Ho-jae Lee hat gleich bei erster Gelegenheit die Bandbreite seiner Fähigkeiten aufblitzen lassen. Von fürsorglich gegenüber den Mitspielern bis trittfest gegenüber dem Ball. Es wirkte fast zärtlich, wie der südkoreanische Hüne den von Krämpfen geplagten Japaner Yosuke Furukawa vom Rasen auflas und über die Seitenlinie trug. Angreifer Lee war erst wenige Minuten auf dem Feld, als er als zugewandter Sanitätsdienst im „Lilien“-Trikot auffiel.Doch der Neuzugang aus Fernost war auch im Notdienst in seiner eigentlichen beruflichen Aufgabe gefragt. Dass dessen erster satter Schuss in Deutschland und der zweiten Liga direkt im Netz landete (76.) zum 1:2-Anschlusstor, war ein Erweckungserlebnis für die beim Saisonauftakt in Notlage geratenen Darmstädter.Lees Volltreffer sorgte für den Moment, in dem ein Fußballspiel, das für die „Lilien“ zuvor aus viel dem Gegner hinterherrennen und vielen vergeblichen eigenen Offensivbemühungen bestand, eine neue Richtung gab. Und der lange nicht für möglichen gehaltenen Wende des Spiels – Aleksandar Vukotić wuchtete den Ball nach einem Eckstoß zum 2:2 ins Tor (86. ) – Vorschub leistete.Tim Walter: „Das Spiel war rum, Darmstadt war tot“Darmstadt 98 bekam so noch ein Happy End im ersten Heimspiel, und die lange überzeugend spielenden Mannen von Holstein Kiel verstanden die Fußballwelt nicht mehr. Man muss es nicht so drastisch beschreiben, wie KSV-Trainer Tim Walter: „Das Spiel war rum, Darmstadt war tot.“Aber nach einer gefestigt wirkenden Startphase der Südhessen hatten sich die Gewichte immer weiter zugunsten der guten, viel Spielkontrolle ausübenden Holsteiner verschoben. Eingespielter und abgestimmter, was angesichts der vielen personellen Neuerungen beim SVD nicht überraschte, aber auch etwas griffiger in ihren Aktionen waren die Kieler. Und hätten nicht Lee und dann auch Vukotić ihre großen Auftritte gehabt, die Fragen nach Schlusspfiff wären andere gewesen.Beispielsweise, warum das „Lilien“-Spiel in der gegnerischen Hälfte so verlässlich ins Stocken geriet. Oder warum dem Auftreten lange etwas zu Braves anhaftete.Aleksandar Vukotic erlebt ein Wechselbad der Gefühle.dpaSo aber herrschten im Darmstädter Lager Freude und Erleichterung darüber, die drohende Startniederlage abgewendet, viel Energie erfolgreich aufgewendet und Charakter bewiesen zu haben. „Du brauchst als Mannschaft Erlebnisse“, sagte Trainer Florian Kohfeldt, der keinen Zweifel daran ließ, dass solch ein Starterlebnis mit Aufholjagd vor vollem Haus am Böllenfalltor sehr hilfreich ist für ein Ensemble in der Findungsphase.Vier Neuzugänge (Kleinhansl, Weißhaupt, Lannert, Duijvestijn) standen in der Startformation, vier weitere (Lee, Verkooijen, El Kadiri, Merx) kamen auch zum Einsatz. „Gemessen am Entwicklungsstand“, zeigte sich Kohfeldt sehr zufrieden. Dass er den ersten Pflichtspielauftritt 2026/27 öffentlich in etwas zu leuchtenden Farben beschrieb, sollte wohl auch ins Innenleben der Mannschaft hineinwirken. Dieses „sehr emotionale, schöne erste Heimspiel“, so Kohfeldt, gebe ihm „extrem viel Mut für die Saison“.Es wirkte bei so viel personeller Veränderung naturgemäß manches noch unrund. Aber doch deutete sich an, dass die „Lilien“ in dieser Runde womöglich über einen breiteren Kader verfügen. Die Einwechselspieler schwächten das Kombinationsspiel nicht und brachten mit ihrer frischen Energie ja letztlich auch die Wende. Auch mit jugendlicher Frische, verkörpert durch die 17 beziehungsweise 19 Jahre alten Manolo Merx und Nicolas Verkooijen.Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die „Lilien“ vor Lees Kraftakt als aussichtsreiche Abschlüsse nur einen überhasteten von Lakenmacher (14.) und einen unpräzisen von Pfeiffer (16.) zustande brachten. Und dass sich die Darmstädter Sieglos-Serie saisonübergreifend auf zehn Partien ausgeweitet hat.Vukotić dreht zum Schluss aufNeben Lee die zweite Darmstädter Geschichte des Tages verkörperte sicherlich Vukotić. Der 2,01 Meter große Streiter im Abwehrzentrum erlebte mehr als alle Spieler auf dem Platz ein Wellental der Gefühle. Die vorige Saison verbrachte er trotz konstantem Lob vom Trainer überwiegend auf der Bank. Als nun seine Stunde gekommen war – und sein letztjähriger unüberwindbarer Konkurrent Matej Maglica, auf dem Sprung zu einem neuen Arbeitgeber, gar nicht im Kader war –, unterlief ihm eine schier furchtbare erste Halbzeit.Das 0:1 durch den Kieler Balzi (9.) ermöglichte Vukotić mit einem Fehlpass und durch seinen mangelnden Speed, die Lücke wieder zuzulaufen. Beim 0:2 (42.) hatte er seinen Gegenspieler Harres so sehr aus den Augen verloren, dass dieser völlig frei stehend einköpfen konnte. Der Riese wackelte, und so mancher SVD-Fan dürfte sich gefragt haben, ob das serbisch-ghanaische Fast-vier-Meter-Duo aus Vukotić und Patric Pfeiffer (1,96 Meter) wirklich das benötigte Bollwerk für die Saison darstellt.Doch dann drehte Vukotić vorn wie auch hinten auf. „Wir brauchten einen Funken, und den haben wir bekommen“, sagte Kohfeldt. Es war Ho-jae Lee, der den Brand entfachte. Und Vukotić, der den „Lilien“ ein feuriges Finale am ersten Spieltag bescherte.
Zweite Bundesliga: Feuriges Finale zum Auftakt für Darmstadt 98
Darmstadt 98 macht am ersten Zweitliga-Spieltag ein 0:2 gegen Holstein Kiel wett. Neuzugang Ho-jae Lee entfacht den Funken im Stadion am Böllenfalltor.











