Schwarz-Grün ist in Deutschlands hohem Norden im Abwind. Das bleibt nicht ohne Folgen für die BundespolitikDer deutsche Christlichdemokrat Daniel Günther gab sich immer besonders progressiv. Doch jetzt gerät der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein mit seinem Kurs in Schwierigkeiten.09.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDPARapsfelder, Deiche, Weissdornhecken und Fjorde: Schleswig-Holstein ist ein schönes deutsches Bundesland, in dem die Einwohner sich ausweislich einschlägiger Umfragen besonders glücklich fühlen. Bisher bewahrte sie diese Zufriedenheit anscheinend vor allzu radikalen politischen Experimenten. Bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2022 verfehlten sowohl die Alternative für Deutschland als auch die Linkspartei den Einzug ins Kieler Parlament. Die Christlichdemokraten kamen auf sensationelle 43,4 Prozent der Stimmen. Das machte den Ministerpräsidenten und CDU-Landesvorsitzenden Daniel Günther zu einer Art norddeutschem Superhelden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser Tage wandert Günther auf einer «Sommertour» durch sein Land. Mal schliessen sich ihm hundert Mitbürger an; mal sind es, wie in dem idyllisch gelegenen Städtchen Eutin, sogar deutlich mehr. «Mein Team und ich freuen uns sehr, dass die Tour auf eine so tolle Resonanz stösst», erzählt der Ministerpräsident. Die Stimmung sei durchweg super: «Selbst jene, die ein schwieriges Anliegen mit mir besprechen wollen, sind sehr freundlich und zugewandt.» Da hätten die etablierten Parteien insgesamt ein Defizit, sagt Günther nachdenklich: Sie «schnackten» zu wenig direkt mit den Wählern.Gut möglich allerdings, dass der CDU-Spitzenmann bis zur nächsten Landtagswahl im April 2027 mehr «schnacken» muss, als ihm lieb ist. Denn gegenwärtige Wanderlust hin oder her: Politisch scheinen die Dinge plötzlich unrund zu laufen zwischen Nord- und Ostsee. In einer Mitte Juli veröffentlichten Erhebung sah das Meinungsforschungsinstitut Insa Günthers Partei von 43 auf 27 Prozent abstürzen. Die AfD hingegen zöge mit 18 Prozent ins Landesparlament ein – das wäre ein westdeutscher Normalwert.Hoffen auf Günthers «Persönlichkeitseffekt»Was hat sich verändert im glücklichen Schleswig-Holstein? Hat der Superheld womöglich etwas falsch gemacht? In Günthers Umfeld wiegeln sie ab: Vor allem sei es die «Sch. . . aus Berlin», die christlichdemokratische Wähler vergraule. Oder: In den südöstlichen Landesteilen, etwa im Herzogtum Lauenburg, zeige sich eine Art Ansteckungseffekt aus dem benachbarten Mecklenburg-Vorpommern. Auf einmal bekenne man sich dort eben ungehemmter zu «rechten» politischen Positionen. Ausserdem: Auch bei früheren Wahlen hätten die Institute die CDU Schleswig-Holstein weit unterschätzt. Der «Persönlichkeitseffekt», also Günthers Beliebtheit, komme erst kurz vor dem Wahltermin zum Tragen.Der Ministerpräsident selbst gibt sich optimistisch: «Nirgendwo in Deutschland sind die Menschen so zufrieden mit einer Landesregierung.» Aber wie erklärt sich dann ein Stimmungsumschwung von über 16 Prozentpunkten? Günther, der seit 2022 mit den Grünen paktiert, stets auf einen «progressiven» Kurs setzte und sich zuweilen überdeutlich von seinem Parteifreund und Bundesvorsitzenden Friedrich Merz distanzierte, schien doch lange unverwundbar zu sein.Es helfe jedenfalls nicht, mit dem Finger ausschliesslich auf «Berlin» zu zeigen, sagen altgediente CDU-Kämpen – auch wenn Bundeskanzler Merz zuletzt recht ungeschickt agiert habe. Es gebe definitiv hausgemachte Probleme, schimpft ein erfahrener Christlichdemokrat: Beispielsweise werde innerparteiliche Kritik am Ministerpräsidenten systematisch unterdrückt. Das tue der CDU gar nicht gut.Der in Schleswig-Holstein ansässige FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki spricht in Bezug auf den Landesvater sogar von einer bedauerlichen Tendenz zur «Selbstherrlichkeit». Und der Kieler Politikwissenschafter Joachim Krause betrachtet es als fatalen Fehler, dass Günther sich ausgerechnet für ein Bündnis mit den Grünen entschied, obwohl er auch mit FDP, SPD oder sogar der dänischen Minderheitsvertretung SSW hätte koalieren können: «Bei vielen bürgerlichen Wählern ist er damit weg vom Fenster», sagt Krause.Die sozialsten und klimagerechtesten GrünenMan könne durch eine schwarz-grüne Zusammenarbeit, wie es sie auch beim Ministerpräsidenten Hendrik Wüst in Nordrhein-Westfalen gibt, zwar kurzfristigen Applaus von Journalisten mobilisieren, sagt der Allensbacher Meinungsforscher Thomas Petersen – aber nachhaltig sei diese Strategie für die Union nicht. Klassischen Konservativen dürften insbesondere die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Grünen suspekt sein. Und eventuell deren Auftreten: Die 33-jährige grüne Spitzenkandidatin zum Beispiel, Sozialministerin Aminata Toure, war nach eigenem Bekunden «schweineaufgeregt, ob mich meine Partei so supportet, wie ich es mir wünsche». Doch seit ihrer Nominierung setzt sie, ostentativ selbstbewusst, auf den «sozialsten und klimagerechtesten Wahlkampf» aller Parteien, die in Schleswig-Holstein antreten.Günther-Kenner sagen, den Grünen sei wohl ihr Plus auf 17 Prozent in der Insa-Umfrage zu Kopf gestiegen. Das mache es etwas einfacher, sich trotz erfolgreicher Regierungszusammenarbeit von ihnen abzugrenzen. Wenn es dafür mal nicht zu spät ist. Die grüne Ideologie könnte CDU-Wähler dauerhaft entfremdet haben. Die Ökopartei, die noch vor wenigen Jahren höchste Beliebtheitswerte auch ausserhalb ihrer eigenen Wählerschaft erzielte, stosse inzwischen auf immer mehr Ablehnung bei denen, die etwas anderes wählen, sagt Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach. Das könnte sich auch in Schleswig-Holstein zeigen.Und es gibt ja weitere politische Baustellen: Mit Dirk Schrödter beschäftigt Daniel Günther einen durchaus umstrittenen Minister als Chef seiner Staatskanzlei. Dessen brachiale Versuche, die schleswig-holsteinische Verwaltung von Microsoft-Produkten auf Open-Source-Software umzustellen, haben viel Widerstand erzeugt. Der öffentliche Dienst des Landes wächst, wird aber nicht unbedingt effektiver.Kleine wie grosse Projekte scheitern auf spektakuläre Weise: Da ist etwa die sieben Millionen Euro teure Schleifähre «Missunde III», die zwar theoretisch klimaneutral funktionieren soll, vor allem aber praktisch kaum fährt. Oder das 200-Millionen-Euro-Grab der Northvolt-Batteriefabrik im Landkreis Dithmarschen.In dieses Harakiri-Unternehmen war das Land zwar vor allem vom Bundeswirtschaftsministerium hineingetrieben worden – doch die Kieler Politiker folgten bereitwillig. Sie missachteten Warnungen ihrer eigenen Verwaltungsfachleute und informierten die Landtagsabgeordneten nur unzureichend über die finanziellen Risiken des Projekts. Dafür gab es unlängst eine Rüge vom Landesverfassungsgericht. Und einen geharnischten Bericht des Landesrechnungshofes über die Mängel dieses unzulänglichen Förderverfahrens.«Jünger, schöner, geiler»«Günther erklärt immer noch, dass die AfD bei uns keine Chance habe», sagt Christopher Vogt, Vorsitzender der bürgerlichen FDP-Landtagsfraktion und designierter Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl im Frühjahr 2027: «Aber das ist leider unrealistisch.» Gerade im Zuge der jüngsten Bauernproteste habe sich im Lande ein AfD-Vorfeld entwickelt. Diese Gruppen hängten inzwischen oft ihr «letztes Hemd» an Ortsschilder, um ihre politische Frustration und ihre Existenzängste zum Ausdruck zu bringen.Etwas ratlos wirkt Vogt angesichts der Tatsache, dass von dem Beliebtheitseinbruch der CDU einstweilen vor allem die AfD zu profitieren scheint. Die FDP verharrt in den neuesten Umfragen bei ihrem Sechs-Prozent-Ergebnis von 2022. Kaum noch eine landespolitische Rolle spielt die SPD, die mit 15 Prozent von Platz drei auf Platz vier zurückgefallen ist.Für Schwarz-Grün jedenfalls würde es nach dem heutigen Umfragetrend in Schleswig-Holstein nicht mehr reichen, dafür hat die AfD zu viele CDU-Anhänger abgezogen. Das verheisst nichts Gutes für schwarz-grüne Gedankenspiele auf Bundesebene – und stärkt auch nicht Günthers Stellung als Ersatzreserve, falls Friedrich Merz, was nicht auszuschliessen ist, als Kanzler vorzeitig scheitern sollte.Womöglich geht es manchen Wählern inzwischen nur noch um einen unmissverständlichen Denkzettel. Sie sind offenkundig nicht so wahnsinnig begeistert von angegrünter CDU-Politik, von neun Millionen Euro für ein Gehege zur Ansiedlung dreier Fischotter oder von Autobahnteilstücken, die im Nirgendwo enden. Sie hatten jenen Daniel Günther gemocht, der 2023 in einem Kieler-Woche-Bierzelt auf den Tisch sprang und den politisch nicht ganz korrekten Partysong «Leyla» mitschmetterte – das war noch «jünger, schöner, geiler» gewesen.Passend zum Artikel
Schleswig-Holstein: Warum Schwarz-Grün und Daniel Günther unter Druck geraten
Der deutsche Christlichdemokrat Daniel Günther gab sich immer besonders progressiv. Doch jetzt gerät der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein mit seinem Kurs in Schwierigkeiten.






