Viele Grossanlässe klagen über zu wenige Freiwillige. Die Winterthurer Musikfestwochen haben tausendWie sich ein Festival seit über fünfzig Jahren behauptet – obwohl es mehrmals vor dem Aus stand. Auf den Spuren eines Phänomens.07.08.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenEin Open-Air-Konzert während der Winterthurer Musikfestwochen, aufgenommen im August 1987.KeystoneEs begann 1976 mit einer kleinen Bühne in einem Klub, in dem nicht einmal Bier ausgeschenkt werden durfte, weil das Patent dazu fehlte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es begann mit einem Budget von 1500 Franken und lokalen Rock- und Blues-Bands, die gratis spielten.Und es begann mit einem Jurastudenten, 22, und einem Gewerkschaftssekretär, 25, die in einem ehemaligen Kinderzimmer ihr erstes Büro einrichteten.Wenn internationale Bands anriefen, nahm häufig der Vater des Jurastudenten den Telefonhörer ab. Sein Englisch war bruchstückhaft und die Verwirrung auf beiden Seiten des Hörers beträchtlich.Doch schon damals dachten die beiden Gründer Markus Hodel und Daniel Schlatter gross. Sie nannten die erste Ausgabe ihres Festivals «1. Winterthurer Musikfestwochen» – im festen Glauben daran, dass noch viele weitere folgen würden.An neun Samstagabenden spielten lokale Bands. Die Konzerte waren gut besucht, die meist jugendlichen Zuschauer standen bis auf die Strasse an. Die Konzerte wurden wegen der grossen Nachfrage sogar teilweise ins benachbarte Café Neustadt übertragen.Fünfzig Jahre später gibt es die Musikfestwochen noch immer. Was einst mit viel Idealismus begann, wird bis heute durch den Einsatz von rund tausend Freiwilligen getragen. Und vielleicht ist genau dies das Erfolgsgeheimnis des Anlasses.Der Kilchberger Schwinget und das Queer Festival in der Roten Fabrik suchen verzweifelt nach Helfern. Das Jodlerfest in Langenthal musste gar abgesagt werden, weil Freiwillige für das OK fehlten. David Bircher, Kommunikationschef der Musikfestwochen, hingegen sagt zur NZZ: «Wir haben das Privileg, dass die Zahl unserer Helfer und Helferinnen von Jahr zu Jahr steigt.» Viele kämen immer wieder und mobilisierten weitere Personen.Auf den Spuren eines Festivals, das nicht nur für die Bevölkerung der zweitgrössten Stadt im Kanton Zürich ist, sondern vor allem von ihr.Nach zwei Jahren droht das AusDer Erfolg gab den Gründern Hodel und Schlatter Mut – vielleicht sogar zu viel davon. Für die zweite Ausgabe wagten sie etwas Neues: ein Musikfest für jeden Geschmack mit Klassik, Rock und Ländlermusik. Doch das Konzept ging zumindest finanziell nicht auf. Die Rockkonzerte waren gut besucht, doch Ländler und Klassik zogen kaum Publikum an. Am Ende blieb der Verein auf einem Verlust von mehr als 10 000 Franken sitzen – und die Musikfestwochen standen kurz vor dem Aus.Gerettet wurde das Festival schliesslich auch, weil der damalige Stadtpräsident Urs Widmer (FDP) sich dafür einsetzte, dass die Stadt einen Teil der Schulden übernahm. Zudem bemühte Widmer sich darum, dass die dritte Ausgabe mit einer Grossbühne auf der Steinberggasse mitten in der Altstadt stattfinden konnte.Auch in diesem Jahr helfen mehr als tausend Personen freiwillig mit.Shirley MichaelDie Veranstaltung lebte von Anfang an von den Freiwilligen. Das zeigt auch eine Anekdote von 1980: Damals soll der irische Musiker Rory Gallagher eine ganze Stunde auf der Bühne gewartet haben, um ein gemeinsames Foto mit allen Helfern machen zu können.Doch ab und zu nahm der Gemeinsinn wohl auch überhand. So sollen die freiwilligen Helfer 1988 den österreichischen Liedermacher Rainhard Fendrich im Backstage vergessen haben. Die Helfer sollen – vertieft in eine Jassrunde – versäumt haben, ihm etwas zu trinken zu bringen.1991 kamen die Musikfestwochen erneut in finanzielle Nöte. Damals hatten die Organisatoren die britische Band Iron Maiden gebucht – für 100 000 Franken. Doch die Winterthurer interessierten sich offenbar kaum für Heavy Metal. Es kamen lediglich 1800 Personen zum Konzert. Die Organisatoren machten ein Minus von 70 000 Franken.Ein Jahr später sorgten die Toten Hosen für einen der legendärsten Momente des Festivals. Der Sänger Campino kletterte während des Konzerts über die Lautsprechertürme in das Fenster eines benachbarten Hauses. Er riss Geranien aus den Blumenkisten, warf sie ins Publikum und verteilte Gegenstände aus der Wohnung.Als er später erfuhr, dass es die Wohnung des Pfarrers war, in die er eingestiegen war, entschuldigte sich Campino bei der Kirchgemeinde. Er schenkte ihr als Wiedergutmachung Hunderte Gesangsbücher.Wieder droht das EndeIn der Mitte der neunziger Jahre wechselte die Leitung des Festivals. Und die Neuen träumten vom ganz grossen Durchbruch. So buchten sie etwa 1995 Green Day, die Foo Fighters, Radiohead und Soundgarden. 1996 spielten The Prodigy, The Offspring, Placebo und Züri West. Zwei Jahre in Folge schrieben die Veranstalter Verluste. Sie taten sich schwer damit, sich davon zu erholen. Im Jahr 2000 stand gar die Auflösung des Vereins auf der Traktandenliste.Doch die Vereinsmitglieder entschieden sich dagegen. Stattdessen organisierten sie einen Sponsorenlauf und verzichteten auf ein Engagement der ganz grossen Namen.Immer wieder fanden sich Menschen, die das Festival mittrugen: Freiwillige, die unzählige Stunden arbeiteten, Sponsoren, die Geld beisteuerten – und ein Verein, der trotz Rückschlägen nicht aufgab.Freiwillige leisten Arbeit im Wert von fast 1 Million Franken, damit das Festival stattfinden kann.Laura Rubli2025 leisteten die Vereinsmitglieder zusammen mit 1200 Helfern insgesamt 31 000 Stunden Freiwilligenarbeit. Bei einem Stundenlohn von 30 Franken entspricht das einem Gegenwert von 930 000 Franken.Der Kommunikationschef David Bircher sagt dazu: «Wir haben das grosse Glück, dass wir in Winterthur sehr gut verankert sind.» 42 Prozent der Helferinnen und Helfer gäben an, dass sie mithelfen, weil sie die Musikfestwochen eine gute Sache finden – nicht wegen der kostenlosen Konzerttickets, Verpflegungsbons und Merch-Gutscheine, die es ab einer bestimmten Anzahl geleisteter Stunden gibt.«Wir sind kein durchgeplantes Hochglanzfestival», sagt Bircher. Manches sei ein bisschen «handglismet». Und genau das mache den Reiz aus. Als Beispiel erzählt er eine Anekdote aus dem vergangenen Jahr.Damals habe der Lastwagenfahrer der deutschen Indie-Pop-Band Provinz aufgrund der vorgeschriebenen Ruhezeiten den Lastwagen nach dem Ausladen mitten auf der Steinberggasse in der Altstadt stehen lassen müssen. Helferinnen und Helfer hätten herumtelefoniert, bis ein Helfer mit Lastwagenausweis gefunden wurde, der das Fahrzeug zum vorgesehenen Parkplatz habe fahren können.Als er abgefahren sei, hätten die Helferinnen und Helfer auf der Steinberggasse gejubelt.Passend zum Artikel