Die weltweite Spirituosen- und Brauereiindustrie steht seit Jahren unter Druck. In wichtigen Märkten sinkt die Nachfrage. Verschiedene Gründe erklären die Abwendung von Konsumenten von Spirituosen und Bier: Ein steigendes Gesundheitsbewusstsein, geändertes Konsumverhalten und die hohen Lebenshaltungskosten. Viele jüngere Menschen der „Generation Z“ greifen seltener oder gar nicht mehr zu alkoholhaltigen Drinks.Der weltgrößte Spirituosenhersteller Diageo reagiert darauf mit einem verschärften Sparprogramm. Innerhalb von drei Jahren will er die Kosten um eine Milliarde Dollar (870 Millionen Euro) senken, teilt der Konzern aus London mit, zu dessen Portfolio bekannte Marken wie Johnnie Walker, Guinness, Smirnoff oder Baileys gehören. Der neue Diageo-Vorstandschef Dave Lewis hat dem Unternehmen einen tiefgreifenden Umbau und Sparkurs verordnet. Nach längerem Abwärtstrend glaubt er nun, mittelfristig wieder ein niedriges einstelliges Wachstum erzielen zu können.An der Börse kamen die Ankündigungen gut an, die Lewis anlässlich der Jahreszahlen für 2026 machte. Der Diageo-Kurs stieg bis Freitagnachmittag um gut neun Prozent auf 18 Pfund je Aktie, den höchsten Stand seit sechs Monaten. Erstmals seit Februar lag Diageos Börsenwert wieder bei mehr als 40 Milliarden Pfund (47 Milliarden Euro). In den vergangenen fünf Jahren war die Aktie aber ein Trauerspiel für Anleger. Nach dem Rekordkurs im Post-Corona-Boom ist die Aktie seit Mitte 2021 um mehr als 50 Prozent gesunken.Den Boom der Cocktailgetränke in Dosen unterschätztBislang waren 625 Millionen Dollar als Sparziel anvisiert, nun verschärft Lewis diesen Kurs. Doppelstrukturen in der Verwaltung sollen abgebaut werden. Bislang beschäftigt Diageo noch knapp 30.000 Mitarbeiter, jetzt werden nach Einschätzung von Analysten wohl mehrere tausend Stellen wegfallen. Die genaue Zahl ist noch nicht bekannt. Auch andere große Unternehmen der Getränkebranche wie Pernod Ricard und Heineken haben jüngst Sparprogramme und Stellenabbau angekündigt.Diageo-Vorstandschef Dave Lewis gilt seit seiner Zeit bei Tesco und Unilever als kompromissloser Sanierer. Dort brachte ihm sein rigoroser Sparkurs den Spitznamen „Drastic Dave“ ein. Er will aber nicht nur sparen, sondern einige der rund 200 Marken von Diageo stärken und auf neue Trends setzen. Beispielsweise habe man den Boom trinkfertiger Cocktails in Dosen unterschätzt, gab Lewis zu. Nun will Diageo dort aufholen. Der Konzern hat schon einige Dosendrinks im Angebot, etwa Smirnoff Ice, Gordon’s Gin & Tonic oder Rum von Captain Morgan mit Cola, aber einige andere Hersteller haben das Segment früher entdeckt.Während viele Brauereien Absatzrückgänge verzeichnen, kann Diageo sich mit Guinness über wachsenden Absatz freuen. Jetzt will der Konzern die irische Biermarke noch globaler vermarkten und die Produktionskapazitäten erhöhen. Außerdem will Diageo in Marken wie Smirnoff Vodka oder Captain Morgan mehr investieren, die zum eher preisgünstigen Segment zählen. Sie sollen künftig auch in kleineren Flaschen angeboten werden, um in Zeiten der Inflation US-Konsumenten wieder besser zu erreichen.Weniger Absatz in Nordamerika und ChinaIm Geschäftsjahr 2026 (bis Ende Juni) ist der Konzernumsatz wegen der Schwäche in Nordamerika auf 19,6 Milliarden Dollar gesunken, das waren rund drei Prozent (organisch: zwei Prozent) weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Gewinn brach sogar um 27 Prozent auf 3,2 Milliarden Dollar ein. Am schlechtesten entwickelt sich die Nachfrage in Nordamerika, dem für Diageo historisch wichtigsten Markt (etwa 40 Prozent des Umsatzes). Seit Jahren geht es dort aber bergab, zuletzt um mehr als acht Prozent. Zusätzlichen Gegenwind bekommt Diageo in China. Die Pekinger Regierung hat im Zuge ihrer Antikorruptionskampagnen bei offiziellen Anlässen den Ausschank teurer Spirituosen verboten. In der Region Asien-Pazifik verzeichnete Diageo einen Rückgang des Absatzes um sechs Prozent. Positiv entwickelte sich die Nachfrage dagegen in Europa (drei Prozent organisches Wachstum) und in Lateinamerika (fast acht Prozent Plus).Anders als manche Investoren befürchteten, hat Lewis auch die Gewinnprognose für das neue Geschäftsjahr nicht gekürzt. Der jüngste Kurssprung spiegelt vor allem die Erleichterung der Anleger wider. „Vorerst handelt es sich lediglich um eine Erholungsrallye, da es nur geringe Anzeichen für neue Dynamik gibt, vor allem in Nordamerika“, meinte Kai Lehmann, Analyst bei Flossbach von Storch, einem der zehn größten Aktionäre von Diageo. Er bezeichnete die Ankündigungen von Vorstandschef Lewis aber als wichtigen ersten Schritt.Seit dem Rekordjahr 2020 hat Diageo rund ein Fünftel seines Umsatzes verloren. Für die Branche ist deshalb die entscheidende Frage, ob der Abschwung vorübergehend oder strukturell ist, erklärt Verushka Shetty, Aktienanalystin bei Morningstar. Sie hält die schwache Nachfrage vor allem für eine Folge knapper Verbraucherbudgets und damit für zyklisch. Dauerhaftere Belastungen sehen die Analysten jedoch ebenfalls: ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein, den Trend zu Abnehmspritzen und den geringeren Alkoholkonsum der Generation Z. Als Reaktion darauf investieren viele Hersteller verstärkt in alkoholfreie, alkoholarme und kalorienärmere Getränke. Auch Diageo baut dieses Geschäft aus und brachte schon vor fünf Jahren eine alkoholfreie Variante von Guinness auf den Markt.