Gerade verlässt eine Gruppe von Touristen den Kleinen Sitzungssaal mit seinen dunklen, schweren Tischen und Stühlen, die viel historischer wirken, als sie letztlich sind. Die Bauherren der Stadt wollten mit ihrem neogotischen Stil für das Rathaus Eindruck schinden und die vermeintlich gute, alte Zeit aufleben lassen. Der 36 Jahre alte Mann, der kurz nach der Besuchergruppe hereinkommt, hat eher das Gegenteil im Sinn: Hausherr und Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) will, das betont er immer wieder, München in eine neue Zeit führen, die Stadt mit positiver Energie fit für die Zukunft machen.Wie weit er damit in den ersten 100 Tagen gekommen ist, darüber will er im Kleinen Sitzungssaal an diesem Freitagvormittag Bericht erstatten. Um den Gästen und sich selbst einen Termin am Sonntag zu ersparen, erlaubt Krause sich seine erste Bilanz bereits an Tag 98. Wohl ahnend, dass sich bis Tag 100 nichts Entscheidendes verändern dürfte. Und davor, fragt jemand, ist da auch noch nicht viel passiert? „Es fühlt sich anders an“, sagt er.Und dann legt der neue Oberbürgermeister los. Bevor er in bemerkenswertem Stakkato alle Themen auflistet, die er als Erfolg der ersten Wochen und Monate sieht, erlaubt er sich aber noch einen kurzen Blick auf sich selbst. „Wie ist es denn eigentlich als Oberbürgermeister?“, das sei er in den ersten knapp 100 Tagen oft gefragt worden, erzählt Krause. Seine Antwort: „Es macht immer noch wahnsinnig viel Spaß. Es ist ein wahnsinniges Privileg, dieses Amt ausüben zu dürfen.“Seit Dienstbeginn strahlt Krause eine Ruhe und Routine nach außen aus, als ob ihm das Amt des Oberbürgermeisters schon lange vertraut wäre. Wie groß die neue Aufgabe dennoch auch für ihn sein dürfte, zeigt sich an einem Wort. Für seine Emotionen, für seine Freude, für den Spaß, den ihm das Amt bringt, muss sehr oft das Wort „wahnsinnig“ herhalten. Weil „große“ Freude oder „viel“ Spaß dann vielleicht doch zu klein sind für dieses Oberbürgermeister-Gefühl.Inhaltlich startet Krause seine Bilanz mit dem Bereich Wohnen und Bauen, seinem großen Thema besonders im Stichwahlkampf gegen den damaligen Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). 50 000 neue Wohnungen versprach der Grünen-Politiker Krause, teils durch Neubauten am Stadtrand im Norden und Nordosten, teils durch Nachverdichtung und teils durch Umwandlung von leeren Büroflächen. Bei zwei der drei möglichen Wohnungstreiber vermeldet Krause Fortschritte.Er habe Gespräche mit den Grundeigentümern in den Gebieten, in denen bisher eine Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) geplant ist, aufgenommen, sagt Krause. Dort sollen große neue Stadtviertel entstehen, doch die Lage war zuletzt wegen der strikten Vorgaben der SEM festgefahren. „Ich nehme da eine sehr große Bereitschaft wahr, dass wir eine gemeinsame Lösung finden“, sagt der Oberbürgermeister. Noch in diesem Jahr will er die Entwicklung mit einem Beschluss im Stadtrat vorantreiben.Im Stadtrat wünscht sich Krause mehr MiteinanderFür die angestrebte Umwandlung von leeren Büros in Wohnungen hat der Stadtrat bereits eine sogenannte Umbauagentur mit zwölf Stellen beschlossen. Diese soll Potenziale ermitteln, die Eigentümer unterstützen und für möglichst schnelle Erfolge sorgen. Krause ist zuversichtlich, dass er zeitnah Ergebnisse vorlegen kann: „Wir haben einen zweistelligen Bereich von Eigentümerinnen und Eigentümern parat stehen, die sagen: Wir wollen gerne loslegen.“Darüberhinaus hat Krause einen Wohnungsgipfel einberufen, in der Vertreter der Politik, der Verwaltung und der Wirtschaft erörtert haben, wie sie den lahmenden Neubau von Wohnungen wieder ankurbeln könnten. Dafür muss ein Instrument neu justiert werden, das über viele Jahre hinweg für einen Ausgleich zwischen den geschäftlichen Interessen der Investoren und den sozialen Interessen der Stadt garantiert hat: die Sozialgerechte Bodennutzung (Sobon). Diese hatte die Stadt zuletzt so verschärft, dass in Zeiten sehr hoher Baupreise kaum mehr Anreize für privaten Wohnungsbau geblieben waren. Auch hier will Krause bis Ende des Jahres eine Kehrtwende hinbekommen.Um den neuen Geist, den er in Politik und Verwaltung einführen will, hat er sich seinen Ausführungen zufolge auch schon gekümmert. Im Stadtrat soll es auf Wunsch des Oberbürgermeisters mehr Miteinander geben. Als Zeichen dafür hat er der CSU als größter Oppositionspartei einen Spitzenjob in der Verwaltung überlassen. Der jetzige Landtagsabgeordnete Alexander Dietrich (CSU) ist bereits mit deutlicher Mehrheit zum neuen Kommunalreferenten gewählt worden und wird am 1. Oktober sein Amt antreten.Die Verwaltung soll nicht nur deutlich digitaler werden, sondern auch mutiger, effizienter und schneller. Dazu beitragen soll ein neuer Führungsstil: Nicht mehr Druck von oben soll die Beschäftigten in Bewegung bringen, sondern ein neues Vertrauen und eine neue Fehlerkultur. Mehr ausprobieren ist angesagt, dafür darf auch mal etwas falsch laufen. Krause selbst verspürt bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits, dass sie „on fire“ sind, dass sie eine „wahnsinnige Lust“ haben, Dinge voranzutreiben.Bei der Mobilität räumt Krause ein, dass „der große Wurf“ noch nicht in Aussicht stehe, da fehle einfach das Geld. Eine Baustelle hat er aber gerade abgeräumt: An der Landshuter Allee wird nicht nur per Gerichtsentscheid, sondern nun auch auf Anordnung der Stadt Tempo 30 gelten, bis die Grenzwerte für saubere Luft dort eingehalten werden. Krauses Vorgänger Reiter hatte dort Tempo 50 erlaubt, war aber zu seinem Unmut damit vor Gericht nicht durchgekommen.MeinungHundert Tage im Amt:Dominik Krause hat als Münchens OB die ersten Schritte gut gemeistert – aber er hat noch viel vor sichEbenso streicht Krause das große Engagement der Stadt und die große Harmonie mit dem Freistaat Bayern bei der Bewerbung um Olympische Sommerspiele heraus. Er zeigt sich froh, trotz der Finanzkrise aller Voraussicht nach einen genehmigungsfähigen Haushaltsplan für 2027 aufstellen zu können. Der Wert der Kultur wird angesprochen, die Bedeutung des Umwelt- und Klimaschutzes und natürlich die erste Krise, die in seiner Amtszeit über die Stadt hereingebrochen ist.Krause hat in den ersten hundert Tagen in einer Allgemeinverfügung gleich mehrere Verbote erlassen müssen, um den Verbrauch von Trinkwasser einzudämmen. Die Hitze hatte die Werte zu stark nach oben getrieben, dazu ist es seit vergangenem Jahr durchgehend zu trocken. Deshalb stehen die Quellgebiete unter Druck.Und was ist schiefgelaufen? Was würde er das nächste Mal anders machen? Da fällt Krause sofort die Erhöhung der Kitagebühren und die Streichung des kostenlosen Kindergartens für alle ein. Nicht, weil er diese Entscheidung mitten in der Haushaltskrise für einen Fehler hält, sondern weil die Nachricht viel zu früh nach außen gedrungen sei und die Eltern den Eindruck hatten, die Stadt würde als Erstes an den Familien sparen. Dabei seien die Erhöhungen Teil eines umfangreichen Gesamtpakets.Am Ende seines Berichts nutzt Krause die Gelegenheit, um der von ihm verordneten Aufbruchsstimmung weiter Schwung zu geben. Er lobt die Kollegen in der Koalition und im Stadtrat, die Mitarbeiter der Verwaltung und auch die Münchnerinnen und Münchner. „Wir haben die Zeit schon sehr gut genutzt, großer Dank an alle Beteiligten“, sagt er. Eine erfolgreiche Stadt, das sei „ein Gemeinschaftswerk“.Und wie geht es ihm so ganz persönlich nach 98 Tagen im Amt? „Aus dem Umfeld höre ich schon das eine oder andere Mal: Wäre schön, wenn wir dich mal wieder häufiger sehen würden.“ Auch werde er jedes Mal angesprochen, wenn er mit dem Fahrrad an der Ampel halten müsse. Das ändere aber nichts an seiner Freude über das OB-Dasein. „Mir macht es nach wie vor wahnsinnig viel Spaß.“