Wer in 35 Tagen 30 Marathons läuft, neun davon mit einer Fissur im Oberschenkel, ist zweifellos ein Leistungssportler mit einer außergewöhnlich hohen Schmerztoleranz. Wer in sechs Tagen 600 Meilen zurücklegt, gehört vermutlich zu den besten Ausdauerläufern aller Zeiten: Der Weltrekord liegt bei 650 Meilen. Wer so etwas tut, um Spenden für karitative Zwecke zu sammeln, und in zwanzig Jahren über fünf Millionen Pfund einwirbt, erweist sich darüber hinaus als ebenso strebsamer wie wohltätiger Mensch.Oder aber er ist ein Lügner. Am späten Mittwochabend hat Jason Arday, Professor für Bildungssoziologie an der Universität Cambridge, seinen Rücktritt erklärt. Vorausgegangen waren immer neue Enthüllungen zu Unstimmigkeiten in seiner Biographie.Auf den ersten Blick liest sich diese wie ein Aufsteigermärchen. Geboren 1985 als Kind ghanaischer Einwanderer, wuchs er in einer Londoner Sozialbausiedlung auf. Im Alter von drei Jahren wurde bei ihm Autismus diagnostiziert, erst mit elf lernte er sprechen, mit 18 lesen und schreiben. Damit war Arday vermutlich eines der am stärksten benachteiligten Kinder Großbritanniens.Dennoch schaffte er es an die Universität, studierte Sport und Pädagogik, wurde 2015 an der John Moores University in Liverpool promoviert. Mit Forschungen zu rassistischen Strukturen im Bildungswesen machte er sich einen Namen. 2023 dann die Krönung: Arday wurde zum Professor an der Pädagogischen Fakultät in Cambridge berufen, als einer von nur sechs schwarzen Lehrstuhlinhabern der Universität und als jüngster aller Zeiten. Zeitungsporträts feierten seinen mustergültigen Aufstieg per aspera ad astra.Plagiatsvorwurf gegen RassismusvorwurfDann veröffentlichte der Biologieethiker Nathan Cofnas vor zwei Wochen einen Blogpost, in dem er Arday beschuldigt, bei seiner Doktorarbeit im großen Stil plagiiert zu haben: Mehr als 100 Stellen wiesen teils wörtliche Übereinstimmungen zu einer anderen, sechs Jahre zuvor eingereichten Doktorarbeit auf. Cofnas, der mittlerweile in Gent forscht, ist selbst eine umstrittene Figur. Weil er in einem früheren Beitrag geschrieben hatte, bei rein meritokratischen Standards würde es „so gut wie keine“ Schwarzen in hohen Positionen außerhalb der Sport- und Unterhaltungsbranche geben, war er 2024 vom Emmanuel College in Cambridge suspendiert worden.Die Universität Cambridge stellte sich zunächst hinter Arday, sprach von einer „Schmutzkampagne“ und verwies daraus, dass die Plagiatsvorwürfe von dessen Alma Mater in Liverpool bereits geprüft worden seien. Hinter den Anschuldigungen gegen das „Aushängeschild der Diversität“ („Telegraph“), die rasch von der konservativen Presse aufgegriffen wurden, vermuteten nicht wenige rassistische Motive. Eine Petition zu Ardays Unterstützung hatte bald 15.000 Unterzeichner, darunter neben angesehenen Wissenschaftlern auch der Vorsitzende der britischen Grünen.Auch rassistische Angriffe sollen erfunden seinEine am Samstag im linksliberalen „Guardian“ erschienene Recherche erhärtete die Vorwürfe jedoch und weitete sie aus. Neben Ardays akademischen Arbeiten wurden auch Teile seiner biographischen Erzählung infrage gestellt. Seine Angaben zu Leistungen als Sportler und Spendensammler etwa, die er in Interviews gern als Ausweis seiner unbändigen Willenskraft anführte, seien vollkommen unrealistisch. Auf Nachfrage musste Arday sie korrigieren.Noch schwerer wog der Vorwurf, Arday habe angeblich rassistisch motivierte Angriffe auf sich selbst erfunden. In Interviews und einem offenen Brief hatte er berichtet, er sei zweimal von einem bewaffneten Mann am Fakultätsgebäude bedroht worden, einmal habe er per Post einen Schweinskopf empfangen und daraufhin die Polizei verständigt. Doch auf Nachforschungen des „Guardian“ stellte sich heraus, dass Überwachungskameras den Vorfall ebenso wenig aufgezeichnet hatten, wie die Polizei von einer Schweinskopfuntersuchung weiß.Am Mittwochabend verkündete die Universität Cambridge, nun doch eine Untersuchung gegen Arday einleiten zu wollen, nachdem man „neue Informationen über seine akademische Karriere und Ehrenposten“ erhalten habe. Dabei dürfte es vor allem um eine Reihe von Gastprofessuren gehen, die Arday in seinem Lebenslauf angegeben hatte, ohne sie offenbar innegehabt zu haben. Kurz darauf trat Arday zurück. In einer Stellungnahme sagte er, er wolle damit seine Familie schützen, erkenne aber nicht die „Erzählungen“ an, die über ihn verbreitet worden seien.Ardays Fall ist die klassische Geschichte eines Hochstaplers, der seinem Aufstiegswillen die Wahrheit unterordnete. Politisch brisant wird er, weil die Universität Cambridge seine Berufung 2023 als Ausweis des eigenen Einsatzes für Diversität verstanden wissen wollte und immer wieder mit seiner Identität als schwarzem Arbeiterkind warb. Seine Entlarvung ist nun Wasser auf die Mühlen derjenigen, die meinen, dass Diversitätsziele zulasten akademischer Standards verfolgt worden seien und die Universität bei einem weißen Kandidaten womöglich gründlicher nachgeforscht hätte.