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Unfertige 777X auf einer Rollbahn. Foto: LiveEO/Google Earth/Airbus Wirtschaft von oben #414 – Boeing: Das nächste Boeing-Debakel stellt selbst die 737 Max in den Schatten Der Langstreckenjet 777X sollte Boeings großer Zukunftsflieger werden. Satellitenbilder zeigen nun, wie er zum größten wirtschaftlichen Problem in der Firmengeschichte wird. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.

Der Flughafen Paine Field bei Seattle im US-Bundesstaat Washington hält viele Rekorde. Das Terminal hat den wohl reichsten Eigentümer der Branche, die gut 15 Billionen Dollar schwere Investmentgesellschaft BlackRock. Auf dem Gelände steht das größte Gebäude der Welt, mit rund 13 Millionen Kubikmetern umbautem Raum. Bis 2023 fertigte der weltgrößte Flugzeughersteller Boeing dort das einst größte Verkehrsflugzeug der Welt, den Jumbo 747.Inzwischen ist der in der Branche PAE abgekürzte Airport auch der wertvollste Langzeitparkplatz der Welt. Auf den Rollfeldern und Wegen rund um die knapp 2800 Meter lange Startbahn stehen neben aktiven Linienflugzeugen seit 2021 immer mehr hochmoderne Langstreckenjets, wie Satellitenbilder zeigen.Mit ihrem Katalogpreis von zusammengerechnet bis zu 13 Milliarden Dollar warten sie darauf, bewegt zu werden. Zu den rund drei Dutzend meist türkisfarbenen unlackierten Fliegern kommt alle paar Wochen ein neuer dazu.Über diesen Rekord spricht Boeing lieber wenig. Die türkisen Riesen sind Exemplare der 777X. Die ist zwar das wichtigste Zukunftsmodell des Konzerns und ein Verkaufserfolg, aber auch sein größtes Problem. Weil Boeing die ersten Exemplare, statt wie geplant im Jahr 2020, frühestens im Frühjahr 2027 ausliefern kann, belastet das Modell Schätzungen zufolge die ohnehin geschwächte Konzernbilanz – mit bis zu 110 Milliarden Dollar.Und das könnte noch zu optimistisch sein. So hält Tim Clark, Chef der Fluglinie Emirates aus Dubai und aktuell größter Abnehmer des Jets, das Ziel 2027 für „ambitioniert“. Auch sei ein Teil der jahrelang bei Seattle geparkten Jets schrottreif und tauge, so Clark kürzlich auf einer Luftfahrtmesse, nur als „Material für Konservendosen“. Besonders betroffen ist Lufthansa: Als Erstkundin wartet sie auf 34 Maschinen.Boeing will das Problem jetzt angehen. Das verspricht Stephanie Pope, Leiterin des Zivilgeschäfts und damit auch für die 777X verantwortlich. „Dafür gehen wir neue Wege“, sagt sie und meint eine Rückkehr zur alten Boeing-Linie: Ingenieurtugend hochhalten statt schnellem Profit. Denn spätestens bei einer weiteren Verzögerung wäre die 777X die folgenreichste Produktpanne der zivilen Luftfahrt – was die ganze Flugbranche durcheinanderwirbeln würde.„Wie das Projekt lief, macht uns allen das Leben noch schwerer“, sagt ein Brancheninsider. Für ihn und viele Kollegen verzögert die 777X angesichts wachsender Klimaauflagen nötige Kerosineinsparungen. Wegen immer neuer Pannen schauen Aufsichtsbehörden noch genauer hin als bei der Neuzulassung der Boeing 737 Max nach ihren beiden Abstürzen mit 346 Toten. „Was früher Wochen dauerte, braucht nun oft Monate“, sagt ein deutscher Luftfahrtzulieferer. Und weil die 777X für Boeing das fünfte verpatzte Großprojekt in Folge ist – nach der 787, der 737 Max, dem Präsidentenflieger Air Force One und dem Militärtanker KC46 Pegasus –, ist das Vertrauen der Airlines weg.