Madrid (dpa) - „60 segundos de oro“ – 60 goldene Sekunden. So nennt der staatliche spanische Fernsehsender RTVE die totale Sonnenfinsternis, die am Abend des 12. August Hunderttausende Menschen zusätzlich zu Millionen Urlaubern nach Spanien locken dürfte. Denn das Himmelsschauspiel dauert zwar je nach Standort nur rund eine Minute. Für Hotels, Restaurants und andere kleine Betriebe in Spaniens oft vergessenem Hinterland könnte sie sich jedoch als Goldgrube erweisen.Entlang der sogenannten Totalitätszone quer durch Nordspanien bis zu den Balearen herrscht bereits Ausnahmezustand. Hotels sind vielerorts ausgebucht, die wenigen verbliebenen Zimmer kosten auch Tage vor dem Ereignis oft ein Vielfaches der üblichen Augustpreise. Privatleute bieten Dachterrassen oder Gärten mit freier Sicht auf den Abendhimmel an. Für besonders begehrte Balkone werden nach Medienberichten bis zu 700 Euro verlangt. Vor allem das ländliche Spanien, wohin sich sonst nur wenige Urlauber verirren, hofft durch die Sonnenfinsternis auf einen dauerhaften Aufschwung des Tourismussektors. Jon Cherry/AP/dpaVergleichbar mit einer Fußball-WMReiseveranstalter sprechen von einer Nachfrage, wie sie sonst nur bei internationalen Großereignissen zu beobachten ist. Mit einem Unterschied: Anders als eine Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele muss Spanien das Spektakel nicht ausrichten – es kommt gratis vom Himmel.Nach Berechnungen des Beratungsunternehmens AFI wird das astronomische Ereignis 421 Millionen Euro zusätzliche Wirtschaftsleistung bringen. Rund 327.000 Menschen werden demnach eigens wegen des Naturschauspiels zur Totalitätszone reisen, geschätzte 80 Prozent davon aus dem Ausland.Das entvölkerte spanische Hinterland hofft auf TouristenDie größten Gewinner werden mehrheitlich Gegenden sein, die nicht im Fokus der Urlauber stehen. Es ist die sogenannte „España vaciada“ – die dünn besiedelten und von Landflucht geprägten Regionen im Landesinneren. Dort, wo im Hochsommer oft nur wenige Einheimische unterwegs sind, werden nun Tausende zusätzliche Besucher erwartet. Gerade diese Regionen gelten mit häufig wolkenfreiem Himmel, wenig Lichtverschmutzung und freier Sicht zum westlichen Horizont als ideale Beobachtungsorte.Vielerorts reibt man sich dort die Hände. Paula Fernández ist im Dorf Sahechores in der Provinz León heimisch, rund 300 Kilometer nordwestlich von Madrid. Ihr Restaurant „Aitalas“ ist am 12. August ausgebucht – und zwar schon seit zwei Jahren. Den Anfang machte nach ihren Worten die Reservierung einer 40-köpfigen Reisegruppe aus Japan.Hotelbuchungen schnellen um mehr als 380 Prozent in die Höhe„Wir dachten zuerst, das sei ein Scherzanruf“, erzählte die junge Gastronomin in einem Bericht von RTVE. Von der bevorstehenden Sonnenfinsternis habe damals im Dorf noch kaum jemand gesprochen. Fernández betreibt auch einen Campingplatz. So viele Gäste wie in diesen Tagen habe sie dort noch nie gehabt, sagte sie. Besucher aus den Niederlanden, Dänemark, Portugal und anderen europäischen Ländern hätten Stellplätze für mehrere Tage reserviert.Campingplätze und Unterkünfte entlang der Totalitätszone meldeten bereits Monate vor dem Ereignis ausgebuchte Kapazitäten. Auch kleinere Provinz-Hauptstädte wie León oder Burgos profitieren von dem Boom. Nach Angaben von AFI stiegen die internationalen Hotelbuchungen in kleineren Städten entlang der Finsternisroute gegenüber dem Vorjahr um 383 Prozent.Der Mondschatten zieht am Abend des 12. August von Galicien über Kastilien und León, Aragón und Valencia bis zu den Balearen mit Mallorca und Ibiza. Auf Mallorca zur Abwechslung mal nicht nur Sonne und StrandWer am 12. August auf Mallorca noch einen Tisch mit Blick auf den Sonnenuntergang ergattern will, braucht Glück. Vor allem Restaurants an der Westküste und rund um die Bucht von Palma melden eine extrem hohe Nachfrage. Hotels werben mit speziellen Finsternis-Paketen – von Beobachtungsabenden auf Dachterrassen bis zu Menüs unter freiem Himmel mit astronomischer Begleitung.Wer die totale Sonnenfinsternis in Spanien am kommenden Mittwoch beobachten will, muss unbedingt eine dafür zertifizierte Spezialbrille aufsetzen. Anderenfalls drohen irreparable Augenschäden. Marijan Murat/dpaDie Behörden bereiten sich unterdessen seit Wochen auf den Besucheransturm vor. Das Wissenschaftsministerium verteilt gemeinsam mit der öffentlich-rechtlichen Blindenorganisation Once zudem zwei Millionen zertifizierte Schutzbrillen kostenlos. Sie werden über Once-Losverkäufer sowie Wissenschaftszentren, Museen und Universitäten ausgegeben. Zugleich warnen die Behörden eindringlich davor, ohne geeigneten Schutz direkt in die Sonne zu blicken, weil es dann zu einer dauerhaften Augenschädigung kommen kann.Regionen und Gemeinden organisieren Informationsveranstaltungen und öffentliche Beobachtungsplätze im Stile der Public Viewings bei einer Fußball-WM. „Die Vorfreude ist nicht minder groß“, meinte ein TV-Kommentator.Wichtig ist ein guter AussichtspunktDa die Sonnenfinsternis jedoch ganz kurz vor Sonnenuntergang eintritt, die Sonne dann also schon ganz tief über dem Horizont steht, ist die Wahl eines geeigneten Aussichtspunkts Richtung West-Nordwest entscheidend. So schiebt sich der Mond von Mallorca aus gesehen gegen 20.31 Uhr für 1 Minute und 36 Sekunden vor die Sonne, die dann nur 18 Minuten später untergeht. Schon ein kleiner Hügel, ein Baum oder ein Gebäude können die Sicht in den entscheidenden Sekunden verdecken. Die verschiedenen autonomen Gemeinschaften und Provinzen haben deshalb rund 350 offizielle und empfohlene Beobachtungsplätze ausgewiesen. Die offiziellen Beobachtungspunkte für teilweise Tausende Besucher und ihre Fahrzeuge dienen auch dazu, die Gefahr von Waldbränden einzudämmen. Und diese Gefahr ist extrem, wie die verheerenden riesigen Waldbrände der vergangenen Wochen gezeigt haben. Zehntausende Menschen, die in knochentrockene Naturregionen pilgern, könnten unbeabsichtigt neue Brände auslösen, die sich blitzschnell ausbreiten. Für Besucher, die sich in der Region nicht gut auskennen, kann es dann schwierig werden, sich in der Dunkelheit in Sicherheit zu bringen.Gefahr von Waldbränden immensDie spanischen Behörden sind wegen der Waldbrandgefahr durch zehntausende Touristen in ländlichen Gebieten während der Sonnenfinsternis am kommenden Mittwoch in höchster Alarmbereitschaft. Elena Fernández/EUROPA PRESS/dpaDeshalb behalten sich die Behörden vor, manche Naturreservate und Waldwege ganz zu sperren. Auf keinen Fall sollte man sein Fahrzeug über trockenem Gras abstellen, das schon durch einen heißen Auspuff in Brand geraten kann. Lagerfeuer, Campinggaskocher, Grillen und Rauchen sind im Sommer in Wäldern ohnehin verboten. Verstöße werden mit empfindlichen Bußgeldern geahndet. Wer einen Waldbrand auslöst, dem droht sogar Gefängnis.Dass das Naturschauspiel ausgerechnet mitten in der Ferienzeit stattfindet, erhöht den Andrang zusätzlich. Für viele Orte im Spanien der Landflucht könnten die „60 segundos de oro“ deshalb weit länger nachwirken als die kurze Verdunkelung des Himmels. „Die Besucher werden nicht nur die Sonnenfinsternis sehen, sondern auch unsere wunderbare Region und werden fasziniert sein“, hofft nicht nur Restaurantbetreiberin Paula.Sonnenfinsternis-Trio als Katalysator für Urlaub auf dem LandDiese oft abgehängten Regionen hoffen, dass die von der Sonnenfinsternis angelockten Touristen die Reize des ländlichen Spaniens abseits der oft stark überfüllten Küstenregionen lieben lernen und auch in späteren Jahren dorthin für einen Urlaub zurückkehren. Für Astronomen ist die Sonnenfinsternis ein Jahrhundertereignis. Es wird die erste totale Sonnenfinsternis über dem spanischen Festland seit 1905 sein – und der Auftakt einer außergewöhnlichen Serie: Nach 2026 wird es auch in den beiden Folgejahren über der Iberischen Halbinsel beziehungsweise über Spanien Sonnenfinsternisse geben. Am 2. August 2027 ist der Kernschatten einer weiteren totalen Sonnenfinsternis vom Süden des Landes aus zu sehen.Und schon am 26. Januar 2028 folgt eine ringförmige Sonnenfinsternis, die sich vom Südwesten nach Nordosten über das Gebiet erstreckt. Dabei schiebt sich der Mond genau wie am Mittwoch kommender Woche vor die Sonne. Er kann sie aber wegen seiner großen Entfernung zur Erde nicht komplett verdecken, sodass der äußere Rand der Sonne als heller, feuriger Ring um die dunkle Mondscheibe herum sichtbar bleibt. Immer vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.© dpa-infocom, dpa:260807-930-495490/1