InterviewDer deutsche Sicherheitsexperte Frank Sauer sagt über die Abwehr hybrider Angriffe: «Wir werden den heutigen Herausforderungen nicht gerecht»Deutschland müsse schneller, pragmatischer und entschiedener handeln, sagt Frank Sauer. Der Sicherheitsexperte der Universität der Bundeswehr München fragt sich aber: Was ist politisch gewünscht?Eric Matt, Berlin07.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAbfangdrohnen sind im Verteidigungskrieg der Ukraine unerlässlich. Auch im Rest von Europa könnten diese wichtiger werden.Dominic Nahr / NZZDeutschlands Innenminister Alexander Dobrindt wählte drastische Worte. Die Bundesrepublik habe es nach dem Fund einer mit Zündvorrichtung und Sprengstoff beladenen Drohne am Flughafen Leipzig/Halle mit einem «hybriden Anschlagsszenario» zu tun.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neben der von der Bundespolizei sichergestellten Drohne ist zudem ein unbekanntes Flugobjekt mit einem Frachtflugzeug zusammengestossen, vermutlich eine weitere Drohne. Dobrindt sagte, die Vorfälle stellten eine «neue Gefahrenqualität» dar, hinter der «möglicherweise fremde Mächte» stünden. Bereits im Juli 2024 ist am selben Flughafen – dieser ist ein wichtiges Drehkreuz für Rüstungsgüter für die Ukraine – ein Versandpaket am Boden explodiert.Im Gespräch mit der NZZ spricht der Sicherheitsexperte Frank Sauer darüber, wer hinter dem Anschlag stecken könnte, wie sich Deutschland besser verteidigen sollte – und warum eine effektive Abwehr an der eigenen Bürokratie scheitert.Frank SauerImagoFrank Sauer lehrt internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München. Er forscht vor allem zu dem Verhältnis zwischen Technologie und Sicherheit. Er ist Autor des Buches «Atomic Anxiety» und Co-Herausgeber des «Handbuchs Internationale Beziehungen». Zusammen mit Ulrike Franke, Thomas Wiegold und Carlo Masala spricht er im Podcast «Sicherheitshalber» regelmässig über deutsche Sicherheits- und Verteidigungspolitik.Herr Sauer, Innenminister Alexander Dobrindt spricht anlässlich der Sprengstoff-Drohne am Flughafen Leipzig/Halle von einem «neuen Bedrohungsszenario». Ist die Gefahr wirklich neu?Zumindest hat sie sich erstmals in dieser Form manifestiert. War es im Juli 2024 noch ein Paket mit einem Brandsatz, war es nun erstmals eine Drohne. Die technischen Hilfsmittel also sind andere. An der Gefahr selbst ist nichts neu, wir beobachten das seit Jahren. Insofern reiht sich der Vorfall ein in eine insgesamt gestiegene Bedrohungssituation, in der Dinge passieren, die zu Friedenszeiten eigentlich nicht passieren dürften.Befindet sich Deutschland etwa nicht mehr im Frieden?Es ist so, wie es Bundeskanzler Merz vor einiger Zeit gesagt hat. Ich paraphrasiere: «Im Krieg sind wir nicht, aber so richtig im Frieden sind wir auch nicht mehr.» Es ist neu, dass eine mit Sprengstoff beladene Drohne, wie man sie sonst nur von der ukrainischen Front kennt, bei uns auf Flughäfen rumfliegt. Neu ist übrigens auch, dass exponierte Menschen aus dem Verteidigungssektor sich nur noch mit Personenschutz bewegen können.Werden nicht immer wieder Drohnen in Deutschland gesichtet, die zu feindlichen Staaten gehören könnten?Tatsächlich gibt es seit längerem Drohnen, die Flughäfen in Deutschland lahmlegen. Drohnen, die Streitkräfte und Industrie überfliegen und versuchen, auszuspionieren. Damit schlagen wir uns seit Jahren herum. Die Drohnen in der Vergangenheit waren aber nicht, wie es nun laut Medienberichten am Flughafen Leipzig/Halle der Fall war, mit 800 Gramm militärischem Sprengstoff beladen.Könnten sich solche Vorfälle häufen?Das ist eine spekulative Frage. Es ist eine plausible Erwartungshaltung, mit Sabotageakten und Angriffen unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Konflikts zu rechnen, auch in noch zunehmendem Masse. Ich weiss aber natürlich nicht konkret, was nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr passiert.Ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland Menschen sterben?Ja, wir hatten bisher, wie etwa jetzt im Falle der Drohne, wirklich wahnsinniges Glück, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind.«NZZ Format» begleitet eine Gruppe Jugendlicher in der Stadt Tschernihiw im Nordosten der Ukraine.Quelle: NZZ FormatDieses Glück hatte Deutschland bereits zum zweiten Mal. Im Juli 2024 ist am selben Flughafen ein Versandpaket in Flammen aufgegangen. Wäre die Deutsche Post nicht verspätet gewesen, hätte sich die Explosion nicht am Boden, sondern an Bord eines der weltweit grössten Frachtflugzeuge ereignet. Wen vermuten Sie hinter solchen Anschlägen?Ich weiss es nicht sicher. Aber ich wäre nicht überrascht, wenn die jüngste Attacke eine Operation wäre, die sich auf Russland zurückführen liesse.Bei dem jüngsten Fall soll sich die Drohne in der Nähe einer ukrainischen Transportmaschine befunden haben.Durch hartnäckige Ermittlungsarbeit konnte man bei Sabotageakten in der Vergangenheit durchaus schon Täter festnehmen, die im Auftrag des Kremls agiert hatten. Oft handelte es sich dabei um sogenannte Wegwerfagenten, die unbedarft über Kanäle wie Telegram angeheuert werden. Russland nutzt diese Methode vermutlich deshalb, weil dem Land derzeit der Spielraum für klassische geheimdienstliche Operationen fehlt. Insofern erscheint es mir absolut möglich, dass es auch im aktuellen Fall nach einem langwierigen Prozess eine solide Indizienkette geben wird, die auf Russland hindeutet.Innenminister Dobrindt hat von «fremden Mächten» gesprochen. Könnte etwa auch Iran hinter der jüngsten Attacke stecken? Immerhin wächst in Deutschland seit dem Iran-Krieg die Angst vor iranischen Anschlägen.Ich kann mich nur wiederholen: Wir wissen es nicht. Angesichts der Umstände aber halte ich Iran für eher nicht plausibel.Zielen hybride Angriffe wie nun am Flughafen Leipzig/Halle auf die physische Zerstörung, oder geht es um eine psychologische Kriegsführung und darum, Angst in der Bevölkerung zu schüren?Es ist beides. Die physische Zerstörung wird zumindest in Kauf genommen. Gleichzeitig dürfte die Logik sein – falls Russland wirklich hinter dem Anschlag stecken sollte –, in Deutschland eine Bevölkerungsmehrheit dazu zu bringen, zu sagen: «Okay, jetzt dürfen wir die Ukraine nicht mehr unterstützen, damit wir hier nicht weiter zum Ziel werden.» Es geht darum, politische Interessen zu manipulieren.In der Ukraine ist es möglich, die Drohnen einfach abzuschiessen. In Deutschland ist das verboten. Scheitert der effektive Schutz an der eigenen Bürokratie?Das würde ich erst mal grundsätzlich unterschreiben, denn vieles Essenzielles scheitert an der deutschen Bürokratie. Es ist aber trotzdem nicht so, dass ein Abschuss grundsätzlich verboten ist. So gibt es seit einer Weile ein verändertes Luftsicherheitsgesetz und in extremen Ausnahmefällen für die Bundeswehr im Rahmen der Amtshilfe damit auch die Möglichkeit des Abschusses einer solchen Drohne.Eine Drohne wird von einer Abfangdrohne angegriffen, festgehalten auf Videomaterial aus der Region Charkiw im September 2025.Dominic Nahr / NZZAber?Das ist erst möglich, wenn die Polizei nachweislich nicht tätig werden darf. Das müssen die Behörden zuerst überprüfen. Dieser Prozess dauert in der Praxis sicher so lange, dass die Drohne längst wieder verschwunden oder eben im Ziel eingeschlagen ist. Auch neu geschaffene Lagezentren ändern an der Handlungsfähigkeit der Sicherheitsbehörden wenig. Da werden ganz viele Beteiligte in Prozesse eingebunden, aber das holt bekanntlich keine Drohnen vom Himmel. Die Ukraine ist Weltspitze beim Kampf gegen Drohnen – und nicht einmal dort gelingt es immer. Lagezentren, Lagebilder, Prozesse, Strukturen, die werden es garantiert nicht richten. Das ist alles typisch deutsch, würde ich sagen.Ist es nicht auch sinnvoll, dass Drohnen nicht einfach abgeschossen werden können? Deren Sprengstoff kann etwa am Flughafen oder in Wohngebieten einen riesigen Schaden verursachen.Es ist vollkommen klar, dass man nicht wild durch die Gegend schiessen kann. Unverständlich ist jedoch, dass kritische Infrastrukturen wie der Flughafen Leipzig/Halle auch 2026 immer noch nicht flächendeckend mit der nötigen Sensorik ausgerüstet sind, um Drohnen wenigstens frühzeitig zu erkennen – und dann eben eventuell auch zu bekämpfen. Solche modernen Ortungssysteme sind im Handel schon lange verfügbar und können Drohnen mittels verschiedener Sensoren orten und mittels künstlicher Intelligenz auch klassifizieren. Man müsste diese Technik lediglich anschaffen. Zudem gibt es inzwischen sehr pfiffige Abwehrlösungen, etwa Netzwerfer-Drohnen oder auch Kanister mit Fäden, die man in die Luft schiesst und die sich um die Rotoren der Drohne wickeln, um sie so zum Absturz zu bringen. Der Einsatz von Lasersystemen ist inzwischen ebenfalls kein Science-Fiction mehr und eine echte Option.Man müsste also einen Mittelweg finden – weder wild umherschiessen noch wegen bürokratischer Vorschriften nur zuschauen?Genau. Wir brauchen einen vernünftigen, pragmatischen, schnellen Mittelweg. Denn es gibt Lösungen. Diese aber müssen genutzt werden.Ein ukrainischer Grenzschützer testet eine Drohne unmittelbar an der ukrainisch-belarussischen Grenze (Owrutsch, Ukraine, 30. Juni 2026).Dominic Nahr / NZZWenn etwas in Deutschland passiert, kommt schnell die Forderung nach einer Gesetzesverschärfung. Hilft das tatsächlich in der Praxis? Immerhin ist im März das sogenannte Kritis-Dachgesetz in Kraft getreten, das kritische Infrastruktur besser schützen sollte. Am Flughafen Leipzig/Halle hat es wenig gebracht.Das Problem ist, dass wir häufig der Ansicht sind, dass es mit einem Gesetz getan ist. Die eigentliche Arbeit aber beginnt doch dann erst. Es ist zwar selbstverständlich nicht so, dass in der Praxis bisher gar nichts passieren würde. Ich habe etwa der Berichterstattung entnommen, dass der Flughafen Leipzig-Halle darauf wartet, entsprechende Detektoren- und Drohnensysteme zu installieren. Ganz offensichtlich aber dauert das alles zu lange. Das Drohnenproblem plagt uns doch seit Jahren. Wenigstens mit technischen Mitteln detektieren sollte man sie inzwischen können.Seit August 2025 gibt es in Deutschland einen Rat für nationale Sicherheit. Könnte es sinnvoll sein, diesen zu stärken?Der Rat für nationale Sicherheit nutzt in der Form, wie er aktuell existiert, nicht viel. Der Rat ist eine untergeordnete Stelle im Kanzleramt, in der Informationen gebündelt werden und Abstimmungen stattfinden. Ein Rat für nationale Sicherheit, der die Entwicklung deutscher Sicherheitspolitik vorausschauend beraten und auf deren Ausgestaltung nennenswerten Einfluss nehmen könnte, müsste mit mehr Unabhängigkeit und Entscheidungskompetenzen ausgestattet sein. Das würde Machtverluste für bestimmte Ressorts bedeuten. Die politische Physik zwischen den Häusern und die politische Kultur in der Ministerialbürokratie lassen das nicht zu.Es klingt, als hätten Sie resigniert.Nein, ich schaue lediglich den Realitäten ins Auge. Egal, ob bei der Abwehr von Drohnen an Flughäfen oder bei der Beschaffung bei der Bundeswehr für die Brigade in Litauen: Wir werden den heutigen Herausforderungen nicht gerecht, wenn wir die Bundesrepublik Deutschland weiter so verwalten, wie wir das in der Friedenszeit nach dem Ende des Ost-West-Konflikts getan haben. Wir müssen entschiedener und schneller handeln. Es gibt auch kein Naturgesetz, welches das verhindert. An manchem positivem Einzelfall kann man durchaus bestaunen, was alles möglich ist. Vieles geht plötzlich schnell, wenn politisches Kapital investiert wird. Die Schlüsselfrage ist stets: Was ist politisch gewünscht?Passend zum Artikel