Am Freitag konnte Owen Ansah die Nachricht, die er so gefürchtet hatte, nicht mehr ignorieren. Nur wenige Stunden zuvor hatte er am Bundesstützpunkt an der Frankfurter Hahnstraße noch erklärt, wie sehr er sich darauf freue, Deutschland bei den am Montag beginnenden Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham zu repräsentieren. Er habe in den vergangenen Tagen viel Rückendeckung erhalten, sein Umfeld, der Verband und auch die anderen Athleten stünden ihm beiseite. „Ich kann gut Sachen ausblenden“, sagte Ansah, ehe er einschränkte: „Ich versuche es zumindest.“Was nicht einfach sein dürfte, wenn über der eigenen Karriere ein Verfahren schwebt, das ihn seine besten Jahre kosten könnte. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) fordert, Ansah für vier Jahre zu sperren, weil der Sprinter am 9. Juli 2026 eine Dopingkontrolle verweigert haben soll. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass „der Athlet gegen die Anti-Doping-Bestimmungen des Anti-Doping-Codes des Deutschen Leichtathletik-Verbandes verstoßen hat und aus Sicht der NADA ein Verstoß gegen Artikel 2.3 des Nationalen Anti-Doping-Codes (Weigerung oder Unterlassen, sich einer Probenahme zu unterziehen) vorliegt“.„Kontrolle zu keinem Zeitpunkt abgelehnt“Ansah wird vorgeworfen, keine Probe abgegeben zu haben, obwohl ihn ein Kontrolleur dazu aufgefordert hatte – ein Vergehen, das so behandelt werden kann, als wäre er positiv getestet worden. Akzeptiert Ansah die Entscheidung, wird die Sperre auf drei Jahre reduziert. Er sieht sich jedoch zu Unrecht beschuldigt und will sich gegen die Sperre wehren: Ansahs Anwalt Rainer Cherkeh ließ am Freitag wissen, dass der Sprinter den Vorschlag der NADA „nicht akzeptieren“ werde.Damit wird es wohl zu einem Disziplinarverfahren vor dem Deutschen Sportschiedsgericht kommen, das sich jahrelang ziehen kann. Die Parteien könnten bis zum Internationalen Sportgerichtshof (CAS) gehen. Ansahs Seite sieht offenbar Ansatzpunkte, um die Strafe abzuwenden: „Unser Mandant Owen Ansah hat sich zu keinem Zeitpunkt geweigert, eine Dopingkontrolle durchzuführen“, behauptete sein Rechtsanwalt Cherkeh: „Er hat zu keinem Zeitpunkt die Abgabe einer Probe abgelehnt. Owen Ansah hat zu keinem Zeitpunkt gesagt oder den Eindruck erweckt, dass er eine Dopingkontrolle nicht durchführen wolle.“Formfehler des Kontrolleurs?Mitte Juli hatte die NADA öffentlich erklärt, dass sie ein Verfahren gegen Ansah, der vor zwei Jahren als erster Deutscher über 100 Meter unter zehn Sekunden gesprintet war und im Juni seinen nationalen Rekord auf 9,98 Sekunden verbessert hatte, wegen eines „möglichen Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen“ eingeleitet habe.Wie Ansah über den DLV mitteilen ließ, sei ihm „ganz kurzfristig“ ein Startplatz bei der Diamond League in Monaco gewährt worden. Als er sich am Tag vor dem Meeting zum Flughafen aufmachen wollte, habe ein Kontrolleur geklingelt und ihn um eine Dopingprobe gebeten – außerhalb des einstündigen Zeitfensters, in dem Athleten wie Ansah für die NADA erreichbar sein müssen. „Ich war schon sehr spät dran und konnte so kurzfristig die Probe nicht abgeben, zumal ich kurz zuvor die Toilette besucht hatte“, sagte Ansah: „Dies habe ich mit dem Kontrolleur besprochen.“Weder sei ihm angeboten worden, dass der Kontrolleur ihn zum Flughafen begleitet, damit Ansah dort die Probe abgeben kann, noch seien ihm Konsequenzen aufgezeigt worden, falls er die Probe verweigern sollte: „Der Kontrolleur wünschte mir noch viel Glück in Monaco.“ Dort sei er im Rahmen des Wettkampfes von der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) getestet worden, am Montag darauf noch einmal von der NADA.Vor allem ein Punkt, über den die Schilderungen weit auseinandergehen, könnte für das weitere Verfahren relevant werden: Sollte der Kontrolleur Ansah tatsächlich nicht über die Folgen einer verweigerten Probe aufgeklärt haben, wäre dies ein Formfehler, der eine Strafe für Ansah womöglich abmildern könnte.Widersprüchliche AngabenDie NADA gab am Freitag auf F.A.Z.-Anfrage an, die Aussagen Ansahs derzeit nicht kommentieren zu wollen. Das Prozedere sei jedoch nach dem Welt-Anti-Doping-Code und dem Nationalen Anti-Doping-Code erfolgt, auch sei Ansah entsprechend den Vorgaben bei einem Verstoß gegen Artikel 2.3 auf eine mögliche Sperre hingewiesen worden. Nach den Regularien muss der Kontrolleur den Athleten in diesem Fall auch ein Formular unterschreiben lassen.Mitten in der Nacht: Dopingkontrolleure wecken auch einmal Rad-Stars wie Tadej Pogačar (links) und Jonas Vingegaard aus dem Tiefschlaf.dpaAthleten aus dem RTP sind dazu verpflichtet, jeden Tag ein 60-minütiges Zeitfenster zwischen 6 und 23 Uhr anzugeben, in dem sie für eine mögliche Probe bereitstehen: In dieser Stunde müssen sie am angegebenen Ort erreichbar und für eine Kontrolle verfügbar sein. Außerhalb dieses Zeitfensters können RTP-Athleten jedoch ebenfalls jederzeit und unangekündigt getestet werden – auch während der Nachtruhe, wie zuletzt bei der Tour de France. Der Überraschungseffekt ist dabei ausdrücklich gewollt, weil manche Substanzen nur wenige Stunden nachweisbar sind: Wer weiß, wann ein Kontrolleur nicht kommt, kann verbotene Mittel gezielt einsetzen.Ähnlichkeiten mit dem Fall Marketa VondrousovaWer eine Kontrolle verpasst – etwa weil die Aufenthaltsdaten nicht mehr aktuell sind –, riskiert einen sogenannten Strike. Erst bei drei solcher „Meldepflicht- und Kontrollversäumnisse“ innerhalb von zwölf Monaten kann ein Verfahren eingeleitet werden. Das geschieht relativ selten: Von 300 Strikes pro Jahr werden nach Angaben von Bunthoff nur drei bis vier Fälle weiter verfolgt.Entscheidend ist im Fall Ansah die Unterscheidung zwischen einer versäumten und einer verweigerten Kontrolle. Hätte Ansah dem Kontrolleur nicht die Tür geöffnet, hätte dies erst mal keine direkte Strafe nach sich gezogen. Aber sobald ein Athlet von einem Kontrolleur angetroffen wird und sich trotz Aufforderung nicht testen lässt, kann dies als Umgehung einer Kontrolle gewertet werden – mit schwereren Konsequenzen als ein Meldepflicht- und Kontrollversäumnis.Tennisspielerin Marketa Vondrousova wurde nach einem verweigerten Test gesperrtdpaAnsahs Fall ähnelt dem der tschechischen Tennisspielerin Marketa Vondrousova. Die Wimbledon-Siegerin von 2023 hatte im vergangenen Dezember eine Dopingkontrolle verweigert und angeführt, unter einer Angststörung zu leiden, was nach Einschätzung der International Tennis Integrity Agency (ITIA) aber „keine überzeugende Rechtfertigung“ darstellte. Vondrousova wurde im Juni für vier Jahre gesperrt. Die ITIA argumentierte: Die Strafe für eine Spielerin, die sich einer Kontrolle verweigert, müsse dieselbe sein wie die, die ihr auferlegt worden wäre, wenn sie positiv getestet worden wäre.Kein EM-Start in der StaffelOwen Ansah hat seit Freitag eine Frist von 20 Tagen, bis zu deren Ablauf er die Einleitung eines Disziplinarverfahrens verlangen kann. Bis dahin ist er nicht vorläufig suspendiert, könnte also wie geplant bei der EM über 100 und 200 Meter starten. Eine Sperre beginnt laut Mitteilung „erst mit dem Tag der entsprechenden finalen Entscheidung der NADA oder eines Disziplinarorgans oder mit dem Tag, an welchem die vorgeschlagene Sperre akzeptiert wurde“. Sollte Ansah gesperrt werden, würden alle seine Ergebnisse seit dem 9. Juli 2026 annulliert. Dies beträfe etwa seine deutschen Meistertitel über 100 Meter und 200 Meter, auch mögliche Erfolge in Birmingham würden gestrichen.Eigentlich wäre Ansah als nationaler Rekordhalter in den Sprint-Staffeln gesetzt gewesen. Doch der DLV kündigte bereits an, auf Ansah zu verzichten. „Nach Rücksprache mit dem Trainerteam und den Athleten (...) haben wir entschieden, dass Owen Ansah bei der EM wie geplant über 100 Meter und 200 Meter an den Start gehen wird, aber nicht an den Staffel-Wettbewerben teilnimmt“, erklärte Leistungssport-Vorstand Jörg Bügner – auch weil bei einer Sperre Ansahs eine nachträgliche Disqualifikation und die Aberkennung gewonnener Medaillen drohen würden.Dopingexperte Fritz Sörgel hält Ansahs Erfolgschancen für gering. „Dass er ohne Strafe aus dem Verfahren rausgeht“, sagte Sörgel der Deutschen Presse-Agentur, „halte ich für ausgeschlossen.“ Ansahs Zukunft ist einen Tag vor EM-Beginn so ungewiss wie selten zuvor.