„Sie meinen nicht mich, sie meinen mein Pferd“, sagt Richard Vogel, wenn mal wieder ein Raunen durch die Zuschauerreihen geht, sobald er in ein Stadion galoppiert; wenn sich ihm bei der Ehrenrunde unzählige Hände entgegenstrecken und wenn sich zu Hause in Pfungstadt die Besucher um die Box von United Touch drängeln, für ein Selfie oder um einmal das bronzeglänzende Fell des schönen Hengstes zu berühren. Wer am 23. August in Aachen Springreiter-Weltmeister wird, steht noch in den Sternen, von den Top Ten der Weltrangliste könnte jeder am richtigen Tag Champion werden. Aber weit vorn stehen der 29-jährige Richard Vogel, derzeit mit Abstand die Nummer eins in Deutschland und die Nummer zwei in der Welt, und sein 14-jähriger Hengst United Touch.2025 wurden sie in A Coruña souverän Europameister, ohne einen einzigen Abwurf in fünf Parcours. Im Juli setzten sie noch einen drauf und holten sich 950 000 Euro beim Großen Preis von Aachen, mit Aussicht auf eine weitere Million, sollte im September der Grand-Slam-Coup gelingen, drei Stationen nacheinander zu gewinnen. „Er ist ein unglaublicher Reiter“, sagt Bundestrainer Otto Becker, unglaublich auch für sein Alter, „in vielen Bereichen sehr weit“. Während in manchen Sportarten für knapp 30-Jährige die Karriere ausläuft, nimmt sie bei Reitern oft erst Fahrt auf.Zum Tod von Monty Roberts:Er war der „Pferdeflüsterer“Monty Roberts’ Methode des gewaltfreien Umgangs mit Pferden war nicht nur die Inspiration für einen Hollywoodfilm, sie beeinflusste Reitsportler weltweit.Vogel, gefördert durch ein Pferde-affines Elternhaus, war schon als Junior erfolgreich – und blieb es auch in den folgenden Jahren. „Pferde sind mein Leben“, sagt er: „Ich wollte nie was anderes machen. Ohne Pferde würde ich in ein schwarzes Loch fallen.“ So wundert es nicht, dass er ein Jahr vor dem Abitur die Schule schmiss und eine Lehre als Berufsreiter begann. Da musste er vor allem Dressur pauken, das zahlte sich aus. Denn United Touch war zwar ein Überflieger, aber keiner, dem der Erfolg mühelos zuflog. Den Richtern, die ihn als junges Pferd beim Bundeschampionat, der wichtigsten Prüfung für den Pferdenachwuchs, bewerten sollten, waren die verschwenderischen Sätze des westfälischen Hengstes geradezu unheimlich, sie setzten ihn nur auf Platz zwei. Die Maxime, dass ein gutes Pferd nur so hoch springt wie nötig, hatte United Touch offenbar noch nie gehört. Aber auch ein Genie muss dazulernen. „Richard hat Jahre gebraucht, die Rittigkeit im Parcours zu verbessern. Es war ein langer Weg“, sagt Becker.Bundestrainer Becker steht in Aachen unter Druck, bei der WM im eigenen Land wird eine Medaille erwartetAls United Touch vor sechs Jahren in den Stall von Vogel kam, war er eigentlich für Sophie Hinners vorgesehen, die damalige Lebensgefährtin und heute befreundete Kollegin von Vogel, die auch zum WM-Team in Aachen gehört. „Aber er war sehr viel Pferd“, sagt Vogel. Ein kräftiger Hengst mit einem XXL-Galopp, der erst mal so eingefangen werden musste, dass auch kleine Galoppsprünge möglich sind, wenn es mal eng und kurvig wird: „Wir fanden beide, dass dies eher ein Pferd für mich ist.“Da hatten sich zwei gefunden, ehrgeizig, fokussiert und in guten Momenten zu Höhenflügen fähig. Nicht nur der Reiter, auch das Pferd trägt in diesem Fall Erfolgsgene in sich: Im Stammbaum von United Touch taucht gleich zweimal die berühmte Classic Touch unter den Urgroßmüttern auf, jene Holsteiner Stute, mit der Ludger Beerbaum 1992 Olympiasieger wurde. In diesen Wochen sehen Reiter und Pferd allerdings wenig voneinander. Während Vogel mit einigen seiner rund 20 Turnierpferde unterwegs ist, genießt United Touch vor dem großen Einsatz in Aachen noch eine kleine Auszeit, wird von seiner Pflegerin gemütlich im Wald spazieren geritten. Vogel ist ein Vielbeschäftigter, mehr als 100 Pferde haben er und sein Geschäftspartner David Will an drei verschiedenen Standorten im Training. „Im Prinzip sind alle verkäuflich“, sagt Vogel. Bis auf United Touch, den der Züchter und Besitzer Julius Sinnack behalten will.Die Erfolgsgeschichte begann, als sich Vogel nach zwei Jahren im Stall von Ludger Beerbaum mit 21 Jahren selbständig machte, zunächst ohne einen Angestellten. Heute beschäftigt er 16 Mitarbeiter. Er jettet von Turnier zu Turnier, ist nur montags, dienstags und manchmal den halben Mittwoch zu Hause. Die Woche in Aachen (18. bis 23. August) wird ihm wie Urlaub vorkommen mit nur einem Pferd. Wenn er nicht doch noch zwischendurch ganz schnell irgendwo ein junges Pferd ausprobieren oder ein vielversprechendes Fohlen anschauen muss.Für Bundestrainer Otto Becker geht es in Aachen ums Ganze. Er steht unter Druck, die Reiternation erwartet bei der WM im eigenen Land eine Medaille, zumindest fürs Team. Die Entscheidung, statt des Olympiasiegers Christian Kukuk auf Checker nun Marcus Ehning und Coolio ins Viererteam zu nehmen, hat lange Diskussionen im Springausschuss nach sich gezogen, Becker setzte sich durch. „Wir haben eine starke Mannschaft“, sagt er, „aber das ist kein Selbstläufer. Am Ende muss alles passen, und man braucht auch ein Quäntchen Glück.“