) so ab: In Opfenbach habe ein Radler die Schildkröte „bei einer Straßenquerung“ bemerkt, sie auf die Wiese getragen und in der nächsten Siedlung nach einem Halter gefragt. „Dort wurde die Besitzerin bekannt, da der Mitteiler von außen eine Hütte in einem Garten sah, die auf ein Schildkrötengehege hindeutete“, schreibt die Polizei unnachahmlich. Eine hinzugerufene Streife konnte zusätzlich ermitteln, dass die Schildkröte Harry hieß und schon vor längerer Zeit verschwunden war.Journalistisch hätte man jetzt natürlich Fragen an Harry: Hat in den vier Jahren jemand anderes den Panzer gestreichelt? Wie fühlt es sich an, wieder daheim zu sein? Und vor allem: Wo war Harry die ganze Zeit? Leider sind Schildkröten nicht besonders redselig. Dafür wird ihnen, wie sie da so langsam dahinschlurfen, eine gewisse Sturheit zugeschrieben, siehe „Tranquilla Trampeltreu“. Die Wanderung jener „beharrlichen Schildkröte“ hat der Kinderbuchautor Michael Ende einst zu Papier gebracht. Sie macht über ihre überschaubare Reisegeschwindigkeit kein großes Aufheben – und schafft es dennoch pünktlich zu einer Hochzeit.So gesehen ist es eigentlich egal, was Harry Heimhinkend vor vier Jahren in die Ferne gelockt hat und ob diese Ferne je weiter gereicht hat als bis zur anderen Straßenseite. Das Wichtigere ist das Happy End. Oder wie die Polizei die Geschichte von der „ungewöhnlichen Wiedervereinigung“ beschließt: „Nach ihrer langen Reise ist Harry nun wieder wohlbehalten bei ihrer Besitzerin zu Hause.“