Isabella Rossellini wird in Locarno geehrt und sagt: «Ich habe ein Dilemma, und es betrifft den roten Teppich»Am Filmfestival spricht die Schauspielerin über ihr Leben als Kind berühmter Eltern und den Wert von Durststrecken. Und sie erklärt, warum sie kein wandelnder Kleiderständer von Modelabels sein will.06.08.2026, 16.00 Uhr4 LeseminutenIsabella Rossellini trägt am Locarno Film Festival selbst entworfene Kleider.Jean-Christophe Bott / KeystoneIhr voller Name ist reine Poesie: Isabella Fiorella Elettra Giovanna Rossellini. Und der Funke, dem sie ihre Existenz verdankt, sprang auf einer magischen Vulkaninsel im Meer vor Sizilien. Roberto Rossellini drehte 1949 auf Stromboli seinen gleichnamigen Film mit der schwedischen Hollywood-Ikone Ingrid Bergman in der Hauptrolle. Die beiden waren verheiratet. Allerdings nicht miteinander.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ihr gemeinsamer Ehebruch führte zu einem Söhnchen und einem Skandal, im konservativen Amerika noch mehr als im katholischen Italien. Isabella schliesslich kam 1952 zur Welt, in Rom, wo die Künstlerehe bald scheiterte. Sie ging ihren Weg, indem sie sich weder auf dem Ruhm der Eltern ausruhte noch an diesem zerbrach. Welch reiches Leben daraus entstanden ist, künstlerisch wie privat, beweist sie als erster Stargast des 79. Locarno Film Festival.Zwischen Hochglanz und AbgrundDie Schauspielerin, fünf Jahre jünger als das Filmfest, wird bei dessen Eröffnung auf der vor Sommerhitze glühenden Piazza Grande am Mittwochabend geehrt. Die Zeremonie wirkt etwas flau, doch der Beifall ist gross, als Rossellini den Ehrenleoparden stemmt. Sie wird ihn gewiss artgerecht halten: So ein Exemplar fehlt ihr noch auf ihrem Biobauernhof im Hinterland von New York, wo die italienisch-amerikanische Doppelbürgerin und engagierte Verfechterin des Tierwohls unter anderem mit Schafen lebt.Auf der Piazza erscheint sie in schlichtem, langem Kleid in Crèmeweiss, es ist ihr eigenes Design, wie sie in einer kleinen Medienrunde vorher erklärt hat. Dabei trägt sie einen aparten hellen Hosenanzug, ebenso von ihr entworfen, samt den Verzierungen aus Wolle ihrer Schafe: «Ich habe ein Dilemma, und das Dilemma ist der rote Teppich», sagt sie. Dort trügen Stars oft Markenkleider und Schmuck, wofür die Labels sie bezahlten. Viele im Publikum wüssten das nicht, und sie fühle sich unwohl bei dem Gedanken, so sehr sie Mode liebe.Ein wandelnder Kleiderständer zu sein, das widerspricht ihrer Vorstellung von feministischer Haltung und Vorbildwirkung. Also trägt sie bei solchen Gelegenheiten gern «meine eigenen Sachen», wie sie es nennt. Das liegt auf der Hand – als junge Frau hatte sie sich zur Mode- und Kostümdesignerin ausbilden lassen, ehe sie zu modeln begann.Zu Rossellinis typischem Erscheinungsbild gehören auch die dunkle Kurzhaarfrisur und ihr unverkrampftes Lächeln. Sie bezeichnet sich ohne Umschweife als glücklich und sagt in Interviews, das Älterwerden könne sie allen nur empfehlen. Ihr Leben ist nach ihrem eigenen Bekunden erst nach ihrem 60. Geburtstag zur vollen Blüte gelangt.Dafür spricht auch ihre natürlich gereifte Schönheit, ihr Gesicht stünde dem Plakat dieser Festivalausgabe besser an als das gewählte. In den achtziger Jahren gehörte es, noch um ein paar Fältchen ärmer, zu den bekanntesten der Welt: Es warb für die Pariser Kosmetikfirma Lancôme, ehe diese mit 42 Jahren sozusagen die Altersguillotine fallen liess (und Rossellini zwanzig Jahre später wieder holte).Als Lancôme sie ausmusterte, hatte sie bereits im Filmgeschäft Fuss gefasst, in Italien, bald auch in Amerika. Ihre künstlerische Befreiung aus den Hochglanzprospekten gelang ihr 1986 im abgründigen Thriller «Blue Velvet» von David Lynch (mit dem sie später ebenso liiert war wie mit Martin Scorsese): Als Nachtklubsängerin Dorothy, von einem Sadisten traumatisiert, musste sie «sexy und anstrengend zugleich» sein, wie sie es definiert. Und hier war sie wieder, die Sexualität als Skandal.Der Wert der Durststrecken«Anders als mein Vater wünschte sich meine Mutter, dass ich Schauspielerin werde», erinnert sich Rossellini im Gespräch. Doch wie schwierig muss es sein, auf den Spuren einer der berühmtesten Frauen der Kinogeschichte zu wandeln! «Sie war siebenmal für den Oscar vorgeschlagen, ich ein einziges Mal», spielt sie ihre eigene Nominierung herunter, die so spät wie verdient kam: In ihrer Nebenrolle als strenge Schwester Agnes im Vatikan-Thriller «Conclave» (2024) degradiert sie mit reduzierter Mimik und fast ohne Worte die Kardinäle zu Statisten.Ebenso wichtig wie die Höhepunkte der Karriere waren die Durststrecken: Ohne sie hätte Rossellini nicht als Mittfünfzigerin ein Hochschulstudium in Ethologie aufgenommen, der Lehre vom Tierverhalten, und im Pensionsalter einen Master angehängt. Und sie hätte, wie sie sagt, wohl nie ihre eigenen Kurzfilme gedreht, allen voran die Reihe «Green Porno»: In 2-Minuten-Clips stellt sie in selbst entworfenen Kostümen die bizarren Balz- und Paarungsrituale von Fliegen, Schnecken, Muscheln nach, lässt uns lachen, staunen. Diese Mischung aus Poesie, Witz und Wissenschaft spiegelt ihre Neugierde auf tierisches Verhalten, die im Teenageralter ein Buch von Konrad Lorenz weckte.Robert Redford hat sie, beeindruckt von ihrem Kurzfilm-Essay über ihren Vater, vor zwanzig Jahren zu diesen Videos animiert und die Entstehung gefördert. Nun sind sie gratis auf Youtube zu sehen — und Teil einer 90-minütigen Kompilation ihrer Kürzestfilme, die eigens für das Publikum in Locarno erstellt worden ist. Rossellini wollte lieber auf diese Weise am Festival präsentiert werden als mit Reprisen ihrer schauspielerischen Glanzleistungen. Es sage mehr über sie selbst aus, findet sie.Der Skandal wirkt nachIhre Eltern begleiten Isabella Rossellini weit über deren Tod hinaus: «Nach dem Schock über den Verlust der Mutter und des Vaters kommen sie im Verlauf des Heilungsprozesses zurück in dein Leben», sagt sie. Sie sei zum Beispiel überzeugt, dass ihr Vater glücklich wäre über «Green Porno»: «Er hat Regisseure stets ermuntert, weniger auf Äusserlichkeiten zu achten als auf das, was sie erzählen wollen.»Und schliesslich spiegelt diese Filmreihe das Naturgesetz der Fortpflanzung, die am Anfang allen Lebens steht. Wenn auch mitunter als Skandal, der auf Stromboli bis heute nachzuwirken scheint. Vor einigen Jahren führte ein einheimischer Bub den Schreiber durch das Haus nahe der Bar «Ritrovo Ingrid», in dem Rossellini während der Dreharbeiten wohnte, und legte dabei Wert auf diese Feststellung: «Die beiden haben zwar hier geschlafen, aber nicht im gleichen Zimmer.»