Herr Baron, nach 20 Jahren sind Sie mit Ihrer Familie zurück nach Kaiserslautern gezogen. „Dehäm is dehäm“ soll Fritz Walter einst gesagt haben, als er ein Angebot von Inter Mailand ausschlug. Ist das bei Ihnen genauso?Gewissermaßen ja, aber gewissermaßen ist es auch ganz anders. Als ich vor 20 Jahren raus bin aus dieser Stadt, war es eine Flucht. Weil für mich klar war, dass ich hier nicht bleiben kann. Das ist der Ort meiner Kindheitstraumata. Der letzte Blick ging tatsächlich hoch zum Stadion, weil man das vom Hauptbahnhof aus so schön sehen kann. Ich bin weggefahren und war mir sicher, dass ich nie zurückkehren würde. Aber nachdem ich mein halbes Leben anderswo verbracht hatte, hat sich meine Lebenssituation grundlegend verändert. Ich bin Vater geworden. Dass ich nun zurückkehre, hat also auf der einen Seite mit Heimweh zu tun, auf der anderen aber auch damit, dass wir in Berlin als Familie Probleme hatten, angemessenen Wohnraum zu finden.Ihr Bestseller-Roman „Ein Mann seiner Klasse“ handelt von Ihrer Kindheit in Kaiserslautern, die geprägt war vom Alkoholismus und der Gewalt Ihres Vaters, von der Armut Ihrer Familie. Wären Sie ohne diese Auseinandersetzung heute in der Lage, zurückzukehren?Als wir im Januar noch mal hier waren, habe ich kurz gezweifelt. Ich habe zu meiner Frau gesagt: „Ich bin damals aus guten Gründen fortgegangen, ich kann doch jetzt nicht zurückgehen.“ Aber sie hat mir gesagt: „Du kommst nicht als derjenige zurück, als der du gegangen bist.“ Ich bin zu einem glücklichen Menschen geworden. Und der kann ich jetzt auch endlich in der alten Heimat sein. Ich kehre zurück als jemand, der versöhnt ist mit dieser Stadt und dieser Region. Das ist mir wichtig, auch weil ich in meinen Romanen Kaiserslautern nicht unbedingt in den allerbuntesten Farben gezeichnet habe. Ich blicke darin sozusagen in die ungelüfteten Stuben dieser Stadt und habe die Erfahrung gemacht, dass ich trotzdem nicht als Nestbeschmutzer wahrgenommen werde. Das gibt mir das Gefühl, jetzt am richtigen Ort zu sein.Bester deutschsprachiger Debütroman: Christian Baron erhält den Klaus-Michael Kühne-Preis für sein Buch „Ein Mann seiner Klasse“.Copyright: Hans ScherhauferSie haben nun ein Buch geschrieben über den 1. FC Kaiserslautern, „eine Liebeserklärung“, wie der Untertitel verrät. Der Fußball ist in dieser Stadt wichtiger als anderswo, heißt es. Warum?Kaiserslautern war über viele Jahre der kleinste Bundesligastandort. Das hat sich inzwischen relativiert, aber dieser Stolz darauf, dennoch mithalten zu können, ist geblieben. Den Leuten in Kaiserslautern, die schon ab den Siebzigerjahren einen schleichenden industriellen Abstieg erlebt haben, hat der Fußball ein Selbstbewusstsein gegeben. Mein Vater zum Beispiel war Möbelpacker, ein Beruf, in dem es fast keine Aufstiegschancen gab. Er hatte immer das Gefühl: Ich mache die Umzüge für die Reichen und komme selbst nicht vom Fleck. Und dann hat er den FCK gesehen, der auch mal gegen die Bayern gewonnen hat – der in den Neunzigerjahren sogar ständig gegen die Bayern gewonnen hat! Das hat ihm gezeigt: Es ist offenbar kein Naturgesetz, dass die Kleinen immer verlieren und die Großen immer gewinnen.Und diese Erkenntnis beflügelt?Die fast schon tragische Dialektik des Ganzen ist, dass die Leute einerseits an Selbstbewusstsein gewinnen, wenn „der Betze“ gewinnt. Aber wenn er verliert, ist es absolut niederschmetternd. Ich würde gerne mal eine Erhebung machen, wie sich die Wirtschaftskraft in Kaiserslautern verändert, wenn der FCK dreimal nacheinander gewinnt oder dreimal nacheinander verliert. Die Menschen gehen hier anders zur Arbeit, wenn ihr Klub erfolgreich ist. Das sind Dinge, die ich aus Berlin, aus Thüringen nicht so kenne und die es, glaube ich, auch in München oder in Frankfurt so nicht gibt.Das Fritz-Walter-Stadion thront auf dem Betzenberg über der Stadt wie eine mittelalterliche Burg. Mit Platz für rund 50.000 Zuschauer in einer Stadt mit rund 100.000 Einwohnern. Zeigt das schon, dass hier das Verhältnis nicht stimmt?Sehr treffend ist der Satz: Andere Städte haben ein Stadion. Dieses Stadion hat eine Stadt. Die Burg ist dabei das perfekte Bild. Das ist unsere Burg im 21. Jahrhundert. Wir blicken hinauf zum Betzenberg und wissen genau, wir sind wahnsinnig abhängig von dem, was da oben passiert. Das hat eine Symbolkraft, die im Alltag spürbar ist. Inzwischen ist aber auch eine gewisse Gegenseitigkeit vorhanden, dadurch, dass der FCK so in den Seilen hing und durch die öffentliche Hand immer wieder gerettet werden musste. Das Stadion zum Beispiel gehört über die Stadiongesellschaft inzwischen der Stadt. Die Probleme des FCK wurden über die fälligen Mietzahlungen auch zu Problemen für Kaiserslautern.Predigt Zusammenhalt in Kaiserslautern: Trainer Torsten LieberknechtdpaSpiegelt sich in dem Fußballklub einer Stadt deren soziale Realität? Braucht eine Arbeiterstadt einen Arbeiterklub?Wenn ein Verein erfolgreich sein will, braucht er so etwas wie eine Identität. Und wenn er die Menschen dabei über Generationen hinweg mitnehmen will, sollte diese auch zu der Stadt passen. Aber interessant ist, dass zum Beispiel der FCK in seiner Historie gar nicht der Arbeiterverein der Stadt war. Die proletarische Variante war der anfangs noch ebenbürtige VfR Kaiserslautern. Die FCK-Spieler galten als die „Betze-Schnääger“, ein Begriff für die abgehobene Fußball-Elite der Stadt, der sich auch heute noch im Sprachgebrauch der Leute findet. Diese Rolle ändert sich aber, sobald man die eigene Stadt verlässt und zum Außenseiter wird. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich der Klub bewegt.Sie zitieren in Ihrem Buch den Journalisten Christoph Biermann, der über den VfL Bochum einst sagte: „In der Spielweise spiegelt sich die Lebensrealität.“ Auch Klubs wie der FC Schalke kokettieren bis heute mit einer Bergbau- und Malocher-Identität. Dabei ist das längst Vergangenheit. Warum funktioniert es trotzdem?Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Stolz auf das eigene Arbeiterdasein eigentlich seit Jahrzehnten verschwunden ist. Doch im Fußball erlebt er eine etwas eigentümliche Nachblüte, die dann bei Klubs wie Schalke zu beobachten ist. Auch Torsten Lieberknecht redet als Trainer des FCK bei jeder zweiten Pressekonferenz von den „Betze-Tugenden“, von Kampfkraft und Wille, mit dem man auch vermeintlich bessere Teams besiegen kann. Dabei sind diese Tugenden in der Ersten und Zweiten Bundesliga längst die Basics, auf denen man dann taktisch und spielerisch aufbauen muss, um Erfolg zu haben. Aber diese Nostalgie schafft ein Gemeinschaftsgefühl, das dafür sorgt, dass so viele Menschen ins Stadion gehen. Ich habe über die Jahre gemerkt, dass Kaiserslautern stellvertretend steht für viele dieser mittelgroßen Städte in Deutschland, die aber selten wahrgenommen werden. Gesprochen wird über die Extreme, über das Dorfleben oder das Leben in den Metropolen. Und aus diesem Gefühl, weniger beachtet zu werden, erwächst eine Art Underdogmentalität, die sich auch im Fußball findet.Sicherheit in unsicheren Zeiten: Vieles wird hinterfragt, sagt Baron, der Lieblingsverein nicht.dpaBei der Bundestagswahl 2025 bekam die AfD in zwei westdeutschen Städten die meisten Zweitstimmen: in Gelsenkirchen und in Kaiserslautern. Danach zogen viele die Parallele zum Fußball, zu den Städten der Abgehängten, der in die Zweitklassigkeit Abgestiegenen. War das nicht übertrieben?Ich finde es sogar wichtig, dass auch diese Analysen gemacht werden. Denn es gibt auch einen Unterschied zur Klientel der AfD, den man im Osten findet. Dort gibt es wesentlich mehr gewachsene rechte Strukturen, dazu die Nachwehen der Wende. In Gelsenkirchen und Kaiserslautern sind es dagegen zu einem großen Teil ehemalige SPD-Stammwähler. Es ist diese Denkzettelnummer. Auch Kaiserslautern ist ein guter Wissenschaftsstandort, hat ein Fraunhofer-Institut, ist in Sachen KI auf der Überholspur. Aber es gibt viele Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben, die formal geringer qualifiziert sind, die davon nichts haben. Und die sind zu dem Schluss gekommen: Wenn gegen mich Härte angewendet wird, dann übernehme ich die Härte, die die AfD predigt. Anti-Establishment und trotzdem Härte vertreten, das hat keine andere Partei im Programm oder in ihrem Habitus. Gelsenkirchen und Kaiserslautern sind Orte, wo eine Deindustrialisierung stattgefunden hat. Da ist der Nährboden bereitet. Der Bedeutungsverlust der Fußballvereine ist eines der Symptome.Sie schreiben in Ihrem Buch auch über Enttäuschungen. Es fängt an mit dem in Kaiserslautern legendären Spiel gegen den FC Barcelona, bei dem der Klub an der Sensation schnupperte und doch ausschied. Es erzählt von Niederlagen gegen die Bayern und dem schier unaufhaltsamen Niedergang des Klubs. Warum wird eine Verbindung, die mehr Tiefpunkte als Glücksmomente bereithält, so intensiv?Würde man so eine Liebesbeziehung führen, wäre das jedenfalls nicht sehr gesund. Aber: Du musst keine komplizierte Beziehung mit dem FCK führen. Es gibt keine täglichen Konflikte, es reicht das Wochenende. Im besten Fall trägst du dann ein Erfolgserlebnis mit in die Woche. Und wenn nicht, trägst du den Klub trotzdem in deinem Herzen. In einer Gesellschaft, die sich stark atomisiert hat, in der die Ausdifferenzierung in alle Lebensbereiche vorgedrungen ist, kann eine Konstante, der du bedingungslos treu bist, Halt geben.Warum identifizieren sich so viele Menschen mit Fußballspielern, deren Leben mit ihrer eigenen Realität lange nichts mehr zu tun hat?Identität ist etwas, das wir uns im Laufe unseres Lebens zusammensammeln. Und es gibt dabei Dinge, die wir ab einem bestimmten Punkt nicht mehr infage stellen. Gerade in einer Gesellschaft, in der die Freiheit als wichtiger Wert betont wird, sehnen sich die Menschen nach Sicherheit. So etwas wie ein Fußballverein kann diese liefern. Während wir uns im Job, im Privatleben ständig hinterfragen müssen, steht unser Lieblingsverein nicht zur Debatte. Das hilft uns womöglich, ein kleines bisschen besser durch den Alltag zu kommen – gerade wenn wir mal wieder 0:5 gegen die Bayern verloren haben.Spiele gegen die Bayern sind selten geworden. Der FCK gehört in die Bundesliga, heißt es zwar immer. Aber stimmt das noch? Gehört in die Bundesliga im modernen Fußballzeitalter nicht eher der VfL Wolfsburg, gegen den Kaiserslautern am Samstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Zweiten Bundesliga) in die Saison startet?In die Bundesliga gehört, wer sich sportlich qualifiziert. Das ist eine einfache Wahrheit, bleibt aber einfach die Wahrheit. Die Erfolge der Vergangenheit nimmt uns keiner, die bleiben in uns drin. Aber sie berechtigen uns nicht, in der ersten Liga zu spielen. Das müssen wir uns auf dem Platz verdienen.Schafft das der FCK in dieser Saison?Ich habe meinem Sohn gerade das aktuelle Trikot gekauft. Denn es ist das Aufstiegstrikot. Außerdem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Dauerkarte. Torsten Lieberknecht ist als Trainer mit seinen Teams meistens im zweiten Jahr aufgestiegen. So wird das auch diesmal sein.
Warum der 1. FC Kaiserslautern Sicherheit in unsicheren Zeiten bietet
Ein Klub wie der FCK kann Halt geben in einer atomisierten Welt, sagt Schriftsteller Christian Baron. Ein Gespräch über Fußball als Spiegel sozialer Realität und die Erfolge der AfD in Städten wie Kaiserslautern.









