Bald füllt sie sich wieder, die „Insel der Freiheit“. Im nördlichen Teil von Budapest gelegen, findet seit 1993 auf dem mehr als 100 Hektar großen Donau-Eiland Óbuda eines der größten und bekanntesten Festivals Europas statt: das Sziget.Mehr als 400.000 Besucher dürften auch dieses Jahr an fünf Tagen die Insel bevölkern. Angezogen von einem bunt gemischten Line-up um Superstars aus ganz unterschiedlichen Genres wie Florence + The Machine, der Metalcore-Band Bring Me The Horizon, DJ Skrillex oder Popstar Zara Larsson, aber auch von zahllosen Auftritten weit über die gut 1000 Konzerte auf 50 Bühnen hinaus.Das randvolle Programm reicht von Theater- und Tanzaufführungen über Zirkusvorstellungen und Paraden bis hin zur „Impact Island“, einem Areal, auf dem sich Nichtregierungsorganisationen präsentieren. Nur ein kleiner Aspekt des bunten Treibens, der Viktor Orbán und seiner Fidesz-Partei stets ein Dorn im Auge war. Denn das Sziget steht seit jeher für Vielfalt, Toleranz und Weltoffenheit und ist so nicht zuletzt auch ein beliebter Treffpunkt der LGBTQ-Community.Im Visier von Viktor Orbán und der Fidesz-ParteiDas Motto „Insel der Freiheit“ kommt also nicht von ungefähr. Und wenig verwunderlich ist Tamás Kádár sehr glücklich, dass im April Orbáns Zeit als Regierungschef endete. „Die Laune ist besser“, sagt er lachend. Doch der Geschäftsführer der Festivalgesellschaft wird schnell wieder ernst. Das Sziget habe auf einer Liste gestanden, mit Akteuren und Organisationen, die vom Staat nicht gerne gesehen waren. „Es gab die ganze Zeit Gegenwind“, sagt er. „Jetzt spüren wir, dass diese Zeit vorbei ist, aber wenn du 16 Jahre im Gegenwind laufen musst, dann kannst du auch hinfallen, wenn er auf einmal weg ist.“Tamás Kádár ist seit 2011 im Festival-Team.Sziget-FestivalDie anstehende Festivalausgabe vom 11. bis 15. August ist in vielerlei Hinsicht besonders. Es beginnt damit, dass lange fraglich war, ob 2026 überhaupt ein Sziget stattfindet. Kádár und Co. verhandelten im vergangenen Jahr mit der Stadt Budapest einen neuen Vertrag über die Nutzung der Óbuda-Insel. Das Ziel war ein langfristiger Deal, doch die Sache wurde im Zuge des Wahlkampfs zum Politikum.Die Gegner des Festivals verwiesen nicht zuletzt auf die Finanzen: Seit 2023 schreibt das Festival Verluste, und die stark gestiegenen Kosten für die unterschiedlichsten Gewerke machen vielen in der Live-Branche das Leben schwer. Gleichzeitig befand sich das Festivalteam zu dieser Zeit in Gesprächen mit der damaligen Muttergesellschaft Superstruct, um das Sziget wieder als eigenständige Veranstaltung zu organisieren.Festivalriese Superstruct: Von Wacken bis ParookavilleSuperstruct Entertainment ist ein bekannter Name in der Live-Branche. Im Jahr 2017 von James Barton, einem ehemaligen Manager des weltgrößten Live-Entertainment-Konzerns Live Nation, und dem Finanzinvestor Providence gegründet, übernahm Superstruct schnell diverse Festivals. Das Sziget war einer der ersten großen Zukäufe.In Deutschland gehören Wacken und das Elektro-Festival Parookaville zum Portfolio. Insgesamt steht Superstruct hinter mehr als 80 Festivals in Europa und Australien. Providence hat Superstruct mittlerweile weitergereicht. Für mehr als eine Milliarde Euro ging der Festivalkonzern im Jahr 2024 an KKR, mit CVC erwarb ein weiterer Finanzinvestor Anteile.Auch Tanzevents gehören zum bunten Programm.EPATamás Kádár ist seit 2011 dabei. Er kennt das Sziget vor Superstruct und kann auch von der Zusammenarbeit berichten. Über die Jahre habe sich vieles geändert, sagt er, „mit ein paar Festivals unter dem Dach von Superstruct haben wir sehr viel miteinander besprochen, es war wie ein großes Team, mit mehr als 80 Festivals unter einem Dach ist das natürlich ganz anders“.Aber er wolle nichts Schlechtes über Superstruct sagen: „Wir hatten super Jahre vor der Pandemie, und während der Pandemie haben sie uns sehr geholfen. Ich denke, es war damals eine gute Entscheidung, mit Superstruct zusammenzuarbeiten, und aus unserer Sicht war es auch die richtige Entscheidung, das Festival wieder eigenständig aufzustellen.“Superstruct geht für mehr als eine Milliarde Euro an Investor KKRFinanzielle Details zum Abschied aus dem Konzern sind öffentlich keine zu finden. Doch Kádár lässt durchblicken, dass KKR als neuer Mehrheitseigentümer strategische Gründe gesehen haben dürfte, die für eine Trennung vom Sziget sprachen: „Wir sind geographisch gesehen weit weg von den anderen europäischen Superstruct-Festivals, und politisch gesehen ist unsere Region nicht unkompliziert.“Viele Schwierigkeiten wie die hohe Inflation im Jahr 2023 oder die Landeswährung Forint hätten mit dem Festival an sich nichts zu tun gehabt, betont er. Ungarn verzeichnete 2023 mit 17 Prozent die höchste Inflation in der gesamten EU. Dass die vielen internationalen Künstler ihre Gagen in Euro oder Dollar verlangen, machte die Lage noch einmal komplizierter.Musik ist nicht alles: Auftritt einer Theatergruppe auf dem Sziget-Festival im Jahr 2025.EPAIm Jahr 2023 stand so ein Minus von umgerechnet rund 4,5 Millionen Euro zu Buche. Ein Jahr später waren es knapp 9,7 und im vergangenen Jahr etwa fünf Millionen. Auch die diesjährige Ausgabe dürfte noch mit einem Minus enden, erwartet Tamás Kádár. Für die kommenden Jahre ist er aber optimistisch.„Wir wollen das alte Sziget wiedererfinden“Nach dem Abschied von Superstruct hat die Gesellschaft hinter dem Festival gleich sieben neue Anteilseigner bekommen, „alles Unternehmen, mit denen wir schon lange zusammenarbeiten“, sagt Kádár. Darunter sind beispielsweise der Bühnenbauer, der Security-Dienst oder der langjährige Gastro-Partner. Auch Festivalgründer Károly Gerendai ist wieder an Bord. Superstruct hält keine Anteile mehr, nur die Rechte an der Marke Sziget liegen weiter bei dem Festivalriesen.Die Strahlkraft der Marke mit dem vielfältigen Angebot auf der Insel soll das Festival in Zukunft auf eine finanziell solide Basis stellen, erklärt Kádár: „Wir wollen das alte Sziget wiedererfinden.“ Lange sei es für viele normal gewesen, zum Sziget zu gehen, ohne groß aufs Line-up zu schauen. „Dahin müssen wir zurück, natürlich ohne uns komplett von den großen Namen zu verabschieden – auch die gehören jetzt dazu –, aber in den letzten Jahren haben wir zu stark versucht, über Stars Karten zu verkaufen.“Die Ruhe vor dem Sturm: Vorbereitungen an der Hauptbühne im Jahr 2023, viele andere tragen Sponsorennamen wie Revolut oder DHL.AFPMit dieser Beobachtung steht Tamás Kádár nicht allein da. Auch Eventim-Chef Klaus-Peter Schulenberg betonte kürzlich im Gespräch mit der F.A.Z., wie wichtig es sei, die „Fan-Experience“ zu steigern, und dass sich so die Abhängigkeit von Headlinern reduzieren lasse. „Das Erlebnis ist viel wichtiger als die Namen auf dem Plakat“, ist Kádár überzeugt: „Ich glaube, die Zeit kommt wieder, wo Erlebnisfestivals – auch die ganz großen – gut überleben und eine Art Gegenkultur zu den Stadion- und Arena-Shows darstellen können.“Fünf Tage Sziget-Festival kosten 399 EuroDie Voraussetzungen dafür scheinen gut. Eine komplette Insel mitten in einer Metropole nimmt schließlich kaum ein Festival in Beschlag, eine bunt gemischte große Besuchermenge lockt oft auch Stars, die primär eigene Großkonzerte spielen. Auch ein vergleichbar vielfältiges Programm ist alles andere als die Regel.Am besten solle sich der Festivalbesuch wie ein Urlaub in Budapest anfühlen, sagt Kádár. Doch all das muss potentiellen Besuchern schmackhaft gemacht werden. In wirtschaftlich vielerorts schwierigen Zeiten eine noch mal komplexere Aufgabe. Zumal das eigene internationale Marketing-Netzwerk erst einmal wiederaufgebaut werden muss.Viel mehr Superstar geht nicht: Billie Eilish war im Jahr 2023 zu Gast.EPAAn Auswahlmöglichkeiten für Interessierte mangelt es nicht. Es gibt Tageskarten, 3-Tages-Tickets und 5-Tages-Tickets – kombinierbar mit allerlei Extras. Fünf Tage kosten 399 Euro, im Vergleich zu anderen europäischen Festivals und mit Blick auf das Programm eher günstig, sagt Kádár. Die Variante verkaufe sich gut und sei gerade bei internationalen Besuchern beliebt, rund 16 Prozent der Gäste aus dem Ausland kämen aus dem deutschsprachigen Raum. Gut eineinhalb Wochen vor Festivalstart sind etwas mehr Karten weg als im Vorjahr. Die Richtung stimmt, aber komplett zufriedenstellend sei die Bilanz noch nicht, konstatiert er.Während die 2026er-Ausgabe des Festivals in den Startlöchern steht, laufen im Hintergrund die Vorbereitungen für 2027. Begehrte Künstler werden in der Branche teils Jahre im Voraus gebucht. Und auch wenn sie nicht mehr der primäre Grund sein sollen, warum sich Besucher ein Ticket kaufen: Ein Line-up ganz ohne zugkräftige internationale Stars würde eben doch nicht passen.„Wir müssen es clever machen“, sagt Kádár mit Blick auf die geplante Veränderung im Booking. Und manch ein Künstler verzichtet vielleicht ja auch auf einen Teil der üblichen Gage, weil das Sziget so sehr reizt. „Genau diese Position wollen wir erreichen“, unterstreicht er, „tatsächlich sprechen wir auch schon genau darüber, es gibt erste gute Signale für 2027.“Auch Lipton ist sehr präsent auf dem Gelände (Bild aus 2025)EPAVielleicht kann das Festival perspektivisch auch auf Mittel aus der Tourismusförderung zurückgreifen. Das sei eines von mehreren Themen, über das man noch sprechen müsse, sagt Kádár: „Wir gehen jedenfalls davon aus, dass das Sziget das größte touristische Event Ungarns ist und auch mehr Leute aus dem Ausland anlockt als die Formel 1.“Das Gastspiel der Königsklasse des Motorsports wird seit Jahren subventioniert. Allein die Antrittsgebühr liegt im zweistelligen Millionenbereich. Die neue Regierung habe aber mit Blick auf die Hinterlassenschaften aus 16 Jahren Orbán-Regierung erst mal viele andere Baustellen zu bearbeiten, sagt Tamás Kádár: „Wir lernen jetzt wieder zu gehen, ich glaube, das gilt für das ganze Land.“