Neues Virus eingeschleppt: Mysteriöse Rinderkrankheit verbreitet sich schnell in der Schweiz und in SüddeutschlandKühe sterben, haben Fehlgeburten, Fieber und Durchfall: Nun hat ein deutsches Labor geklärt, was dahintersteckt – ein Virus namens Shamonda, das bisher in Afrika und Japan zirkulierte. Schweizer Landwirte werfen den Behörden zu langes Zögern vor.07.08.2026, 15.07 Uhr4 LeseminutenErkrankungswelle unter Schweizer Kühen: Es ist völlig unklar, wie der Erreger nach Europa gelangt ist.Karin Hofer / NZZ«Ich habe so etwas noch nie erlebt: Innert zwei Wochen waren alle meine Tiere krank, sie hatten Durchfall, Fieber, ihre Milchleistung ging für mehrere Tage um ein Drittel zurück und sie frassen nur noch halb so viel wie normal», sagt Sabrina Schlegel, Landwirtin im Kanton Bern und Präsidentin von Mittelland Milch. Eine Kuh sei gestorben, drei hätten eine Fehlgeburt erlitten. «Ich habe noch nie so viele Schmerzmittel, Fiebermittel und Durchfallmittel verabreicht wie in den letzten drei Wochen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ähnlich sei es im Juli mindestens der Hälfte aller Milchbetriebe in der ganzen Schweiz ergangen. Die Welle startete in den Kantonen Bern und Luzern. «Für uns Landwirtinnen und Landwirte war klar: Das ist eine neue Rinderkrankheit», betont Schlegel.Verdacht der Schweizer Milchbauern wird nicht geglaubtAber niemand von den Behörden hätte ihnen das geglaubt. Sie habe das kantonale Veterinäramt sowie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) kontaktiert. Wenn überhaupt, sei mit Verzögerung die lapidare Antwort gekommen, das sei Sache der Tierärzte. Andere hätten dieselben Erfahrungen gemacht. «Natürlich hatten alle betroffenen Betriebe zuvor bereits ihre jeweiligen Veterinäre alarmiert, das macht man ja als Erstes, wenn Tiere krank werden», sagt Schlegel etwas unwirsch und verärgert.Ein Sprecher des BLV antwortet auf Anfrage der NZZ, dass von Beginn an das BLV, das Institut für Virologie und Immunologie (IVI), die kantonalen Veterinärdienste, Rindergesundheit Schweiz, praktizierende Tierärztinnen und Tierärzte sowie weitere Fachstellen in engem Austausch gestanden hätten. Die Symptome seien unspezifisch gewesen, deshalb seien mehrere Auslöser in Betracht gekommen. Man habe auf die Ergebnisse von Laboruntersuchungen gewartet.Laut Schlegel haben mehrere Landwirte Blut- und Kotproben von erkrankten Tieren analysieren lassen. Die Ergebnisse lauteten: kein bekanntes Virus. Also hätten die Behörden gesagt, es sei der Hitzestress.«Was mich ärgert, ist die Tatsache, dass keine Behörde ein umfassendes Screening durchführen wollte, weder für bekannte noch für neue Viren», betont Schlegel. Das seien für einzelne Landwirte zu hohe Kosten gewesen. «Dabei war doch ersichtlich, dass es sich um ein landesweites Problem handelte und eine genaue Abklärung im Interesse von Landwirten wie auch Konsumentinnen ist.»Deutsches Institut charakterisiert den Erreger innert zwei TagenSeit Mitte der Woche ist klar, was oder besser gesagt wer hinter der neuen Rinderkrankheit steckt: ein Virus aus der Familie der Orthobunyaviren namens Shamonda-Virus. Es kam bisher in Afrika und Japan vor, war jedoch zuvor noch nie in Europa entdeckt worden. Es ist verwandt mit dem Schmallenberg-Virus, das ebenfalls Rinder sowie Schafe und Ziegen befällt und ähnliche Symptome hervorruft. Das teilte das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) mit.Das deutsche Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf der Ostseeinsel Riems hat den Erreger anhand von genetischen Analysen innert zwei Tagen bestimmt. Das FLI erhielt Proben von kranken Tieren aus dem Raum Freiburg in Baden-Württemberg. Mittlerweile sind auch eine Handvoll Betriebe in Süddeutschland betroffen. Zudem grassiert das neue Virus in Frankreich. Kurz nach dem FLI bestätigte ein französisches Institut die Ergebnisse von der Ostseeinsel, mittlerweile auch das Schweizer IVI.Es ist völlig unklar, wie das Shamonda-Virus den Weg nach Mitteleuropa geschafft hat, sagt das FLI auf Anfrage. Sicher ist: Es wird von kleinen, blutsaugenden Insekten, den Gnitzen, übertragen. Möglicherweise wurden kontaminierte Mücken eingeschleppt. Da die Gnitzen bis mindestens Ende Oktober aktiv sind, ist zu erwarten, dass sich in den kommenden Wochen weitere Rinderherden in der Schweiz und anderen Teilen Mitteleuropas infizieren werden.Es drohen Fehlgeburten und Missbildungen bei KälbernNoch wissen die Experten wenig über das Shamonda-Virus. Sie gehen davon aus, dass es sich weitgehend so verhält wie das bekannte Schmallenberg-Virus, weil die beiden Viren genetisch ähnlich sind. Die betroffenen Betriebe melden, dass die Tiere einige Tage lang erheblich krank sind. Fast alle erholen sich innert zwei bis drei Wochen. Eventuell verstärken die anhaltende Hitze und Trockenheit die Erkrankung bei Rindern.Die grosse Angst der Landwirtinnen und Landwirte ist nun, dass das neue Virus ähnlich schädlich für trächtige Kühe ist wie das Schmallenberg-Virus. Steckt sich die Mutterkuh damit an, kommt es zu Fehlgeburten und missgebildeten Kälbern. Erste Hinweise, dass auch das Shamonda-Virus dies auslösen könnte, sind die drei Fehlgeburten in Schlegels Herde sowie Shamonda-Viren, die das IVI in Rinderföten festgestellt hat.Keine Hinweise für eine Ansteckung von MenschenLaut dem FLI liegen keine Anhaltspunkte vor, dass das Virus auf Menschen übertragbar ist. «Das wissen wir aber erst jetzt, nachdem das Virus charakterisiert worden ist», sagt Schlegel. «Die Schweizer Behörden haben nie so reagiert, als ob das möglich wäre, das finde ich sehr leichtsinnig.»Die Tiere zu schützen, ist schwierig. Zwar gibt es wie für Menschen auch für Rinder Insektensprays, aber die sind – wie auch bei uns Zweibeinern – nicht immer erfolgreich. Zudem sollten die Tiere nicht in der Dämmerung ausserhalb des Stalls sein.Eine Impfung gegen das Shamonda-Virus gibt es noch nicht. In der EU, nicht aber in der Schweiz, ist für Rinder und Schafe ein Impfstoff gegen das Schmallenberg-Virus zugelassen. Laut den Experten vom FLI ist es allerdings unwahrscheinlich, dass dieser auch vor seinem Verwandten Shamonda schützt, weil die Viren zu unterschiedlich sind.Dass ein für Nutztiere gefährliches Virus nach Europa eingeschleppt wird, kommt immer wieder vor. So erreichte 2011 das Schmallenberg-Virus den Kontinent. Die weitaus tödlichere Blauzungenkrankheit schaffte den Sprung erstmals 2006. Siebzehn Jahre später tauchten dann in unterschiedlichen Ländern mehrere neue Varianten des Blauzungenvirus auf. Die Ausbreitung wurde jeweils mit grossflächigen Impfkampagnen eingedämmt.Passend zum Artikel
Neues Rinder-Virus: Wie gefährlich ist es?
Kühe sterben, haben Fehlgeburten, Fieber und Durchfall: Nun hat ein deutsches Labor geklärt, was dahintersteckt – ein Virus namens Shamonda, das bisher in Afrika und Japan zirkulierte. Schweizer Landwirte werfen den Behörden zu langes Zögern vor.










