Der Schritt, den damals kaum jemand nachvollziehen konnte, sieht plötzlich wie ein plausibler Karriereplan aus. Drei Jahre ist es her, dass sich Matthias Jaissle als umworbener junger Trainer von RB Salzburg entschied, die europäische Fußballbühne zu verlassen. Er hätte wohl früher oder später einen Job in der Bundesliga bekommen, stattdessen ging er zu Al-Ahli nach Saudi-Arabien. Aus den offensichtlichen Gründen dafür machte er kein Geheimnis: Er konnte bei einem Spitzenklub der Saudi-Pro-League, in die in jenem Jahr auch Cristiano Ronaldo wechselte, sehr viel Geld verdienen. Aber: Würde es den Ambitionen eines jungen deutschen Trainers nicht schaden?In dieser Woche hat Jaissle, 38, Europas Fußballbühne wieder betreten. Er stieg aus einem Van mit verdunkelten Scheiben, als er im Trainingslager von Newcastle United in La Manga in Spanien ankam. Wenig später leitete er seine erste Einheit als aktuell vierter deutscher Teammanager in der Premier League neben Fabian Hürzeler (Brighton), Marco Rose (Bournemouth) und Daniel Farke (Leeds). So viele auf einmal gab es noch nie.Fußball-Transfermarkt:Diomande wechselt für 135 Millionen Euro zu Real MadridNun ist es fix: Sturmjuwel Yan Diomande verlässt RB Leipzig. Der 19-Jährige ist der teuerste Einkauf in der Geschichte von Real Madrid – und einer der teuersten Transfers der Bundesliga-Historie.Seit seiner Verpflichtung wird allenthalben betont, wie hart über den Wechsel verhandelt wurde. Von einem kurzen Weg zu sprechen, ist aber wohl nicht nur deshalb zulässig, weil Jaissle mit seiner einstigen Mannschaft just im Trainingslager in Portugal war: Beide Klubs, Al-Ahli und Newcastle, sind im Besitz des saudischen Staatsfonds PIF. Die Bosse von United hatten also zumindest keinen Anlass, am sportlichen Wert von Jaissles Zeit im Wüstenstaat zu zweifeln, in der er zweimal die asiatische Champions League gewann. Nun muss er beweisen, dass er wirklich das sein kann, was CEO David Hopkinson ohne den Versuch großer Zurückhaltung im Gespräch mit The Athletic ankündigte: „Ein Rockstar.“Jaissle, geboren in Nürtingen, hatte bis zu seinem Wechsel nach Saudi-Arabien eine typische Karriere für ein Trainertalent hingelegt: Seine Profilaufbahn als Verteidiger bei der TSG Hoffenheim musste er wegen Verletzungen früh beenden, danach wurde er Jugendtrainer im Red-Bull-Kosmos und arbeitete sich zum Chefcoach in Salzburg hoch. Als 33-Jähriger traf er 2022 im Champions-League-Achtelfinale einmal auf den FC Bayern mit dem 34-jährigen Julian Nagelsmann. Salzburg verlor nach einem 1:1 im Hinspiel das Rückspiel 1:7.Es gibt durchaus Parallelen zwischen den Trainern Nagelsmann und Jaissle, nicht nur wegen der Stationen Hoffenheim und Red Bull. Beide fallen mit Selbstbewusstsein und einem impulsiven Auftreten am Seitenrand auf. Jaissles Idee vom Fußball ist stark von der RB-Schule inspiriert: viele Sprints, Aggressivität im Pressing, Geradlinigkeit auf dem Weg zum Tor.Gordon, Tonali, Guimarães: Leistungsträger der Vorsaison stehen Jaissle nicht mehr zur VerfügungSein Fußball könnte damit ähnlich aussehen wie der seines Vorgängers Eddie Howe an guten Tagen. 2025 gewann Newcastle den Ligapokal, der erste Titel seit Langem für den Traditionsklub, und qualifizierte sich für die Champions League. Seit der europaweit umstrittenen Übernahme des saudischen Staatsfonds 2021 sind die Erwartungen riesig. Die Fans gehören zu den leidenschaftlichsten in England. Die Realität sieht allerdings etwas nüchterner aus.Im Vorjahr wurde Newcastle Zwölfter. Und durch die Finanzregeln der Premier League und große Kaufwut in der Vergangenheit ist United zum Verkaufen gezwungen: In diesem Sommer verließen die Spitzenspieler Anthony Gordon (FC Barcelona) und Sandro Tonali (Tottenham Hotspur) den Verein, der Transfer von Bruno Guimarães zum FC Arsenal steht bevor. Bei der Suche nach Ersatz klappte auch nicht alles: Der talentierte Johan Manzambi wechselte vom SC Freiburg statt nach Newcastle zu Aston Villa.Profitiert er vom Trainerwechsel? Nick Woltemade im Trikot von Newcastle United. Andrew Yates/Sportimage/ImagoVielleicht war es auch die Kluft zwischen Erwartung und Realität, die Howe ermüdete. Der beliebte Coach trat jedenfalls zurück, um eine Fußballpause einzulegen. Mit Jaissle, dem bis zum Saisonstart nur noch gut zwei Wochen Vorbereitung bleiben, soll nun eine neue Strategie beginnen, CEO Hopkinson spricht vom „Newcastle 2.0“: Junge Spieler sollen ihren Wert steigern. Von den fünf bisherigen Neuen in diesem Sommer, darunter der 20-jährige Bazoumana Touré von der TSG Hoffenheim, ist keiner älter als 24.Damit ist man bei den zwei Deutschen im Kader angelangt, Verteidiger Malick Thiaw und Stürmer Nick Woltemade, beide 24. Vor allem Letzterer steht im Fokus: Schafft er es, sich nach einer enttäuschenden Saison und einer mindestens ebenso enttäuschenden WM samt verschossenem Elfmeter beim Aus gegen Paraguay wieder zu jenem aufregenden Fußballer zu entwickeln, der er im vergangenen Sommer war?Der Trainerwechsel jedenfalls, so ist es aus seinem Umfeld zu hören, hat bei Woltemade keineswegs die Lust gemindert, es in Newcastle seinen Kritikern zu zeigen. Unter Howe musste er zum Teil defensive Rollen im Mittelfeld übernehmen, unter Jaissle dürfte er anderes erwarten. An den Gerüchten um einen Wechsel, die durch die sozialen Medien geistern, ist nichts dran. Wenn es mit einem Newcastle 2.0 klappt, könnte es ja auch einen Woltemade 2.0 geben.